Die Pariser Designerin Nanna Pause hat sich dem Doubleface verschrieben. An der Nordküste Siziliens werden in ihrem Auftrag luxuriöse Mäntel und Jacken aus dem beidseitig tragbaren Material gefertigt. In jedes Teil fließen viele Stunden Handarbeit. Konfekt hat Nanna Pause zum Entstehungsort ihrer ‚Made to Order‘-Kollektion begleitet.
Auf dem Weg von Catania nach Capo D’Orlando ist der schneebedeckte Gipfel des Ätna über Stunden ein Begleiter. Majestätisch überragt er die fruchtbaren Hänge mit Pistazien- und Olivenhainen. Dass er ein aktiver Vulkan ist, tut er mit einem dezenten, aber steten Rauchzeichen kund. Kurz hinter dem mittelalterlichen Städtchen Randazzo, zwischen dessen Ziegeldächern zwei barocke Kirchtürme emporragen, verschwindet der höchste Berg der Insel jedoch aus dem Blickfeld und überlässt dem kobaltblauen Tyrrhenischen Meer die Bühne. Nun weisen die Vulkane der vorgelagerten Liparischen Inseln den Weg an die Küste und die schmalen Straßen sind von Korkeichen, Kirschbäumen und Schwertlilien gesäumt. Wir sind unterwegs nach Mirto, einem Örtchen, rund 20 kurvige Fahrminuten Capo D’Orlando entfernt. Am Ortseingang von Mirto erwartet uns ein weißes, zweistöckiges Haus, das sich in nichts von den angrenzenden Wohnhäusern unterscheidet: der Sitz von Zingales S.p.a., einer Produktionsstätte für edelste Doubleface-Bekleidung.
Nanna Pause trägt eine Garçonne-Frisur und einen japanischen Seidenkimono zur Chinopant. Sie ist heute Morgen aus Paris angereist. Seit 2018 produziert Pause ihre exklusive ‚Made to Order‘-Mantel-Kollektion mit Zingales. Drei- bis vier Mal pro Jahr reist sie nach Sizilien, um den Entstehungsprozess zu begleiten, Verarbeitungsdetails zu besprechen und neue Modelle vorzustellen. „Ciao, caro!“ Nanna Pause hat Salvatore Zingales und seiner Belegschaft Ladurée-Macarons mitgebracht und wird von den Angestellten und Salvatores Frau Maria herzlich begrüßt. Sie spricht fließend Italienisch, man ist ‚in famiglia‘.
„Nicht jeder weiß, dass auf Sizilien hochwertige Mäntel dieser Art produziert werden. Traditionell wird solch delikate Fertigung dem Norden des Landes zugeschrieben“, sagt die Pariser Designerin, als wir mit dem ‚Capo‘, dem Chef des Hauses, die Treppen zu seinem Büro im zweiten Stock hinaufsteigen. Doubleface ist ein Material, bei dem zwei autarke Gewebe durch das Mitlaufen einer zusätzlichen Kette oder eines zusätzlichen Schusses flächig miteinander verbunden werden. Die Fertigung von Doubleface-Mänteln ist die Königsdisziplin in der Mantelkonfektion. Bis zu 22 Meter handgearbeitete Nähte sind pro Mantel nötig. „Das können nur Experten“, sagt Pause, während wir vor dem Schreibtisch von Salvatore Zingales Platz nehmen, unter dem gütigen Blick einer Madonna an der Wand, die dessen Geschicke bewacht.
Zingales, 67, mit grauer Haartolle, ist einer dieser Experten. „Ich bin seit meinem 13. Lebensjahr im Geschäft, und war der Erste, der sich auf der Insel auf die Verarbeitung des Doppelgewebes spezialisiert hat“, sagt Zingales nicht ohne Stolz. Das war 1982. Heute zählt er 45 Mitarbeiter*innen und italienische und französische Luxusmarken zu seinen Kunden, darunter Max Mara und Bottega Veneta. Sein Familienunternehmen ist um mehrere Standorte gewachsen. Neben dem Mutterhaus und einer Bügelei in Mirto gibt es einen Zuschnitt in Torrenova sowie eine weitere Näherei in Capo D’Orlando, die sein Sohn Francesco leitet.
Und es gibt 200 Näher*innen, die im Umkreis von 25 Kilometern die Handarbeit verrichten, die die Nähte und Säume der meist wendbaren Doubleface-Mäntel prägt. „Da ein Doubleface-Kleidungsstück nicht gefüttert werden kann und da die meisten Modelle wendbar sein sollen, müssen die Nähte innen wie außen sauber verarbeitet sein. Das geht aus technischen Gründen nur, wenn eine der Nähte maschinell geschlossen und die andere Naht per Hand versäubert wird“, erklärt Nanna Pause. Etwa zehn Menschen legen bei der Produktion eines Mantels Hand an. Täglich organisiert Zingales Fahrten mit den halb montierten Mänteln in die umliegenden Dörfer, um die dort lebenden Näher*innen mit Arbeit zu versorgen.
Wir brechen auf, um eine von ihnen zu besuchen. Guiseppa Rizzo ist 80 Jahre alt und eine derjenigen Mitarbeiterinnen, denen Zingales auch die schwierigen Musterteile bringt. Sie sitzt auf einem Holzstuhl am geöffneten Fenster ihres Esszimmers, der Blick geht über terrassenförmig angelegte Gärtchen mit Orangen- und Zitronenbäumen ins Tal. „Ich arbeite am liebsten in den Morgenstunden“, sagt sie und blickt über den Rand ihrer bordeauxrot gefassten Brille. Sie trägt einen blauen Pullover. Über ihrer Schulter liegt ein Strang des für sie vorgeschnittenen Garns. Ihre rechte Hand fliegt leicht wie ein Schmetterling über den terracottafarbenen Kaschmir-Stoff des Mantels, mit links faltet sie die beiden Stoffkanten ein, mit rechts verbindet sie sie in Windeseile mit einem Blindstich, bei dem der Faden unsichtbar unter der Stoffoberfläche mitläuft.
Fünf Stunden täglich widme sie ihrer Handarbeit, der Rest der Zeit gehöre ihrer Familie, erklärt uns die Signora auf Italienisch mit sizilianischem Akzent. Ihr Mann, der lange Jahre in Deutschland gearbeitet hat und der neben ihr am Esstisch sitzt, lächelt froh. „Wenn neben der Haus- und Gartenarbeit noch Zeit bleibt, häkle ich“, sagt Guiseppa Rizzo und holt einen blütenweißen, hauchzarten Läufer hervor. Offensichtlich haben die über 40 mit Handarbeit verbrachten Jahre ihre Passion für feine Textilien nicht geschmälert. 25 Jahre davon arbeitet sie bereits für Salvatore Zingales. An einem guten Tag kann sie einen Mantel fertigstellen, im Schnitt sind es drei bis vier pro Woche. Doch nun ist Mittagszeit und das Essen wartet.
Warum Nanna Pause sich für eine Experten-Kollektion in Doubleface entschieden hat, erklärt uns die gebürtige Deutsche auf dem Weg zur Bügelei in Frazzanò. Nach ihrem Studium an der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Antwerpen arbeitete sie bei Jil Sander in Hamburg und bei Joseph Janard und Toni Gard in Aachen, bevor sie zum Team von Li Edelkoort stieß. Sechs Jahre verbrachte Pause bei der bekannten Trendforscherin, beriet unter anderem große Stoffhersteller, dann suchte sie wieder engeren Kontakt mit der eigentlichen Herstellung des textilen Produkts. Ein Angebot von Louis Vuitton machte das möglich. „Mich in der Stoffentwicklung an der Schnittstelle zwischen Textil- und Modedesign zu bewegen, kam meinen Neigungen sehr entgegen.“ Einer der Hersteller für Louis Vuitton, die Firma Mantero aus Como, wurde die nächste Station ihrer Laufbahn. Dort entwarf sie Stoffe für den Luxusmarkt.
Nach drei Jahren zog es sie jedoch zurück nach Paris. Für Dior arbeitete sie in der Entwicklung textiler Accessoires, bis zum Weggang von Raf Simons im Jahr 2015. „Nach arbeitsintensiven Jahren gönnte ich mir eine Orientierungspause. Durch den Wechsel von Kunden- zu Herstellerseite und wieder zurück hatte ich Einblick bekommen, welche Bedürfnisse auf beiden Seiten bestehen, welche Grenzen durchbrochen werden können“, sagt die Designerin, die im Englischen, Französischen und Niederländischen genauso zu Hause ist wie in ihrer deutschen Muttersprache. „Ich stellte mir die Frage, wie ich meine Erfahrungen und Leidenschaften verbinden könnte. Ich hatte mich auf den unterschiedlichsten Feldern ausprobiert, nun war mein Wunsch, ein hochpersonalisierbares Produkt zu gestalten, das meine Affinität zu hochwertigen Stoffen spiegelt. Ich bin seit jeher für das Weglassen, das Weniger, das Unsichtbare. Beim Doubleface ist die Interdependenz und Dynamik zwischen Material, Verarbeitung und Design einzigartig. Zum einen beeinflussen sich die miteinander verbundenen Stoffe in ihrer Bewegung und Flexibilität, sie haben mehr Stand, mehr Körper als einfach gewebte Materialien. Durch diese wechselseitige Unterstützung knittert Doubleface weniger, was ihn zum idealen Reisebegleiter macht. Zum anderen erfordert das Material eine aufwändige artisanale Fertigung und setzt gestalterische Grenzen“, erläutert die Designerin, als wir Frazzanò, einen an den Berghang geschmiegten Ortsteil von Mirto, erreichen. „Die nehme ich jedoch gern in Kauf. Ich sehe mich im Dienst der kostbaren Materialien, die ich einsetze. Um ein gutes Produkt entstehen zu lassen, darf man dem Stoff nichts aufzwingen.“
Nanna Pauses Mäntel sind Expertenprodukte. Noch immer beinhaltet ihre Kollektion, die Pause ausschließlich für den Winter konzipiert, ihre Ursprungsmodelle. Weiterentwicklungen entstehen aus den ikonischen Formen durch Drapagen an der Puppe. Die relativ kleinen Métragen, die sie benötigt, bezieht sie zum Teil aus Lagerüberhängen exklusiver Stoffhersteller aus Norditalien, andere entwickelt sie selbst in Zusammenarbeit mit den Produzenten. Kaschmir-, Alpaka-, Babykamel- und Schurwollqualitäten sind für die Kollektion prägend. Bei den Orders, inzwischen von 28 Stores weltweit geschrieben, besteht die Möglichkeit, Materialien exklusiv anzufragen oder Saumlängen zu bestimmen. Die kleinen Stückzahlen sind außergewöhnlich und Teil eines exklusiven Agreements mit Zingales. Durch ihre Kontakte zu den französischen Luxusmarken ist Pause für das sizilianische Unternehmen zu einem wichtigen Satelliten in der französischen Hauptstadt geworden.
Wir sind inzwischen in der Bügelei angekommen. Die Luft im Raum ist feuchtwarm, die meisten Angestellten sind gerade in der Mittagspause. An dem halben Dutzend Bügelstationen werden die hochwertigen Wollstoffe gedämpft, hier findet auch die Qualitätskontrolle statt. Nanna Pauses Jacken und Mäntel heben sich durch ihre Reduktion und Zeitlosigkeit von denen der restlichen Produktion ab. „Es gibt nicht den Nanna-Pause-Look“, sagt Nanna über Nanna. „Der Look kommt von der Kundin selbst.“ Für den kommenden Winter beinhaltet die Kollektion flauschige Qualitäten aus Alpaka in natürlichen, neutralen Farben wie Beige, Taupe und Camel. Anthrazit, verschiedene Nuancen von Grau und ein kräftiges Yves-Klein-Blau unterstreichen die Klarheit der Linien. Unistoffe werden flankiert von gesprenkelten Qualitäten, Hahnentritt und Fischgrat. Dadurch, dass viele Firmen inzwischen mehr auf Nachhaltigkeit achten und es weniger Stoffüberhang gibt, schwinden Pauses Chancen, in den Lagern der großen Stoffproduzenten fündig zu werden. So geschieht es zunehmend häufiger, dass sie mit ihren Lieferanten Stoffe entwickelt, die später in Produktion gehen. Auch hier profitiert sie von ihrer fundierten Fachkenntnis.
Dass Nanna Pause mit allen Wassern gewaschen ist und ihre Kollektion von einer Versiertheit kündet, wie sie selten geworden ist, hat sich herumgesprochen. Zu den Händlern der ersten Stunde gehören Tiina the Store in Amagansett in den Hamptons, Mouki Mou in London und Arts & Science in Japan. Zur dritten Saison der Kollektion hat mit Andreas Murkudis aus Berlin als ein in der Modewelt viel beachteter Vorreiter eine Order geschrieben. Das könnte der Kickstart sein. Eine Aussicht, die auch Salvatore Zingales freuen dürfte.
Konfekt,
Herbst 2022