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Sound Ideas

Art & Culture / Interior Design

Die Bewunderung für den Erfindergeist von Rudolf Diesel hat die Architektin und Produktdesignerin Marie Aigner dazu bewegt, dessen ehemaliges Haus an der Münchner Höchlstraße zu beziehen. Dieses ist nicht nur Aigners Lebensmittelpunkt, sondern auch großzügige Bühne für ihre schallabsorbierenden Möbel und Skulpturen aus recycelten Materialien.   

„Design muss den Menschen nutzen, muss ehrlich, umweltverträglich, langlebig und verständlich sein.“ Marie Aigner hat den Geist der zehn Thesen für gutes Design der Industriedesignlegende Dieter Rams verinnerlicht. Und sie lebt diese Philosophie in einer Residenz, die einst für den deutschen Ingenieur Rudolf Diesel erbaut wurde. „Mein Mann und ich hatten das Haus schon länger im Auge“, erklärt sie, als wir gemeinsam die Steinstufen der neobarocken Villa von 1899 hinaufgehen und die lichte Eingangshalle betreten. Die Morgensonne bricht sich in den bunten Fenstern an der breiten Holztreppe, die zur umlaufenden Galerie und ins Obergeschoss führt, und zaubert Farbreflexe auf die dunkle Nussbaumvertäfelung. 

„Zunächst haben wir gezögert, denn ein solch geschichtsträchtiges Haus bringt ja auch Verantwortung mit sich. Dann aber haben mich die Details begeistert: Schiebetüren, die in den Wänden verschwinden, Doppelfenster mit mechanischen Kopplungsscharnieren, Luftkanäle, die im Sommer für Durchlüftung sorgen, im Winter aber keinen Zug erzeugen. Rudolf Diesel hat sich in jedem Winkel eingebracht, er war beileibe nicht bloß der Bauherr.“ Auch die 46-Jährige brachte sich persönlich ein: Sie leitete die umfassende Renovierung des denkmalgeschützten Gebäudes, das auf einem Entwurf des Architekten Max Littmann basiert – wobei es zunächst einmal um eine Rekonstruktion des Originalzustandes ging. „Mir war allerdings wichtig, dem Gebäude etwas von seinem Ernst, seiner Schwere zu nehmen.“ Mit Nonchalance und Mut hauchte sie den würdevollen Gemäuern Modernität ein. Hilfreich dabei war ein tiefer Griff in den Farbtopf: Die Wände im Haus wurden in kräftiges Preußisch Blau, in Violett und Grasgrün getaucht, ein erfrischender Kontrast zum dunklen Holz und den bacchantischen Stuckszenen, die die sechs Meter hohen Decken zieren. 

Auf dieser großzügigen Bühne kombiniert Aigner unbekümmert Klassiker der Möbelgeschichte. Zum Beispiel im Wohnzimmer, wo sich das petrolfarbene De-Sede-Ledersofa ‚Tatzelwurm‘ von den Kunstharztischen von Mc Collin Bryan flankiert sieht, die Aigner im sardischen Porto Cervo entdeckt hat. Um den Esstisch mit schwarz-weißen Diagonalstreifen hat sie naturfarbene Lederstühle von Cassina gruppiert, ihr selbst entworfener Schreibtisch im Arbeitszimmer verfügt über eine leuchtendrote, glänzende Oberfläche. „Es geht in der Architektur immer um die Details, die Farben, die Formen, das Licht, die Materialien“, sagt Marie Aigner, und sieht man sich im Haus in der Höchlstraße um, wird diese Aussage unmittelbar mit Leben gefüllt: Die grasgrüne Silikonvase von Gaetano Pesce auf dem Kaminsims, die Fliegenskulptur von Rob Wynne an der Esszimmerwand, die Beatles-Porträts von Richard Avedon in der Küche – alles erscheint lässig, mit Spontaneität und Leichtigkeit gestaltet.

Zentraler Raum der Beletage, auf der sich die Küche, das Wohnzimmer, das Esszimmer und Aigners Büro plus eine große Terrasse befinden, ist die Eingangshalle. „Die Halle ist mein Lieblingsort, gerade um diese Tageszeit.“ Ihr erstes Kunstwerk, ein abstrakter Ernö Fóth, den sie im Alter von 17 Jahren in Budapest kaufte, hat einen prominenten Platz über dem Kamin bekommen und ist umringt von Folgeanschaffungen: Akten, Fotografien, Landschaftsmalereien, in kühner Petersburger Hängung. Davor ein Ensemble ihrer eigenen Kreationen: die Chaiselongue ‚The Last Supper‘ mit schallschluckender Auflage, der graue Sessel ‚Peter‘, die gelbe Sitzbank ‚Big Dumbo‘ und ‚Carlchen‘, der mannshohe Kaktus. „Ein Entwurf ist dann perfekt, wenn ihn nichts Überflüssiges mehr überfrachtet. Gutes Design bündelt Funktion und Formgestaltung und erhebt sich aus der Beliebigkeit.“ Beliebig wirken Aigners Entwürfe tatsächlich nie, vielmehr individualistisch, bisweilen postmodern, immer ungesehen. Ihre Einflüsse reichen von Max Bill bis Art déco.

„Hindernisse wollen überwunden werden und führen in der Gestaltung oftmals zu einem besseren Ergebnis. Die Dinge, die zu leichtfallen, bleiben oft an der Oberfläche.“ Der Weg des geringsten Wiederstandes ist nichts für Marie Aigner, sie mag es, sich auch einmal selbst zu beschränken. Gleichzeitig brennt sie für Multifunktionelles: Ihre Möbelstücke und Lichtquellen haben neben ihrer eigentlichen Funktion oft noch ein weiteres Talent: Sie absorbieren Schall. Aigner ist studierte Architektin, Innenarchitektin und Produktdesignerin. Ihre interdisziplinäre Arbeit zielt darauf ab, Räume trotz schwieriger Akustik nutzbar zu machen und sie zu gestalten. „Ich entwerfe akustisch wirksame Möbel und Raumskulpturen“, beschreibt sie ihr Spezialgebiet. Zum einen verwendet sie dafür ein Material aus gepressten, recycelten PET-Flaschen, zum anderen Melaminharzschaum, beides aus nachhaltiger Produktion. Daraus baut sie Schränke, Schreibtische, Sitzmöbel, Leuchten, Deckeninstallationen.

Im Rahmen eines großen Auftrags für die Firma Pinta Acoustic, die sich ebenfalls mit Schallabsorption beschäftigt, lernte Aigner 2006 ihren jetzigen Mann kennen, den Unternehmer und Segelsportler Michael Illbruck. Inzwischen lebt sie mit ihm und ihrem 13-jährigen Sohn Oscar, einem begeisterten Skater, in der Rudolf-Diesel-Villa. Marie Aigners Vater starb früh an den Folgen eines Autounfalls, ihre Jugend verbrachte die Tochter in einem Internat in Landshut, untergebracht in einem ehemaligen Zisterzienserkloster. Nach dem Studium der Architektur an der Technischen Universität München arbeitete sie unter anderem für den New Yorker Architekten Richard Meier. Seit ihrer Rückkehr nach München 2007 ist sie selbstständig. 

Und der Laden läuft. Aigner baut Firmengebäude, richtet Privathäuser ein, entwickelt Installationen an der Schnittstelle zwischen Kunst und Design. Zuletzt reiste eine ihrer Deckenskulpturen mit der Mailänder Galeristin und Expertin für Interior Design Rossana Orlandi nach Hongkong, um dort im Rahmen der Ausstellung ‚Wasteless Value‘ gezeigt zu werden. Das Ergebnis ihres jüngsten Auftrags wartet gerade in der Eingangshalle darauf, von Auftraggeber Hermès in Augenschein genommen zu werden: eine Chaiselongue mit hellgrau marmoriertem Sockel, auf dem mit verschiedenen Stoffen bezogene Polsterrollen ruhen. Basis ist eine architektonisch anmutende, materialsparende Pfosten-Riegel-Konstruktion aus schallabsorbierendem PET-Material. Die Polster darauf sind mit Melaminharzschaum gefüllt. „Ich habe die neue Chaiselongue ‚The Very Last Supper‘ getauft. Mal sehen, was danach kommt“, lacht Aigner und streicht sich das lange glatte Haar aus der Stirn. 

Bevor wir uns verabschieden, lässt sie uns noch an ihrem aktuellen Projekt teilhaben und zeigt uns Fotos aus ihrem Atelier. Ihrem bevorzugten Material, dem Melaminharzschaum, hat sie sich diesmal wie eine Bildhauerin genähert, mit Hammer und Meißel. Tatsächlich hat das Ganze auf den Fotos Ähnlichkeit mit einem Marmorblock. „Noch weiß ich nicht, was da entsteht“, sagt Marie Aigner. Was es auch wird. Es wird skulptural, schallabsorbierend – und so zuvor noch nicht gesehen sein. Ein weiterer Spagat zwischen Kunst und Zweckmäßigkeit.

Konfekt,
Mai 2022