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Blaue Stunden

Art & Culture

Seen und Berge haben die Biografie der Berliner Malerin Anna Kuen geprägt. Wenn sie die Sehnsucht nach ihrer idyllischen bayrischen Heimat packt, unterbricht sie ihren Alltag und fährt an den Liepnitzsee in Brandenburg.

Tuckernd biegt die schwarze BWM von 1953 mit elegant geschwungenem Tank und silbern glänzenden Speichen in den Parkplatz am Liepnitzsee ein. Anna Kuen steigt vom Soziussitz, nimmt den mattschwarzen Helm und die große Sonnenbrille ab und schüttelt ihre blonden, gestuften Haare. Sie ist heute Morgen mit ihrem Freund, dem Schauspieler Johannes Schüchner, die 50 Minuten von Berlin-Wedding hergefahren, um zu baden – und um Konfekt jenen Ort zu zeigen, an dem sie am liebsten auftankt. „Es geht jetzt nur noch zehn Minuten durch den Wald, dann sind wir da“, verkündet sie fröhlich und öffnet den Reißverschluss ihrer schwarzen Vintage-Motorradlederjacke. Ihr Freund Johannes, groß, schlank und dunkelhaarig, streift ebenfalls den Helm ab.

Der Morgen ist noch kühl und der Parkplatz wie leergefegt. Es verspricht ein einsames Badevergnügen zu werden. „Wir haben den See im Winter 2019 entdeckt, kurz nachdem wir nach Berlin gezogen sind. Seitdem kommen wir sommers wie winters zum Schwimmen hierher – und für lange Spaziergänge“, erklärt Anna, als wir in den Waldweg einbiegen. Wir gehen durch hochgewachsene Buchen, manche von ihnen mögen über einhundert Jahre alt sein. Die Morgensonne kämpft sich von Zeit zu Zeit durch die Wolken und das Blattwerk und tupft Lichtpunkte auf den sandigen Boden.

Der Liepnitzsee gehört zum Wandlitzer Seengebiet und liegt acht Kilometer nördlich der Berliner Stadtgrenze in der Gemarkung Bernau, umgeben von schönen Mischwäldern. Er gilt als einer der saubersten Seen des seenreichen Brandenburgs, was darauf zurückzuführen ist, dass er von einer unterirdischen Quelle gespeist wird. Ganz in der Nähe verläuft die Wasserscheide zwischen Nord- und Ostsee: Das Wasser aus dem Liepnitzsee fließt über Ober- und Hellsee, durch Finow und Oder in die Ostsee, das des nahegelegenen Wandlitzer Sees über Briese, Havel und Elbe in die Nordsee.

Nach einigen hundert Metern geht es ein paar Schritte die Böschung hinab und auf einem Holzsteg am Ufer entlang. Grünblau schimmert das Wasser zu unserer Rechten durchs Schilf. Dann lichtet sich der Wald und gibt einen sandigen Platz frei, wo ein Holztisch mit zwei Bänken steht. „Hier ist es“, sagt Anna und lässt ihren Rucksack am Fuß einer alten Eiche sinken. Sie schlüpft aus ihren Ankle Boots, streift die rote-weiße Motorradlederhose ab. Darunter trägt sie einen weißen, klassisch geschnittenen Badeanzug aus gecrinkeltem Stoff.

Seen und Berge bestimmen die Biografie von Anna Kuen. Aufgewachsen ist sie im idyllischen Burghausen im Landkreis Altötting in Bayern, einem Ort, der bekannt ist für die längste Burganlage der Welt und seine fantastische Umgebung. „In einer Natur, die so schön und gewaltig ist, dass es dir den Atem verschlägt“, schwärmt sie. „Ich verstehe, warum der Glaube dort so fest verankert ist. Manche Naturerscheinungen in den Bergen sind so überwältigend, dass rein wissenschaftliche Erklärungen zu kurz zu greifen scheinen.“ Anna breitet ihr Handtuch im Sand aus. „Und mitten in Burghausen liegt der Wöhrsee. Von April bis November sind wir nach der Schule regelmäßig dort schwimmen gegangen.“ Als sie nach ihrem Kunststudium an der Akademie der bildenden Künste in Wien nach Berlin zog, hatte sie daher auch bald nach einem Ort zum Schwimmen Ausschau gehalten. „Die Seen im Stadtgebiet von Berlin sind mir aber zu überlaufen. Wir nehmen lieber die Fahrt auf uns und kommen hierher.“

Anna geht zu der kleinen Bucht, von der aus sich ein weiter Blick eröffnet: dicht bewaldetes Ufer, so weit das Auge reicht. Das Wasser des Liepnitzsees ist glasklar und heute Morgen noch wärmer als die Luft. Ein halbes Dutzend Rotaugen steht am Ufer im seichten Wasser. Als ein Hecht patrouilliert, stieben die Weißfische auseinander. „Es gibt hier Aale, Barsche, Brassen und Karpfen“, weiß Anna und setzt den ersten Fuß ins Nass. Links im Schilf ziehen zwei Haubentaucher ihre Bahn. Anna watet in den See bis ihr das Wasser über den Bauchnabel reicht und schwimmt dann mit kräftigen Zügen in Richtung einer massiven Baumwurzel, die in Ufernähe im Wasser treibt. Von dort hält sie auf die Insel Großer Werder zu, die einige hundert Meter entfernt ist. Ihr blonder Schopf wird kleiner auf dem schimmernden Grün. Johannes ist am Ufer geblieben und schmökert in seinem Buch „Alte Sorten“.

„Ich brauchte schon als Kind viel Bewegung. Ballett und Modern Dance bestimmten meine Jugend. Heute gehe ich Schwimmen oder unternehme lange Spaziergänge“, erklärt Anna, als sie nach zwanzig Minuten von ihrem Morgenbad zurückgekehrt ist und ihre Haare trockenrubbelt. „Wenn ich am Wasser bin, egal ob am Meer oder einem See, erscheinen mir Sorgen und Probleme kleiner. Das liegt wohl daran, dass ich mich im Angesicht der Natur selbst kleiner fühle und manches relativiere. Nach dem Schwimmen fühle ich mich leicht und frei.“ Die Sehnsucht nach ihrer Heimat kann dies offenbar nur zeitweilig schmälern. Warum sonst ist ihre Kunst so sehnsuchtsvoll?

Wir brechen auf, um uns ihre Arbeiten in ihrem Atelier anzusehen. Unterwegs halten wir für ein spätes Frühstück – ein Stück frischen hausgemachten Apfelkuchen – an einer kleinen Landbäckerei im Örtchen Schönwalde. Nach vierzig Minuten Fahrt über brandenburgische Alleen, vorbei an Roggenfeldern und durch winzige Dörfer, deren Kirchtürme aus Holz gezimmert sind, tauchen wir wieder in die Großstadt ein.

Der Stadtteil Weißensee im Nordosten Berlins ist geprägt von ruhigen Wohngebieten. Im Hinterhof eines Mehrfamilienhauses auf der Borodinstraße hat die Malerin ihr Atelier, ein etwa 30 Quadratmeter großes Refugium mit einem Hof, der von efeubewachsenen Backsteinmauern begrenzt wird. Der Raum beherbergt Bilder, Bücher, Farbtöpfe, Leinwände, einen Spind, einen kleinen Schreibtisch, einen Minikühlschrank und eine Herdplatte, auf der nun ein Bialetti-Espressokocher gurgelt. Anna holt Blaubeeren aus dem Kühlschrank und öffnet eine Tüte mit salzigen Crackern. „Ich muss immer etwas zu essen dahaben, sonst werde ich nervös. Hungrig malen kann ich nicht.“ Sie hat die rot-weiße Lederhose jetzt gegen eine helle Chino getauscht, die von einer Farbklecks-Camouflage überzogen ist. „Ich habe ein Ritual entwickelt. Immer wenn ich im Atelier ankomme, schreibe ich etwas in mein Notizbuch: Gedanken, Gedichte, einzelne Sätze, manchmal nur Wörter“, sagt Anna Kuen fast entschuldigend. Neben ihrem Notizbuch liegen ein großformatiges Skizzenbuch und Seiten, die sie aus Zeitschriften und Jahrbüchern des Alpenvereins herausgetrennt hat. Sie zeigen Fotografien von Bergen in unterschiedlichsten Ansichten, Strukturen, Formen und Lichtsituationen.

„Ich habe in Wien bei Daniel Richter studiert. Selbständiges Arbeiten und Kritikfähigkeit waren unabdingbar in seiner Klasse“, erinnert sie sich an ihre Studienzeit. Wie Richter malt Kuen abstrakt. Frühere Ansätze mit Druckgrafik gab sie auf, ihre Arbeit führte sie immer wieder zurück zu Farbe und Pinsel. „Meine Bilder spiegeln die Strukturen meiner Gedanken, zeigen die Landschaft meines Geistes. Es sind die grundlegenden Fragen des Menschseins, die mich beschäftigen. Fragen, die in der Mythologie und in allen möglichen Geschichten und philosophischen Überlegungen diskutiert werden, mit denen die Menschheit versucht, sich selbst zu verstehen. Vereinfacht gesagt stellen wir alle die gleichen Fragen und bemühen uns, der Existenz einen Sinn zu geben.“

In ihren Arbeiten, die allesamt phonetische Titel tragen, ist die Bergthematik allgegenwärtig. „Die Titel sind in Mundart, daher die Lautschrift. Zudem mag ich es, wenn der Name des Werks Interpretationsspielraum lässt.“ Meist entstehen großformatige Serien mit kontrastreichen Farbkompositionen, in denen kantige und organische Strukturen aufeinandertreffen. „Als ich ein Teenager war, nahmen wir in der Schule den Farbkreis durch und ich stellte plötzlich fest, dass mein Verhältnis zu Farben ein anderes war als das meiner Mitschüler. Farben prägten meine Tage und Stimmungen.“ Damals wurde Anna Kuen klar, dass sie Synästhetikerin ist und über eine spezielle Art der Wahrnehmung verfügt, was sich nun auch in ihrer Kunst manifestiert. „Ein schöner Tag wie heute hat ein samtiges Blau, Kopfschmerzen jedoch sind grellgrün“, beschreibt die Künstlerin ihre Rezeption von Farbe.

Neben der Malerei arbeitet Kuen erfolgreich als Model. Sie wird von Agenturen in Europa und den USA vertreten und in letzter Zeit fliegt sie teils mehrmals im Monat nach New York. „Manchmal nehme ich einen Kasten mit Ölkreiden mit. Dass ich aber wirklich zum Malen komme, ist selten. Meine Kompositionen entstehen im Prozess, sind Erinnerungen an Szenen und Gefühle, das geschieht oft sehr intuitiv, dafür muss ich in mich hineinhorchen, brauche Ruhe und Muße.“

Auf ihre Intuition verließ sich Anna Kuen auch bei der Entscheidung, eine Kollaboration mit einer Modemarke einzugehen. Die Strukturen, Farben und Texturen einiger ihrer Gemälde flossen in eine Seidenkollektion des nachhaltigen Labels La Bande Berlin ein. Ihre anfänglichen Berührungsängste zerstreuten sich bald, denn sie stellte fest, dass die Kollektion aus Seidentüchern, einem Slipdress, einem Top, einem Wickelrock und Shorts ganz nach ihren Vorstellungen entwickelt wurde. Anna schlingt sich eines der großen bedruckten Seidentücher mit orangen, hellblauen, schwarzen und weißen Farbfeldern in Hippie-Manier um den Kopf. Es kleidet sie perfekt. Was sie sich wünscht? Eine gute Galerie und mehr Zeit für ihre Kunst zu finden. Und am Wasser zu leben. Letzteres muss ja nicht gleich sein, aber irgendwann.

Konfekt,
Herbst 2022