Als Gründerin des Concept Stores 10 Corso Como und dank ihres bereits jahrzehnte währenden Engagements als Galeristin ist Carla Sozzani eine zentrale Figur in der Mailänder Mode- und Kunstwelt. Bevor sie in diesem Frühjahr mit ihrer Fondazione in eine ehemalige Fliesenfabrik im Stadtteil Bovisa umzieht, führt sie Konfekt an ihre Lieblingsorte in der Heimatstadt und spricht über ihre Vergangenheit und Zukunft.
Die kleinen Zweiertische vor der Pasticceria Cucchi sind sonnenbeschienen. Doch es weht ein frischer Wind und so entscheidet sich Carla Sozzani für einen Platz im Innenraum der Mailänder Konditorei im Stadtteil Ticinese. Sozzani schält sich aus dem schwarzen Alaïa-Wollcaban und streicht, bevor sie sich setzt, den knöchellangen gefältelten Baumwollrock von Kei Ninomiya für Comme des Garçons Noir glatt. Wir sind heute zu einem Spaziergang durch Mailand verabredet, darum trägt sie Schnürschuhe von George Cox mit dicken Sohlen. Über ihrem schwarzen Kaschmirpullover von Gentryportofino baumelt ein geometrischer silberner Anhänger an einer langen Kette. Ein Stück aus der Schmuckkollektion ihres Partners, des Künstlers Kris Ruhs. Sozzani bestellt einen Cappuccino. „Das Gebäck im Cucchi ist legendär“, sagt sie, als der Kellner eine Etagere bestückt mit Cannoli und Pasticciotti, Cornetti und Amaretti vor ihr auf den Tisch stellt. Sozzani nimmt sich ein fluffiges Sfogliatelle. „Cucchi gibt es seit fast 90 Jahren. Inzwischen ist mit zwei jungen Schwestern die dritte Generation nachgerückt.“
Mit Carla Sozzani in Mailand unterwegs zu sein, hat etwas sehr Intimes. Sie ist hier geboren und hat die Stadt geprägt. Wohl kaum jemand der nicht den legendären Concept Store 10 Corso Como kennt, den sie 1991 eröffnete. „Ich wollte ein begehbares Magazin schaffen“, sagt Sozzani und löst ihr bordeauxrotes Mokuba, das japanische doppelseitige Samtband, mit dem sie ihr langes lockigen Haar zum Pferdeschwanz gebändigt hatte, um es in einer mädchenhaften Geste erneut zu binden. Wir treten zusammen auf den Corso Genova, über die der Mailänder Werktagsverkehr rollt. „Ich möchte euch ein paar meiner Lieblingsplätze in Mailand zeigen“, sagt Sozzani und biegt rechts in eine Wohnstraße ab. Rund eine Viertelstunde geht es durch schmale schattige Einbahnstraßen und die etwas breitere Viala Papinialo in Richtung Nordwesten, bevor wir die Piazzale Aquileia erreichen und rechts in Via Paolo Giovio einbiegen. Die Iglesia San Francesco d’Assisi al Fopponino, die Gio Ponti 1958 hier errichtet hat, ist heute geschlossen, aber Sozzanis Begeisterung gilt der post-modernistischen Frontfassade, die in Breite und Höhe über das Kirchenschiff hinausragt und durch fensterartige Aussparungen Blicke auf den stahlblauen Himmel freigibt. „Wenn wir über die Arbeit von Gio Ponti reden, ist das hier neben dem Belvedere auf der 31. Etage des Pirelli-Hochhauses mein Lieblingsort in Mailand – und er ist weniger bekannt!“, sagt Sozzani.
Wir gehen weiter in Richtung Nordwesten. Die Straßen werden ruhiger, die Gebäude herrschaftlicher. Nach etwa einem Kilometer biegen wir ein in die Via Bernardino Telesio, in der hinter hohen Zäunen prachtvolle Villen warten. In der Hausnummer 13 hatte einst der 1905 in der Nähe von Mailand geborene Architekt und Designer Franco Albini seine Wirkungsstätte. Heute befindet sich hier die Fondazione Franco Albini, in der nun die zweite und dritte Generation das Erbe des Vaters und Großvaters verwaltet, neben der eigenen kreativen Arbeit. Sozzani wird von Marco Albini herzlich begrüßt. Der Sohn des berühmten Architekten, selbst Architekt, und seine Tochter Paola bereiten gerade eine Ausstellung zum 60. Jubiläum der Mailänder Metro vor, die Franco Albini prägend mitgestaltete. „Die Mailänder Metropolitana diente als Blaupause für viele andere U-Bahnen, in New York und Mexico City beispielsweise“, sagt Sozzani, als wir uns schließlich auf den Weg zur Station Conciliazione machen, um die sagenumwobene Linie 1 in Richtung Gambara zu nehmen. In Betrieb genommen wurde sie 1964.
Inzwischen ist es früher Nachmittag und Sozzani schlägt vor, ein Mittagessen in Porta Garibaldi, unweit des Corso Como einzunehmen. Die traditionsreiche Antica Trattoria della Pesa liegt direkt gegenüber von der Fondazione Feltrinelli von Herzog & de Meuron. „Früher war ich hier Stammgast“, erinnert sich Sozzani, als wir die Trattoria betreten, und bestellt ohne einen Blick auf die Karte ein Risotto alla Milanese. Nach Bovisa, wo sie ihre neue Stiftung eröffnen wird, sind es rund 15 Taximinuten. „Daher bin ich nicht mehr so häufig hier“, erklärt die Mittsiebzigerin mit einem bedauernden Lächeln und taucht die Gabel in das goldgelbe Safranrisotto, das der Kellner immediatamente serviert hat.
Als wir kurze Zeit später mit dem Taxi in Richtung des nördlich gelegenen früheren Industriegebiets Bovisa fahren, passieren wir eine große Brache. „Das Architekturbüro OMA aus Rotterdam möchte in Zusammenarbeit mit Rem Koolhaas diese Leerstelle im Stadtgefüge schließen“, erklärt Carla Sozzani vom Vordersitz über ihre linke Schulter hinweg. Sollte das gelingen, würde die Gegend, die bereits durch den Architektur-Campus der Politecnico des früheren Alumni Renzo Piano Aufmerksamkeit bekam, weiter aufgewertet. Es wäre nicht das erste Mal, dass Sozzani zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Wir steigen vor dem Metalltor aus. Eine überdachte Rampe führt auf eine mit üppigen Topf- und Hängepflanzen begrünte Terrasse. „Tretet ein!“, sagt Sozzani und schließt die eisengefasste Glastür auf. Noch ist auf der 3300 Quadratmeter großen Fläche keine Ausstellung aufgebaut. Zwei Bars und Wandreliefs aus der Feder von Kris Ruhs, dessen Atelier sich eine Etage tiefer befindet, geben den Räumen jedoch bereits Charakter. Sozzani führt uns durch ihre beeindruckende Bibliothek in ihr Büro, einen lang gestreckten Raum, der eine überwältigende Sammlung an Fotografien, Zeichnungen, Büchern und Artefakten beherbergt. Wir nehmen an einem modernistischen Tisch Platz, in dessen Glasplatte ein gemusterter Stoff von Hiero Prampolini eingearbeitet ist.
Ihre neue Stiftung zieht in diesem Frühjahr um. Warum nach Bovisa?
Ich wollte schon seit mehr als zehn Jahren umziehen – schon damals mit 10 Corso Como. Unter gleicher Adresse war ja auch die Fondazione zu finden, aber die Gegend hat sich einfach sehr verändert. Der Charme des alten Mailands mit seinen Handwerkern und kleinen Läden ist dort verloren gegangen. Wie oft habe ich gesagt: Wenn ich 10 Corso Como auf Räder setzen und woanders hinbringen könnte, würde ich es tun. 2020 habe ich 10 Corso Como verkauft, blieb aber mit meiner Stiftung und dem Buchladen dennoch dort. Doch dann fand mein Partner Kris Ruhs diese frühere Fliesenfabrik, als er auf der Suche nach einem neuen Atelier war. Wir haben in den 34 Jahren unserer Beziehung noch nie an einem gemeinsamen Ort gearbeitet und mich reizte der Gedanke sehr. Er ist mit seinem Studio im unteren Geschoss, ich bin hier oben – wir teilen uns Küche und Garten, empfangen gemeinsame Freunde. Ein bisschen nach dem Vorbild meines engen Freundes Azzedine Alaïa, bei dem Arbeit und Privatleben im Studio verschmolzen.
In ihrer früheren Stiftung fanden 280 hochkarätige Ausstellungen statt – sie zeigten internationale Größen aus Fotografie, Kunst, Design und Architektur. 33 Jahre lang war der Ort für die Öffentlichkeit zugänglich. Was sind Ihre Pläne für die neue Location?
Ich möchte ein neues Kapitel aufschlagen. Es wird Ausstellungen, Künstlerresidenzen, Workshops geben, aber nicht mehr in dem Ausmaß, eher spezielle Projekte und voraussichtlich auf Vereinbarung. Jeden Tag geöffnet zu haben ist eine große Verpflichtung. Ich habe mich noch nicht entschieden.
Ihr Buchladen auf dem Corso Como galt lange als einer der schönsten weltweit. Wird es in Bovisa wieder einen Buchladen geben?
Nein, einen neuen Buchladen werde ich nicht eröffnen. Ich möchte nicht in Wettbewerb mit dem früheren Buchladen treten. Hier gibt es nun die Bibliothek bestehend aus Bänden über Mode, Fotografie und Kunst. Ein paar Schritte den Gang hinunter findet sich das Archiv aller Ausstellungen. Diese Orte möchte ich auf Vereinbarung zugänglich machen – insbesondere für Studierende. Im Moment interessiere ich mich sehr für kulturelle Bildung. Wir arbeiten mit fünf Tutor*innen in der Stiftung und bieten Scholarships und halbjährige Residencies zu den Themen Mode und Fotografie an. Die Studierenden können Fotografiekurse in Theorie und Praxis belegen – und wir unterstützen sie dabei, experimentell zu arbeiten. Darin sehe ich die Zukunft der Stiftung.
Sie haben mit den wichtigsten Fotografinnen und Fotografen der letzten Dekaden zusammengearbeitet. Welche Ausstellung ist Ihnen besonders in Erinnerung?
Die erste Ausstellung mit Helmut Newton war verrückt. Die Schlange der Besucher*innen ging um den Block. Die Polizei musste anrücken. Anfang der 1990er gab es noch keine Fotogalerie mit unserem Ansatz in Mailand. Wir haben Fotograf*innen wie Paolo Roversi, Sarah Moon und Bruce Weber gezeigt. Die Ausstellung mit Bert Stern ist mir auch noch in besonderer Erinnerung geblieben. Aber auch David Bailey, Peter Lindbergh, Steven Meisel, David LaChapelle, André Kertész und Annie Leibovitz. Es war sehr aufregend und wunderbar zu sehen, wie viele Interessierte sich von unserem Programm angezogen fühlten, das ja auch Modeausstellungen beinhaltete: Wir haben unter anderem Martin Margiela, Pierre Cardin, Paco Rabanne, André Courrèges und Zandra Rhodes gezeigt.
Welche Fotografinnen und Fotografen der jüngeren Generation schätzen Sie?
Oh, da gibt es so viele. Alex Prager, Loretta Lux, Frauke Eigen und Carlo Valsecchi.
Sie sind seit über 50 Jahren im Business – was treibt Sie an?
Ich wüsste nicht, warum ich aufhören sollte. Solange es mir gut geht und mein Körper meinem Geist folgt, sehe ich keine Veranlassung dazu. Tatsächlich habe ich 1968 angefangen, also vor 56 Jahren.
Ihre verstorbene Schwester Franca Sozzani, die frühere Chefredakteurin der italienischen Vogue, und Sie waren schon früh zwei wichtige Impulsgeberinnen in der Modefotografie. Gibt es einen biografischen Hintergrund?
Meine Eltern nahmen uns in Kindertagen oft mit in Museen und Kirchen. Schon früh lernten wir die italienischen Meister der Malerei und Architektur kennen. Italien war in viele Königreiche aufgeteilt, dementsprechend gibt es viele Paläste und Gotteshäuser. Auch wenn es uns damals noch nicht klar war, sind wir von Schönheit umgeben aufgewachsen. Das hat wahrscheinlich unseren Wunsch genährt, im späteren Leben nach Schönheit zu suchen.
Hatten Sie einen Mentor?
Den Fotografen Alfa Castaldi, der mit Anna Piaggi verheiratet war, würde ich einen Mentor nennen. Er war ein sehr kultivierter Mann, sie hatte einen unglaublichen Instinkt für Mode. Wir haben viel Zeit zusammen verbracht. Besonders inspiriert hat mich auch Paolo Roversi. Wir haben das gleiche Frauenbild.
Wann haben Sie begonnen, Kunst zu sammeln?
Das war früh, schon Anfang der 1970er. Ich kaufte einen Warhol, dann Pollini und Castellani. Damals kam die Arte Povera gerade auf. Meine erste Fotografie war 1974 von Irving Penn, die „Warriors from Guinea“.
Im November 2024 ist ein Buch über Sie erschienen, geschrieben von der Autorin Louise Baring. Wie kam es zu diesem Projekt und was bedeutet es Ihnen?
Louise Baring hat Bücher über Norman Parkinson und Dora Maar geschrieben, die wir bei uns vorstellten. So haben wir uns kennengelernt: Sie überzeugte mich mit der Idee, nicht nur eine Biografie zu verfassen, sondern auch die sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen zu thematisieren, die Italien während der letzten Dekaden durchlebt hat – und welche Einflüsse Mode, Kunst und Fotografie in dieser Zeit hatten. Louise Baring hat mit mir über fünf Jahre lang immer wieder Interviews geführt. Ich muss sagen, sie war sehr geduldig. Und ich habe mich nach und nach geöffnet. Ich hoffe, dass das Buch jungen Menschen die Botschaft vermittelt: Gib nie auf! Durch das Buch bin ich mir selbst über manche Dinge klar geworden, die ich früher nicht realisiert habe. Wenn man lebt, vergisst man manchmal, über sein Leben nachzudenken.
Konfekt,
Frühling 2025