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Blue Dye Thinking

Art & Culture / Fashion / Travel

Mit Shibori überführt Hiroyuki Murase eine jahrhundertealte japanische Handwerkstradition aus seinem Heimatdorf in die Welt der internationalen Mode.

„Rechts hinunter geht es nach Kyoto, links hinauf nach Tokio.“ Die schmale Straße in Arimatsu liegt still in der frühen Märzsonne. Vor den Eingängen der traditionellen Holzhäuser mit geschnitzten Giebeln flattern indigofarbene Baumwollbanner mit japanischen Schriftzeichen im Wind. Schwer vorstellbar, dass diese Straße, die sogenannte Tōkaidō, die nur einen kurzen Fußmarsch vom Bahnhof des 11000-Seelen-Dorfes entfernt ist, während der Edo-Periode vom 17. bis ins 19. Jahrhundert einer der wichtigsten Post- und Handelsstraßen Japans war. Heute ist Arimatsu in die elf Kilometer entfernte Provinzhauptstadt Nagoya eingemeindet und bildet mit den Orten der Umgebung das Textilzentrum Japans.

Wir sind mit Hiroyuki Murase verabredet, dem kreativen Kopf hinter Suzusan, einer Mode- und Interior-Design-Marke, in deren Zentrum eines steht: die alte japanische Färbetechnik des Shibori, für die Arimatsu berühmt ist. Während wir Hiroyuki Murase die sanften Windungen der Tōkaidō hinauf folgen, führt uns der Designer zurück zu den Anfängen: „Die Wurzeln des Shibori reichen bis ins 8. Jahrhundert zurück.“ Hiroyuki Murase ist 38 und trägt einen schwarz überfärbten, karierten Mantel mit einem beigen, Shibori-gemusterten Saum und eine randlose, runde Brille. „Reiche Fürsten, die Shōgune, die in Kyoto lebten und sich laut kaiserlicher Verordnung alljährlich auf den Weg nach Edo – so hieß Tokio damals – begeben mussten, machten in Arimatsu Halt. Sie waren auf der Suche nach Geschenken und Mitbringseln und kurbelten den Absatz von kunstvoll gefärbten Shibori-Tüchern, den sogenannten Tenugui, an.“

Wir biegen ab in eine Gasse und stehen vor einem Haus, in dessen kleinem Hof eine Schwarzkiefer das Bild bestimmt. Hier lebt und arbeitet Sumie Fujiwara, 83, Meisterin des Miura-Shibori, einer Technik, die verschiedenste Kringelmuster auf den Stoff zaubert. Sumie Fujiwara, vom Alter gebeugt, aber mit hellwachem Blick, kniet im Wohnzimmer auf einem roten Kissen. Im Erker rechterhand bullert der Gasofen, darauf eine große Kanne grünen Tees, linkerhand ein buddhistischer Altar mit dem Bild ihres verstorbenen Mannes. Vor ihr: eine Bahn cremeweißen Baumwollstoffs, die sie gerade mit Nadel und Faden bearbeitet. Seit 76 Jahren ist Frau Fujiwara im Shibori-Handwerk tätig, bereits als Siebenjährige erlernte sie die Technik von ihren Eltern. Noch heute arbeitet sie jeden Tag – ohne Brille, wie die alte Dame uns stolz verkündet.

Mit einer gekrümmten Nadel durchsticht sie einen mit auswaschbarer Tinte markierten, winzigen Punkt auf ihrem Werkstück, zieht eine feste Schlaufe und umwickelt die Durchstichstelle stramm. Dann wendet sie sich dem nächsten blauen Punkt zu, der nur wenige Millimeter entfernt ist. 60 bis 70 Zentimeter bearbeitet sie am Tag, nach Monatsfrist ist eine Stoffbahn fertig, die etwa für die Produktion eines Kimonos ausreicht.

„In Arimatsu wurden die Handwerkskünste dank der anspruchsvollen durchreisenden Klientel der Shōgune immer weiter perfektioniert und verfeinert“, erklärt Hirojuki Murase. „So entstand ein ganzer Kosmos um den aufwändigen Reservierungsdruck.“ Reservierungsdruck nennt es der Fachmann, wenn Stoffe vor dem Färben partiell abgedeckt oder abgebunden werden, so dass die Farbe nicht überall eindringt und sich Muster ergeben. „Die Shibori-Methode ist mit der indonesischen Batikfärbetechnik verwandt, jedoch weitaus komplexer und facettenreicher. Denn beim japanischen Shibori wird der Stoff nicht nur abgebunden, sondern auch gefältelt, gewickelt, gepresst oder genäht.“ Shibori zählt rund 200 verschiedene Unterdisziplinen, die auch miteinander kombinierbar sind und ein schier unerschöpfliches Universum an Dessinierungen eröffnen.

„Vor 50 Jahren arbeiteten 10 000 Handwerker hier im Ort“, sagt Hiroyuki Murase, als wir die wohlige Ofenwärme von Sumie Fujiwaras Haus verlassen haben und zurück in den Hof getreten sind. „Die Methode ist jedoch sehr aufwändig, die alten Shibori-Meister starben und die Technik schien langsam zu verschwinden.“ Der charismatische Designer schüttelt nachdenklich seinen Pilzkopf. „Als ich Suzusan 2008 gründete, gab es nur noch 50 Shibori-Handwerker in Arimatsu.“ Zu jener Zeit studierte er noch Bildhauerei an der Kunstakademie in Düsseldorf. Dort, im über 9000 Kilometer entfernten Rheinland, lebt er bis heute. Fertigen jedoch lässt Murase seine Modekollektion in seiner Heimat Arimatsu. Sie kombiniert Shibori mit geradlinigen Schnitten und stellt sie so in westlichen Kontext. Schlichte Hemdblusenkleider, klassische Kaschmirpullover, weit schwingende dreiviertellange Röcke, einreihige Sakkos und Mäntel, Bundfaltenhosen, Hemden und großzügige Schals – sukzessive hat Murase seine Linie ausgebaut, inzwischen sind es 120 unisex Teile für Männer und Frauen. Jedes davon ist individuell und von Hand bearbeitet, alle sind einzeln stückgefärbt.

„Traditionell liegt beim Shibori jeder Arbeitsschritt in der Hand einer anderen Familie. Die einen sind für das Erstellen von Dessins verantwortlich, die anderen fertigen die dazugehörigen Schablonen und übertragen das Muster auf den Stoff. Die kunstvolle Vorbereitung, sprich das Wickeln, Fälteln und Pressen, obliegt wieder einer anderen Familie. Eine weitere kümmert sich um das Färben, die nächste um das Dämpfen, und zu guter Letzt kommen die Schneider ins Spiel“, sagt der Designer. Wir sind ein paar Schritte bergan gegangen, in einen Fußweg abgebogen und haben eine Durchgangsstraße erreicht. Als Murase die Tür zu dem zweistöckigen Haus mit der dunklen Holzfassade öffnet, ertönt das Läuten einer Kuhglocke. 2009 ist sein Familienunternehmen in das Gebäude eingezogen, davor arbeitete man, wie die meisten anderen Shibori-Handwerker, zu Hause.

Fast scheint die so wenig japanische Glocke ein weithin hörbarer Hinweis darauf zu sein, dass es bei den Murases etwas anders zugeht als bei den Nachbarn – progressiver, internationaler. Hiroyukis Vater Hiroshi, einen halben Kopf kleiner als sein ältester Sohn und mit kompakter Figur, ist seit 45 Jahren im Shibori-Geschäft. Er arbeitete bereits in den 80er Jahren gemeinsam mit Issey Miyake an der „Pleats Please“-Kollektion, einer ikonischen Linie des japanischen Designers, die auf Materialien mit permanenten Falten fußt.

Im Erdgeschoss streichen zwei junge Frauen eine dicke blaue Farbpaste über eine Schablone und übertragen so die Muster auf den Stoff: Maëlle Charpentier stammt aus Nantes und ist nach Japan gekommen, um die alte Färbetechnik zu erlernen, Nagisa Michisita studiert an der Nagoya University of the Arts, an der Hiroyuki Murase nebenbei unterrichtet. „Wir sind die letzte Familie in Arimatsu, die diese Schablonen noch produziert. Und wir sind sehr froh, dass sich nun auch wieder junge Leute für die Technik interessieren“, sagt Hiroyuki Murase. Was sein Vater Hiroshi früher allein gestemmt hat, ist dank der Suzusan-Kollektion zu einem Familienbetrieb mit 17 Mitarbeitern angewachsen.

Im Raum nebenan stehen große Plastikbottiche – hier wird gefärbt. Wäre das nicht die Aufgabe einer anderen Familie? Eigentlich schon, räumt der Designer ein. Die Murases jedoch haben diesen Prozess ins eigene Haus verlegt. „Unser Ziel ist, einen großen Teil der Herstellung selbst zu übernehmen, um die fortlaufende Produktion zu gewährleisten. So können wir das Shibori-Know-how weitergeben und sind nicht auf Familien angewiesen, die womöglich in den Ruhestand gehen.“ 30 bis 40 Suzusan-Teile produziert die Familie pro Tag, 5000 sind es pro Saison. Die Kunden sitzen in Mailand, New York, London, Paris, Berlin.

Und in Tokio. Zweimal jährlich stellt Suzusan parallel zur Tokio Fashion Week in einem angemieteten Showroom aus. In dieser Saison in der Galerie „Place by Method“ in Shibuya. Einer der größten Kunden, Hirofumi Kurino, Gründer der japanischen Einzelhandelskette United Arrows, nimmt die Kollektion in Augenschein, die farbgewaltig auf einer langen Stange aufgereiht ist. Der 68-Jährige gilt auch in Europa als Modekoryphäe und sagt Murase eine große Zukunft voraus. „Ich bin seit über 40 Jahren im Geschäft und habe viele Marken kommen und gehen sehen. Nachvollziehbarer Luxus ist in meinen Augen das Schlagwort der Zukunft. Ich nenne das auch ‚Post Luxury‘. Der Hype um große Namen flacht gerade ab. Die Kunden möchten nicht mehr, dass ihr Geld in den Marketingmaschinerien der High-Fashion-Brands versickert, sondern wünschen sich Transparenz und Nachvollziehbarkeit in den Produktionsprozessen.“ Hirofumi Kurino, der mit seinem ebenmäßigen Teint, der hellen Chino und dem dunkelgrünen Cardigan von Suzusan völlig alterslos wirkt, sieht kein Problem darin, für einen in Japan handgestrickten und stückgefärbten Kaschmirpullover, dessen Wolle aus der Mongolei stammt, 1400 Euro aufzurufen. Und auch die anderen Produkte der Kollektion sind bestechend hochwertig: Das Garn für die Suzusan-Strickteile lässt Murase in einer Spinnerei in Osaka herstellen, die auf eine hundertjährige Geschichte zurückblickt, gestrickt wird in Yamagata, mit einer Technik, die ganz ohne Nähte auskommt.

Die Kunstfertigkeit und der hohe Qualitätsanspruch der Familie haben sich inzwischen herumgesprochen. Raf Simons begeistert sich sehr für die Stoffe, und so durften die Murases das Material für ein Dior-Haute-Couture-Kleid beisteuern, das für 80 000 Euro den Besitzer wechselte. Natalie Portman trug es anlässlich einer Gala auf dem Red Carpet. „Das war eine große Ehre für uns“, sagt Hiroyuki Murase. Auch Louis Vuitton, Celine, Bottega Veneta, Armani und Jil Sander zeigten schon Interesse. Mit Yohji Yamamoto entwickelte der Designer einen Schal.

Hiroyuki Murase freut sich, dass er den richtigen Riecher hatte. Aber das High-Fashion-Business bedeutet auch viel Druck. Dem weicht der ausgebildete Künstler so gut wie möglich aus. Er wolle sich darauf konzentrieren, die Handschrift von Suzusan weiterzuentwickeln. Dazu ist er vor wenigen Tagen nach Ichinomiya gefahren, einem Städtchen unweit von Nagoya, das wie Arimatsu eine lange Textiltradition besitzt. Murase hat dort eine Färberei gefunden, die mit Naturfarben arbeitet. Da die Färbekapazitäten der eigenen Familie nahezu ausgereizt sind, wäre das eine gute Möglichkeit, die Stückzahlen zu erhöhen, ökologisch zu arbeiten und die alte Shibori-Technik noch weiter in die Welt hinauszutragen. Seine „Post Luxury“-Klientel wäre mit diesem Schritt mit Sicherheit einverstanden.

Konfekt,
Februar 2022