← PrevSalon - Andria Mitsakos
Next →Salon – Grand Tour Switzerland

„Die Düfte und Aromen von Zypern haben sich tief in mich eingeschrieben“

Art & Culture / Fashion / Travel

Hussein Chalayan gilt als Avantgardist. Seit seinem Abschluss am renommierten Central Saint Martins College vor über dreißig Jahren erregt der Modeschöpfer mit seinem experimentellen Ansatz und dem Performancecharakter seiner Präsentationen immer wieder die Aufmerksamkeit der Modewelt – von London bis Paris. Nicht nur das: Chalayans Arbeiten finden ihren Weg auch immer öfter in Museen und Galerien. Ein wichtiges Motiv im Schaffen des 1970 in Nikosia geborenen türkischen Zyprioten ist seine Heimatinsel im Mittelmeer. An einem sonnigen Sonntagmorgen erklärt uns der Wahl-Athener, welchen Einfluss seine Herkunft auf sein Schaffen hat, was er angehenden Modedesignern rät und welche Zukunftswünsche er hegt.

Nomas: Im Februar 2020 hast du deine bis dato letzte Kollektion ‚Dream Tracks‘ auf der London Fashion Week gezeigt. 2021 dann gab es eine große Retrospektive, in der du Mode, Kunst, Installationen und Filme in der Power Station of Art in Shanghai präsentiert hast. In einer darauffolgenden Ausstellung im Sakip Sabanci Museum in Istanbul wurde ausschließlich Kunst gezeigt, genauso wie in der Show deiner Galerie Pilevneli in Istanbul. Wechselst du sukzessive die Disziplin?

Hussein Chalayan: Nun, da hat eine Entwicklung stattgefunden. Aber ich habe schon immer parallel zu meiner Tätigkeit als Designer künstlerisch gearbeitet und meine Mode wie Kunst präsentiert. Es ist also kein ‚Ich war Designer, jetzt bin ich Künstler‘. Schon zu Beginn meiner Karriere wurden meine Arbeiten in Galerien und Museen gezeigt und an Sammler verkauft. Dennoch war die Retrospektive in Shanghai etwas Besonderes: Es war das erste Mal, dass die Power Station of Art Mode im Kunstkontext gezeigt hat. Um ehrlich zu sein, genieße ich es gerade, künstlerisch zu arbeiten. Ich kann mich freier ausdrücken, weil ich mich vom Körper lösen kann.

Nomas: Du hast seit Neuestem eine Adresse in Athen, pendelst nun zwischen London und der griechischen Hauptstadt. Warum?

Hussein Chalayan: Das hört sich glamouröser an, als es ist. (lacht) Mein Partner und ich sind erst kürzlich nach Athen gezogen, weil wir hier die Möglichkeit hatten, eine Wohnung mit Outdoor-Space zu beziehen. Das findet man in London selten. Wir fühlen uns in Athen sehr wohl, Griechenland ist mir vertraut, weil ich aus Zypern stamme – auch wenn ich türkische Wurzeln habe.

Nomas: Du bist in Nikosia auf Zypern geboren. Hast du auch deine Kindheit dort verbracht?

Hussein Chalayan: Während meiner Kindheit lebte ich abwechselnd in London, bei meinem Vater, und auf Zypern bei meiner Mutter. Sie hatten sich getrennt, als ich fünf war.

Nomas: Welche Erinnerungen verbindest du mit Zypern? Wie hat dich das Leben dort geprägt?

Hussein ChaIayan: Meine zypriotische Herkunft hatte großen Einfluss auf mich. Ich selbst war Einzelkind, lebte dort aber umgeben von Onkeln, Tanten und vielen Cousinen und Cousins in einem Haus im Zentrum von Nikosia, nahe der Grenze. Immer kam jemand zu Besuch, das war ganz anders als in London. Die Familienbande von damals sind noch heute sehr stark. Als Kind war ich schnell gelangweilt, doch die Langeweile hat mich kreativ werden lassen. Hinzu kam, dass der türkische Teil von Zypern räumlich isoliert war – das weckte eine generelle Neugier in mir. Auch die Natur hat mich stark geprägt. Ich verbrachte im Sommer etwa drei Monate im Haus meiner Tante, am Meer. Wir waren pausenlos im Wasser, beim Mittagessen trockneten die Badehosen, dann ging es wieder los. Die Sinnlichkeit von Zypern, die Düfte und Aromen der Insel, haben sich tief in mich eingeschrieben.

Nomas: Hat deine Herkunft deine Arbeit beeinflusst?

Hussein Chalayan: In großem Ausmaß. Du kennst vielleicht meine Kollektionspräsentation ‚Afterwords‘ von Herbst/Winter 2000, in der aus Wohnzimmermöbeln Kleidungstücke und Accessoires werden. Sie bezog sich auf die Not der Flüchtlinge des Kosovokriegs 1998/99, die schnell die Flucht ergreifen mussten und nur wenig mitnehmen konnten, aber auch auf Fluchterfahrungen meiner Familie. In der letzten Szene der Präsentation findet eine Metamorphose der Möbel statt: Sitzbezüge verwandeln sich in Kleider und der Couchtisch in einen Rock. Auf einer Flucht geht es für viele darum, alles mitzunehmen, was man tragen kann. Für meine Frühjahr-/Sommer-Kollektion 2004 habe ich einen Film auf dem verlassenen Athener Flughafen gedreht, der das Thema Grenze und Grenzübergang behandelt. Der Film heißt ‚Temporal Meditations‘, ich habe ihn anlässlich der Pitti Uomo in einem Kino in Florenz gezeigt.

Nomas: Welche Geschichte erzählt der Film?

Hussein Chalayan: Zum einen verschmelzen in ihm Gegenwart und Vergangenheit. Zypern gehörte zum Osmanischen Reich, später wurde es von den Venezianern erobert, dann kamen die Römer. Im Film geht es aber auch um andere Dinge, die ich mit Zypern verbinde, den Aberglauben und den Kampf um die Grenze. Die Isolation. Die Frage der Identität. Es gibt Szenen, da wird in einem Kaffeesatz gelesen, die Tassen zerspringen und die Scherben bilden den Umriss von Zypern. Der Film entstand zu einer Zeit, als Fashion-Film noch ein neues Format war, und er wurde später oft im Kunstkontext gezeigt. Es war also nicht unbedingt ein reiner Fashion-Film.

Nomas: Du giltst als Avantgardist und als jemand, der den gesellschaftlichen Diskurs nicht scheut, sondern sucht. Woher kommen deine Inspirationen?

Hussein ChaIayan: Das ist eine gute Frage. Ich bin generell eine sehr neugierige Person und meine Arbeit dient mir dazu, die Welt um mich herum besser zu verstehen. Ich nutze sie auch als Vehikel für innere Konflikte. Doch nicht immer bringt sie mir eine einfache Lösung, und nicht immer ist die Erfahrung positiv. Ich möchte durch meine Arbeit neue Dinge erlernen. Und was mich immer begeistert hat, ist die Idee, Mode multidisziplinär zu verknüpfen. Als ich mein Studium begann, gab es bereits so viele großartige Designer, ich hatte den Wunsch, ihrer Arbeit etwas Neues hinzuzufügen. Allerdings hat mein interdisziplinärer Ansatz auch dazu geführt, dass die Leute meine Arbeit nicht immer einordnen konnten. Er war gleichzeitig ein Distinktionsmerkmal und ein Hindernis. Wenn die Menschen dich als zu künstlerisch einstufen, vergessen sie bisweilen, wie viel Mühe darin steckt, die geschaffene Mode trotzdem tragbar zu machen.

Nomas: Du hast dich auch mit der Schnittstelle zwischen Kunst, Mode und Technologie beschäftigt. Bist du jemand, der optimistisch in die Zukunft blickt, was neue Technologien angeht – der technische Innovationen schnell annimmt?

Hussein ChaIayan: Neue Technologien einzusetzen fällt mir meist leicht, aber ich finde, man muss danach unterscheiden, was die Technologie bewirkt. Wenn sie dazu führt, dass eine Isolation von der echten Welt stattfindet, und sie die Nutzer desensibilisiert, ist sie gefährlich. Wenn sie es aber ermöglicht, neue Verbindungen aufzubauen und verschiedene Facetten des Lebens zu verknüpfen, finde ich sie hilfreich – solange nicht versucht wird, den menschlichen Geist und essenzielle menschliche Werte zu ersetzen.

Nomas: Du unterrichtest Modedesign an der HTW, der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Was reizt dich an der Arbeit mit den Studierenden?

Hussein Chalayan: Eigentlich wollte ich gar nicht in den akademischen Betrieb, ich bin da ein bisschen reingerutscht. Nun aber stelle ich fest, dass zu lehren auch lernen bedeutet – und dass es mich sehr bereichert. Mich interessiert Jugendkultur. Wie die jungen Studierenden die Welt sehen, die ja in das digitale Zeitalter hineingeboren wurden, finde ich sehr inspirierend. Sie stehen in engem Kontakt zueinander, mehr als es bei uns der Fall war, als wir aufwuchsen. Nachhaltigkeit ist keine neue Idee mehr für sie, insbesondere in Berlin nicht, sondern eine Art zu leben.

Nomas: Wie bereitest du die Studierenden darauf vor, dass die Modewelt von Luxusmarken und großen Vertikalen dominiert wird? Und wie hat sich deiner Meinung nach die Rolle des Designers verändert?

Hussein Chalayan: Nun, zum einen gibt es jetzt viel mehr Designer. Es scheint, als könne jeder ein Designer sein. Die Studierenden sind viel mehr mit Technologie konfrontiert, weil sich alles um Instagram dreht. Es wird viel aus der Modegeschichte zitiert, oft jedoch ohne das Wissen, worin die Referenz wurzelt. Als ich studierte, gab es keine digitalen Medien – wir mussten in die Bücherei gehen und ausführliche Recherche betreiben, um die Herkunft von Dingen zu verstehen. Dadurch bekamen wir einen anderen, zum Teil auch tieferen Einblick.

Nomas: Was gibst du den jungen Designern mit auf den Weg?

Hussein Chalayan: Ich rate ihnen, sich zu spezialisieren. Wenn du dich mit Strickwaren oder mit dem Schnittmachen besonders gut auskennst, ein scharfes Profil hast, hast du später bessere Chancen im Job. Ich rate ihnen auch, zunächst Erfahrung zu sammeln, bevor sie sich selbstständig machen.

Nomas: Was wünscht du dir für die nächste Generation?

Hussein Chalayan: Ich wünsche mir, dass sie ihr soziales, ökonomisches und politisches Umfeld offen wahrnehmen und zu der Gesellschaft, in der wir leben, etwas beitragen – dass sie sich zu Individuen entwickeln, die über den Tellerrand blicken. Ich möchte, dass sie Wertschätzung erfahren, aber auch Wertschätzung weitergeben. Wenn ich einen Beitrag dazu leisten könnte, wäre ich sehr glücklich.

Nomas – Cyprus
2025