Die Münchner Schmuckdesignerin Saskia Diez wandert mit uns entlang der Isar zu einer alteingesessenen Waldwirtschaft und erklärt dabei, weshalb Schmuck in ethnologischer Hinsicht mit Schmerz zu tun hat und warum das Entwerfen für sie ein Akt der Liebe ist.
Wir treffen Saskia Diez in ihrem Atelier in der Münchner Geyerstraße, einem weiß getünchten Raum mit hohen Decken. Ihr Arbeitsplatz ist übersät mit bunten Edelsteinen. Rosa Opale, türkisfarbene Amazonite, zartblaue Chalcedone und eisenglänzende Hämatite warten darauf, sich in Schmuckstücke zu verwandeln. Saskia arbeitet an der Kollektion für Sommer 2022, die nach der Zeit der Einschränkungen viel von Lebensfreude erzählen soll.
Wir sind zum Spaziergang an der Isar verabredet und verlassen das Glockenbachviertel, das für seine gut durchmischte Gastronomie und den leicht alternativen Einschlag bekannt ist. Nachdem wir die Wittelsbacherbrücke mit dem historischen Reiterstandbild Ottos I. überquert haben, biegen wir links in den Fußgängerweg, der hinunter zur Isar führt. Welche Richtung man auch einschlägt, ob stromauf- oder stromabwärts – ab hier liegen viele Kilometer Isarauen vor einem.
„Das Schöne an München ist, dass man von der Innenstadt aus direkt loswandern kann“, sagt Saskia, als wir dem Feldweg stromaufwärts folgen. Der Wind fährt in die großen Weiden, die das Ufer säumen, der Fluss dahinter ist durch den Regen der letzten Tage angeschwollen. Saskia Diez ist am Ammersee aufgewachsen und kann sich ein Leben fernab eines Gewässers nicht vorstellen. „Ich muss den Horizont sehen. Wasser steht für mich für Weite, aber auch für Tiefe.“ Obwohl ihre Arbeit und ihre drei Kinder nicht viel Spielraum lassen, nimmt sie sich bisweilen die Zeit, um diese befreiende Weite zu erleben und die inspirierende Tiefe zu spüren.
Seit 2007 entwirft Saskia, die nach einer Goldschmiedelehre in München Industriedesign studiert hat, ihre eigene Kollektion. Der Durchbruch kam mit der Teilnahme an einem Wettbewerb, für den sie Metallarmbänder gestaltete, die im Sportbereich als Gewichtsmanschetten eingesetzt werden konnten. Zuvor hatte sie unter anderem für die Porzellanmanufaktur Rosenthal gearbeitet, war jedoch immer auf der Suche nach einer eigenen Ausdrucksmöglichkeit gewesen. Saskia Diez war früher Kampfsportlerin, hat ganze Wochen im Schweigekloster verbracht und in der Schulzeit so lange ihre Muskeln trainiert, bis sie alle Jungs ihrer Klasse im Armdrücken besiegt hatte. Doch neben der Ausdauer, dem starken Willen und der Kraft strahlt sie Sensibilität und Sinnlichkeit aus. Beide Pole ihres Charakters spiegeln sich in ihren Kollektionen, die in Teilen filigran, andererseits aber auch markant, kraftstrotzend und plakativ sind.
Der Fluss an unserer Seite teilt sich – und findet hinter einer kleinen Isarinsel wieder zusammen. Hölzerne Fußgängerbrücken prägen das Bild. An der Uferböschung stören wir vier halbwüchsige Mandarinenten versehentlich beim Mittagschlaf. Der Weg wechselt von Gras zu Schotter und schließlich zu Kiesel, bevor es nach etwa zwei Stunden ein Stück steil bergan geht, durch einen dichten Buchenwald hindurch, zum Biergarten der Waldwirtschaft. Auf uns warten Brezeln, Obazda, die würzige bayrische Käsecreme aus Camembert, Paprika und Zwiebeln, Krautsalat und ein großes Helles.
Welche Bedeutung hat Schmuck für dich?
Schmuck hat für mich mit dem Körper und seinen Bewegungen zu tun und steht für individuellen Ausdruck und Selbstliebe. Ich schmücke mich, ergo liebe ich mich. Darüber hinaus kann Schmuck aber auch ein Schild sein, eine Rüstung, die mir Sicherheit verleiht.
So wie in archaischen Gesellschaften?
Ja, im ethnologischen Kontext hat Schmuck hohen Symbolcharakter, wenn es um die Anthropogonie, die mythologische Vorstellung von der Entstehung der menschlichen Spezies, geht. Das schmerzhafte Durchstechen der Ohrläppchen beispielsweise erinnert den Menschen daran, dass er nicht mehr göttlich und somit nicht unverwundbar, sondern sterblich ist. In einigen Kulturen wird das entstandene Loch als eine Art zweiter Gehörkanal verstanden, der uns erst befähigt, richtig zu hören und zu verstehen. Ich mag diese Symbolträchtigkeit von Ohrschmuck, daher trage ich gerne Earcuffs, wobei sie auch ohne Ohrlöcher funktionieren. Also ohne Schmerz.
An wen denkst du beim Entwerfen?
Ich gehe fast immer von mir selbst aus. Was würde ich gerne tragen? Schmuck eröffnet uns die Möglichkeit, die Stellen des Körpers zu betonen, die wir an uns mögen. Das ist für mich die wichtigste Funktion von Schmuck.
Deine Entwürfe sind teilweise sehr filigran, andere wiederum plakativ.
Ich lote gerne Grenzen aus. Oft frage ich mich: Wie fein kann ich werden? Bisweilen habe ich Lust, Schmuck zu entwerfen, der fast unsichtbar ist und vor allem auf das Bewusstsein des Trägers ausgerichtet und weniger auf den Betrachter. Dabei geht es mir mehr um die Idee von Schmuck. Denn es macht immer einen Unterschied, ob ich ein Schmuckstück trage oder nicht, egal wie sichtbar es ist.
Eine Art autoerotischer Akt?
Genau. Während mir also an manchen Tagen danach ist, fast heimlich Schmuck zu tragen, fühle ich mich an anderen Tagen, als bräuchte ich ein Schild, oder ich möchte etwas Starkes zum Ausdruck bringen. Das ist dann ein Tag, für den die markanteren Stücke bestimmt sind. Der Gedanke des unsichtbaren Schmucks liegt auch meinen Parfums ‚Gold‘ und ‚Silver‘ zugrunde, die ich zusammen mit Geza Schön entwickelt habe.
Was empfindest du bei der Arbeit?
Schmuck zu entwerfen ist für mich eine Möglichkeit, Liebe zu geben, aber auch Liebe zu empfangen. Schmuck ist ja etwas Intimes, sehr Persönliches, und ich fühle mich mit den Menschen, die meinen Schmuck tragen, innerlich verbunden. Das ist sehr befriedigend.
Deine Kollektion ist unisex. Damit hast du schon früh die Zeichen der Zeit erkannt.
Ja, ich hatte von Anfang an männliche Kunden. Meiner Meinung nach hatten Männer lange lediglich die Wahl zwischen einem martialischen Rock- oder Punk-Stil und unterkühltem Design. Androgynen filigranen Schmuck für Männer gab es gar nicht. Wenn ein Mann sich eines der feinen Schmuckstücke ausgesucht hat, haben wir die Größen anfangs nach Bedarf angepasst. Inzwischen kann ich einen emanzipierteren Umgang mit dem Thema Schmuck feststellen und wir fertigen viele Stücke bereits mit in Männergrößen an.
Wie gehst du vor, wenn du ein neues Stück entwirfst?
Ich habe schon als kleines Kind Schmuckstücke gebastelt und nähere mich neuen Entwürfen experimentell. Ich fertige zwar auch Zeichnungen an, sie sind für mich aber eher Notizen. Ein Gedanke schwingt im kreativen Prozess jedoch immer mit: Ich möchte, dass meine Arbeiten erschwinglich bleiben.
Welche Rolle spielt München für deine Arbeit?
Anfangs war ich mir nicht sicher, ob ich nicht vielleicht besser nach Berlin gehen soll, wo die meisten Kreativen leben und arbeiten. Du musst wissen: München ist keineswegs eine Stadt, die einen Start einfach macht. Die Leute hier suchen zunächst nicht unbedingt nach dem Neuen – nach dem, was sie noch nicht kennen. Die ersten Jahre habe ich in Pariser Showrooms ausgestellt und nicht in München, sondern in New York und Tokio verkauft. Dennoch habe ich das Leben und Arbeiten hier zu schätzen gelernt. Mit Kindern ist es in München entspannter als in vielen anderen Großstädten und zudem gibt es eine lange Schmucktradition. Du hast eine sehr gute Infrastruktur, Werkstätten und Scheideanstalten, von denen ich meine recycelten Edelmetalle beziehe. Ich muss nur 300 Meter gehen, dann kann ich Gold, Steine, Perlen und Werkzeug einkaufen. Tatsächlich kann ich alles zu Fuß und mit dem Fahrrad erledigen. Das ist wahrer Luxus.
Konfekt,
Mai 2022