Es gibt das große und das kleine Glück, das unerwartete, das schnelle, das weithin sichtbare und das versteckte, unsichtbare. Und es gibt das zufriedene Glück. „Das ist das höchste“, sagt Anna von Rüden. „Es sitzt tief in dir selbst und lässt sich nicht so leicht vertreiben.“ Sie darf das sagen, denn dieses Glück begleitet sie nun schon viele Jahre. Im nächsten März feiert Anna von Rüden ihren 70. Geburtstag. Auf die Sieben vor der Null freut sie sich besonders, sie ist ihre Glückszahl. Dass sie in diesem Alter noch ein gefragtes Model ist, auch das verdankt sie einem glücklichen Umstand.
Zart, fast elfenhaft, in einer blassblauen Schluppenbuse aus Organza, das lange weiße Haar seitlich hochgesteckt, sitzt Anna von Rüden in ihrer Wohnung bei Cappuccino und Früchtebrot. Draußen, zu beiden Seiten der kopfsteingepflasterten schmalen Alleen von Berlin-Lichterfelde, verbergen sich herrschaftliche Villen mit großen Gärten hinter hohen Hecken und schmiedeeisernen Zäunen. Man könnte sagen, dass Anna von Rüden Glücksexpertin ist. Denn sie ist nicht nur eines der begehrtesten Silver Models, den Fotomodellen jenseits der 60, und wird von Paris, London, Kopenhagen und Mailand bis Moskau und Kapstadt gebucht, sie hat sich auch in einer Autobiografie mit dem Glück auseinandergesetzt. In ‚Jeden Tag aufs Neue glücklich‘ erzählt sie ihre Lebensgeschichte. Von ihrer Kindheit im ländlichen Ruhrgebiet, ihrem familiären Spannungsfeld mit einer strengen Mutter und einem freigeistigen Vater, den eigenen vier Kindern – und ihrem Neubeginn mit Mitte 50, nach der Scheidung. Es ist eine Geschichte von schmerzhaften Abschieden, einem bewegten Auf und Ab – aber auch von einem hoffnungsvollem Wandel. Sie beleuchtet, wie es von Rüden gelang, sich in der Lebensmitte noch einmal neu zu erfinden.
„Ich nehme die Dinge, wie sie kommen“, sagt Anna von Rüden gleich zu Anfang des Gesprächs und enthüllt damit schon ihr erstes Glücksgeheimnis. „Als der Modelscout aus Hamburg mich auf dem Ku’damm ansprach und mir vorschlug, Probeaufnahmen zu machen, habe ich nicht lange gezögert“, erinnert sie sich. Genauso wenig zögerte sie, als ihr jetziger Freund, ein junger Musiker mit hüftlangen schwarzen Haaren und dunkelblauem Samtmantel, nach einem Flohmarktbesuch auf sie wartete, nach ihrem Namen und wenig später nach ihrer Telefonnummer fragte. Seit über zehn Jahren sind die beiden nun ein schillerndes Paar. „Verrücktheit, Toleranz und Liebe.“ Mit diesen drei Vokabeln beschreibt ihr ältester Sohn Johannes, der 1976 und damit im selben Jahr wie ihre späte große Liebe geboren ist, das offene Wesen seiner Mutter, so nachzulesen in ihrer Autobiografie. Denn die Familie staunte nicht schlecht, als Anna verkündete, wo ihre erste gemeinsame Reise mit dem neuen Freund Michael hingehen würde: zum Heavy-Metal-Festival ‚Inferno‘ nach Oslo. „Ich tanze für mein Leben gern“, sagt Anna von Rüden. Wenn nicht auf Festivals, dann im SO36, einem berüchtigten Kreuzberger Punklokal, oder im Berghain, dem legendären Techno-Club. Sie fühle sich pudelwohl zwischen den Jüngeren – Berührungsängste kennt von Rüden nicht.
Gegenpol dieser energiegeladenen Musik sind leisere Töne, wie die von Leonard Cohen, dessen Bild neben ihrem Bett hängt und der, wie sie sagt, ihren Schlaf bewacht.
Es sind offenbar die Gegensätze, die Anna von Rüdens Leben bestimmen und austarieren. „Ich habe eine große Gefühlsamplitude. Ich kann mich sehr über Dinge freuen, aber ich kann auch tiefen Schmerz empfinden. Das betrachte ich als Reichtum.“ Ihrem damals schwer an Krebs erkrankten Ex-Ehemann Hans sein Wunschgericht, Kartoffelpüree mit Butter, ans Krankenhausbett zu bringen, auch das war Glück, sagt sie, von der Erinnerung noch immer sichtlich bewegt. Es scheint ihre Gabe zu sein, Momente, die andere in tiefster Dunkelheit und Verzweiflung erleben, auf der Habenseite zu verbuchen und ihr ungebrochener Optimismus half auch ihrem Mann, wieder gesund zu werden. Wie einfach ist es doch, als junger, gesunder Mensch unbeschwert glücklich zu sein? Mit fortgeschrittenem Alter jedoch ist auch Talent zum Glücklichsein gefragt.
So freimütig, wie die Endsechzigerin über ihre Gefühle spricht, so offen bewegt sie sich auch vor der Kamera. Man spürt, dass sie sich wohl in ihrer Haut fühlt, ganz bei sich ist. Sie zweifle nie an sich selbst, sagt sie – auch das sei früher anders gewesen, in ihrer Jugend, als sie sich als zu groß und zu dünn empfunden habe. Diese Selbstsicherheit, sie wachse noch. Am Anfang ihrer Modelkarriere, vor zwölf Jahren, sei es auch oft vorgekommen, dass die Bilder nachträglich bearbeitet und ihre Falten retuschiert worden seien – dabei habe sie sich jede einzelne davon mit wertvollen Erfahrungen verdient. Doch hier hat ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Die Gesichter der Silver Models zeigen mehr Charakter und sind unverwechselbarer als die der Jungen. Models in ihren Neunzigern, wie Iris Apfel, der 1,6 Millionen Follower bei Instagram folgen, oder Daphne Selfe, die seit sagenhaften 49 Jahren im Geschäft ist, haben den Weg geebnet. Sie wurden gerade durch diese unverwechselbaren Züge zu Ikonen. Ist es nicht verrückt? Zum ersten Mal in der Geschichte der Mode ist die neue Generation eine alte.
„Es gibt mehr Jobs für uns – aber die Konkurrenz ist auch gewachsen“, räumt Anna von Rüden ein. Sie hat sogar Kolleginnen, die sich die Haare vor der Zeit grau färben würden, um den gefragten Look zu simulieren. Anna von Rüdens Lust auf Mode, sie ist wie ihr Lebenshunger und ihre Neugier – schier unerschöpflich. Voller Begeisterung schlüpft das Silver Model in die Frühjahr-/Sommer-Mode von Marc Cain. Und zeigt auch hier wieder ihre Vielseitigkeit: Die terrakottafarbene weite Hose und der halbtransparente weiße Blouson haben es ihr genauso angetan wie der feine violette Baumwollstrickpullover, den sie zu einer anthrazitfarbenen High-Waist-Bundfaltenhose kombiniert.
Doch so ein Modeljob ist anstrengend: Reisen, frühes Aufstehen, man ist stundenlang auf den Beinen. Woher nimmt sie ihre Energie? „Ich bewege mich unheimlich gerne, das habe ich von meinem Vater geerbt, und ich bin ein Frischluftfan. Wenn ich auftanken möchte, gehe ich nach draußen. Ich fahre Fahrrad oder gehe spazieren.“ Für die frühlingshafte Fahrradtour, zu der sie nun aufbrechen möchte, wählt sie eine cremefarbene Leinenbluse und eine weite Hose im gleichen Ton, die sie mutig mit einer taillenkurzen Jeansjacke in kräftigem Gelb ergänzt. Entspannung findet sie auch bei einer ausgedehnten Latte Macchiato, zum Beispiel im modernistischen Ambiente des Restaurants Weltwirtschaft im Haus der Kulturen der Welt. Kunst und Kultur haben einen festen Platz in ihrem Leben. Eine besondere Vorliebe hegt sie für die expressiven Frauenportraits der Malerin Elvira Bach, deren großer Kunstdruckkalender ihr Wohnzimmer schmückt.
Und dann ist da natürlich die Familie, die ganz große Freudenquelle. Von ihrer Tochter und ihren drei Söhnen, die alle in Berlin leben, hat sie 14 Enkel. Ihr ältester Sohn allein hat sechs Kinder, der zweitälteste vier und die beiden jüngeren Geschwister jeweils zwei. „Da ist die Familienplanung aber noch nicht abgeschlossen“, sagt die schöne, unkonventionelle Großmutter mit leuchtenden Augen. Sie verbringt viel Zeit mit ihren Enkeln, entlastet ihre erfolgreich im Berufsleben stehenden Schwiegertöchter. „Zuzusehen, wie die Kleinen im Freien herumtoben, Rugby spielen und auf Gerüste kletterten und dann angerannt kommen, um sich auf Saft und Kuchen aus meinem Korb zu stürzen“ – das sind für sie die Momente der größten Zufriedenheit. Hinter ihr im Regal warten Lurchi und eine Hasenfamilie aus Stoff auf ihren Einsatz. Jeden Freitag kommen alle Enkel zu Besuch, zu Pommes mit Mayo, ein liebgewonnenes Ritual. Und heute ist Freitag.
Zum Abschied holt Anna von Rüden noch ein Kinderbuch aus dem offenen Schrank: ‚Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland‘. Es erzählt die berühmte Geschichte von dem gutherzigen Mann, der die Kinder des Dorfes immer mit Birnen verwöhnt. Sein letzter Wille ist es, auf seinem Grab einen Birnbaum zu pflanzen. So hinterlässt er den Kindern, die natürlich traurig sind, dass der großzügige Herr Ribbeck nicht mehr da ist, ihre schönste Erinnerung. „Diese kleine Geschichte erzählt vielleicht mehr über mich als mein eigenes Buch“, sagt Anna von Rüden. Denn auch sie möchte ihren Enkeln viel hinterlassen. Außerdem will die gelernte Sozialpädagogin auch dort helfen, wo das Schicksal es nicht so gut gemeint hat. Daher hat die Glücksgräberin noch die Patenschaft eines weiteren Kindes übernommen und kümmert sich um eine kranke Nachbarin. „Auch wenn ich viel beschäftigt bin, möchte ich doch meinen Teil dazu beitragen, dass es anderen gutgeht“, sagt sie. Denn Glück setzt sich aus vielen Bausteinen zusammen. „Das kleine Glück, es wächst und breitet sich aus.“ Und wenn man es sammelt, ihm Raum gibt, dann erfüllt es einen ganz.
Marc Cain,
01–2021