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Culinary portrait

Art & Culture / Food / Travel

Victoire de Taillac, Mitbegründerin der Pariser Kosmetikmarke Officine Universelle Buly 1803, empfängt uns in ihrer wunderkammerartigen Maisonette in Saint-Germain-des-Prés und bereitet für uns ein Gericht ihrer syrischen Mutter zu: Mujaddara.

Nach einer ruckeligen Fahrt in dem winzigen, eichenvertäfelten Lift erwartet uns Victoire de Taillac in der vierten Etage. Sie öffnet von außen die schwere Eisentür und schiebt das Rautengitter beiseite. „Das ist der einzige Aufzug, den wir haben, wir beten immer, dass er funktioniert“, sagt sie fröhlich. „Die Einkäufe für eine fünfköpfige Familie über das Treppenhaus nach oben zu bringen ist sportlich.” Seit zehn Jahren wohnt Victoire de Taillac mit ihrem Mann Ramdane Touhami und den drei Kindern Scherazade, Adam und Noor in einem in den 1930ern auf ein ehrwürdiges Pariser Hôtel particulier aufgesetzten,  doppelstöckigen Erweiterungsbau. Zehn Jahre im idyllischen, gesetzten Saint-Germain-des-Prés, das ist für das nomadische Paar, das schon in Tanger, Tokio, Jaipur und Brooklyn seine Zelte aufgeschlagen hatte, eine verhältnismäßig lange Zeit.

Victoire de Taillac trägt einen kurzärmligen, türkisfarbenen Cashmere-Pullover und einen weit schwingenden, königsblauen Rock, auf dessen Saum eine verschwenderische, südamerikanisch anmutende Borte appliziert ist.  Dazu ist sie in Brogues geschlüpft. Der holzige Duft, der den mit Illustrationen, Fotografien und Familienportraits reich dekorierten tannengrünen Flur durchzieht, rührt von einer Buly-1803-Kerze in einem Marmorgefäß,
die auf einer zierlichen antiken Schminkkommode vor sich hinflackert. „Kommt herein. Ich habe gerade angefangen“, lotst uns die quirlige Victoire in die Küche.

Hier erwarten uns noch mehr Bilder und Illustrationen in Sankt Petersburger Hängung auf einer Tapete, die einem orientalischen Fliesenmuster nachempfunden ist, dazu ein runder Marmortisch, an dem fünf Personen Platz finden. Ein Regal mit Kochbüchern, drei Sorten Brot auf dem Tisch, frisches Obst und Gemüse in großzügigen Mengen neben der Spüle. „Es gibt Mujaddara, ein arabisches Gericht aus Reis und Linsen, das meine Mutter, die aus Aleppo stammt, oft auf den Tisch brachte – eine Kindheitserinnerung“, kündigt Victoire an. „Dazu gerösteten Butternusskürbis und einen Rotkohl-Möhrensalat.“

Victoire beginnt, den orangegelben Kürbis zu schälen und in Würfel zu schneiden. „Meine Mutter würde ein derart simples Gericht niemals für Gäste zubereiten. Ich habe es etwas abgewandelt, koche den Reis und die Linsen separat, und richte es mit Joghurt an, was es viel attraktiver aussehen lässt.“ Gemeinsam mit ihrem Mann Ramdane ließ Victoire de Taillac 2014 die altehrwürdige Kosmetikmarke Officine Universelle Buly von 1803  wiederauferstehen. Die studierte Historikerin und ehemalige PR-Beauftragte des Concept Stores Colette und der Creative Director schufen ein Produktangebot, das sich sowohl durch die natürlichen Ingredienzien auszeichnet als auch durch seine Aufmachung: In der Designsprache der Verpackung finden sich vielfältige Reminiszenzen an das 19. Jahrhundert, die Geburtsstunde einiger bekannter Kosmetikunternehmen.

Diese Mischung kommt an: Rund um den Globus haben de Taillac und Touhami bereits Stores eröffnet, allesamt aufwändig durchdekliniert. „Die Formeln unserer Produkte sind simpel, wir überfrachten sie nicht. Über 95 Prozent bestehen aus reinen, pflanzlichen Inhaltsstoffen. Diese Beschränkung auf wenige Zutaten spiegelt sich übrigens auch in meiner Küche“, erklärt Victoire. Sie schiebt die Kürbisschnitze auf ein Backblech,  übergießt sie mit Olivenöl und streut etwas Salz darüber, bevor sie das Blech im vorgeheizten Ofen verschwinden lässt. Dann wendet sie sich dem Rotkohl zu, raspelt das lilafarbene Kraut und die Möhren, vermengt beides miteinander und bereitet anschließend eine Vinaigrette aus Olivenöl, Cidre-Essig und Moutarde de Meaux zu. Immer wieder klingelt ihr Mobiltelefon. Eines ihrer drei Kinder, ihr Mann, der gerade in der Schweiz arbeitet, ihre Mutter oder eine ihrer Schwestern – irgendjemand hat immer Redebedarf oder eine kurze Mitteilung zu machen.

Jetzt ist es Ramdane. „Oui, chérie?“, meldet sich Victoire, das Telefon zwischen Ohr und Schulter geklemmt und mit den freien Händen den Reis mit Butter anschwitzend. Ramdane kündigt an, um 18 Uhr werde eine Spezialistin aus dem Louvre vorbeikommen, um sich ein Gemälde anzusehen. Die Geschichte dahinter klingt beinahe erdichtet: Bereits vor Jahren hatte Ramdane Touhami ein Gemälde erstanden. Kürzlich war der Rahmen zerbrochen und ein Vermerk von 1960 zum Vorschein gekommen, vorgenommen von einer renommierten Schweizer Galerie. Danach würde es sich bei dem Gemälde um einen echten Tizian handeln. „Ramdane hat schon unzählige alte Schätze gefunden. Und er hat immer eine Idee, wohin sie passen könnten. In einen unserer Stores, in sein Büro oder eben hier in unsere Wohnung“, lacht Victoire. Offenbar ist sie der erdverbundene Part in der Familie. Unbeirrt von der Aussicht, dass die Louvre-Kuratorin bald vor der Tür stehen wird, beginnt Victoire damit, vier mittelgroße Zwiebeln auf einem herzförmigen Holzbrett zu schneiden. „Weißt du, was verrückt ist? Der Geruch von gebratenen Zwiebeln ist vielleicht der beste Raumduft der Welt. Viele verbinden ihn mit ihrer Kindheit, er vermittelt Geborgenheit.“

Victoire de Taillac wurde in Beirut geboren, als zweitjüngstes von fünf Kindern. Ihr Vater arbeitete dort für ein Ölunternehmen, doch als der Libanonkrieg ausbrach, kehrte die Familie in ihre französische Heimat zurück.  Victoire verbrachte ihre Jugend zwischen Paris, wo sie in einem Haus im Schatten des Eiffelturms lebte, und der Gascogne. Dort hat die De-Taillac-Dynastie ihren Familiensitz, ein Schloss aus dem 16. Jahrhundert. Victoires Großvater, Nachfahre von Isaac de Porthau, der Alexandre Dumas für die Figur des Porthos in den ‚Drei Musketieren’ inspirierte, hatte es seinerzeit erworben.

„Ich war sehr wissbegierig, habe in den endlosen Feriensommern auf dem Land alles gelesen, was mir in die Hände fiel: Camus, Balzac, Zola, Proust. Noch heute lese ich jeden Tag: Biografien, Poesie, Kochbücher. Einfach alles. Wenn es mir gelänge, weniger zu arbeiten, würde ich die gewonnene Zeit ganz sicher dafür nutzen, mehr zu lesen.“ Es sei nicht zuletzt diese unstillbare Neugier, die sie und Ramdane verbinde. Victoire setzt die Linsen in einer kupfernen Kasserolle auf. Nun schwimmen sie in einer selbstgemachten Gemüsebrühe, die sie jeden Sonntag ansetzt. „Sie können dann vor sich hinköcheln. Die Zwiebeln karamellisiere ich zuletzt. Wenn sie einmal in der Pfanne sind, darfst du sie nicht mehr im Stich lassen“, zwinkert Victoire mir zu und eilt die Treppe hinauf in die obere Etage, in der sich das Wohn- und Esszimmer mit dem Blick über die Stadt befinden.

Als wir uns dort später zu Tisch begeben, duftet in einem Topf der mit den Linsen und Zwiebeln vermengte Reis. Der Tizian hat sich als nicht echt entpuppt – die Hauttöne ähnelten eher Rubensfarben – und die hinter dem Eiffelturm untergehende Sonne wirft ihre letzten warmen Strahlen auf die lange, mit dem blau-weißen Hochzeitsgeschirr gedeckte Tafel. „Das Wichtigste ist, dass alle zusammenkommen und sich entspannen können“, antwortet Victoire ohne Umschweife auf unsere Frage, was für sie eine perfekte Einladung ausmacht. „Wenn ich mir Sterneküche wünsche, dann gehe ich doch gleich in ein Sterne-Lokal.“ Sie schwärme ja für Alexandre Gauthiers Kochkünste, erklärt Victoire, die habe sie kürzlich in seinem Restaurant La Grenouillière erleben dürfen. Bei Freunden zuhause jedoch, da zähle die Begegnung. „Du darfst nie vergessen, dass deine Gäste kommen, um dich zu sehen. Die Zeit mit ihnen ist das Wertvollste überhaupt.“

Konfekt,
Juli 2022