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Art of glass

Art & Culture

Die Mayer’sche Hofkunstanstalt ist eine der ältesten und berühmtesten Glas- und Mosaikwerkstätten der Welt. In einem sechsstöckigen Gebäude unweit des Münchner Hauptbahnhofs, 1923 von Theodor Fischer gebaut, leben und arbeiten Petra und Michael Mayer, die das Traditionsunternehmen in fünfter Generation leiten.

Ein Dienstagmorgen in der Münchner Innenstadt, die langsam erwacht. Ein schwacher Wind weht den malzigen Geruch des Brauereiviertels über den Stiglmaierplatz. Visà-vis dem Löwenbräukeller zieren zwei quadratische farbige Leuchtkästen die hohe Fassade eines Hauses aus der Gründerzeit, Arbeiten des britischen Künstlers Brian Clarke für Zaha Hadid und Sir Norman Forster. Ein schmiedeeiserenes Tor führt in den Innenhof. Hier ist der Hauptsitz der Mayer’schen Hofkunstanstalt, die genauso Teil der kulturellen DNA der Stadt ist wie die großen benachbarten Brauereien. Bis ins Jahr 1847 reicht die Unternehmensgeschichte der Familie Mayer zurück – 2022 wird das 175-jährige Jubiläum der Werkstätten an der Seidlstraße gefeiert.

Petra Mayer empfängt Konfekt in der dritten Etage des Hauses, auf der Schwelle ihres Büros. Die gelernte Architektin ist zierlich und wirkt energisch, ihre Körperhaltung gleicht der einer Ballerina. Sie trägt ein schwarzes Midi-Kleid mit unregelmäßig plissiertem Faltenrock, darüber einen Baumwoll-Gehrock mit Glencheck-Karo, die üppigen aschblonden Haare sind zu einem Dutt aufgetürmt. Sie führt uns den Gang entlang, vorbei am Büro ihres Mannes Michael Mayer, zu einer Loge. Hier öffnet sich der Blick auf ein Atrium mit dreieckigem Grundriss, ganze drei Etagen hoch. Morgenlicht flutet durch das 15 Meter hohe Fenster des Raumes. „Dies ist das Herzstück des Gebäudes, der Ausstellungssaal. Er wurde von Theodor Fischer so konzipiert, dass man die Arbeiten von drei unterschiedlichen Ebenen aus und aus den verschiedensten Perspektiven betrachten kann“, sagt Petra Mayer und überlässt uns für eine Minute der Wirkung des Anblicks.

Im Stockwerk unter uns haben sich über zwei lange Tische Kaskaden von farbigem Glas ergossen. Ein meterhohes Mosaik ist hier in Arbeit. Leises Klirren dringt hinauf, manchmal unterbrochen vom scharfen Sirren eines Glasschneiders und dem Knacken des brechenden Werkstoffs. Fünf Mitarbeiter, sogenannte Mosaizisten, schneiden die Glassstücke zu, um sich anschließend konzentriert über das Kunstwerk zu beugen und die Puzzle-Teile einzupassen. „Wir arbeiten hier an der Fortsetzung eines Werkes des US-Künstlers Nick Cave, das einen Zugang der U-Bahn-Station des New Yorker Times Square schmücken wird. Die Arbeit zeigt Tänzer in fransigen Voodoo- Kostümen, sogenannten Sound Suits. Cave verarbeitet darin seine Trauer über den Verlust vieler Freunde während der Aids-Epidemie. Dies ist ein Teilstück von etwa 18 mal 4 Metern, insgesamt wird das Kunstwerk 500 Quadratmeter Fläche an der Station Times Square einnehmen.“

Eine Holztreppe führt uns ins tiefer gelegene Stockwerk, hinein in das Meer aus Glas und Farben. Im Nebenraum des Atriums arbeitet Daria Gavrilova aus Sankt Petersburg an einem weiteren Fragment der Cave’schen Wandinstallation. Als Grundlage dient ihr ein farbiger Digitalausdruck des Entwurfs. Sie fixiert die Mosaikstücke mit Zementkleber auf einem Netz, das über den Ausdruck gelegt wird. Wie sie die vorgegeben Farbflächen aufteilt und gestaltet, liegt in ihrem Ermessen. So eröffnet sich bei der Umsetzung auch eine neue künstlerische Dimension. „An diesem Stück arbeite ich seit zwei Wochen“, sagt Daria Gavrilova und fügt in Präzisionsarbeit mit der Pinzette rot schimmernde Smalten in ein Federmuster ein. Fast anachronistisch erscheint die Technik, umso mehr noch, als das daraus hervorgehende Erzeugnis an einem der geschäftigsten Verkehrsknotenpunkte New Yorks zum Einsatz kommen wird. Ende des nächsten Monats soll das Mosaik fertig sein, und da der Termin unaufhaltsam näher rückt, herrscht konzentrierte Stille in den Ateliers.

Es war ein Konditorsohn aus dem Allgäu, der 1847 die Mayer’sche Hofkunstanstalt gründete. Joseph Gabriel Mayer war schon als Kind mit einem so außergewöhnlichen Zeichentalent gesegnet, dass es sogar dem Dorfpfarrer auffiel. Er wurde zum Kunststudium an die Akademie nach München geschickt, ergriff den Beruf des Ornamentbildhauers und machte sich schließlich selbstständig. Sein Ururenkel Michael Mayer, schulterlange, graumelierte Haare, samtige Hose, Kaschmirpullover und dunkelgrauer Schal, der auf seinem Rundgang durch die Werkstätten zu uns stößt, strahlt Ruhe und Besonnenheit aus. Weltweit genießt er den Ruf eines Meisters des Machbaren. Mit großem Einfühlungsvermögen und Fachwissen überführt er die Entwürfe seiner Kunden in die Realität, darunter Künstler wie Kiki Smith, Ann Hamilton, Mike und Doug Starn, Shahzia Sikander, Vik Muniz, Kerstin Brätsch, Sean Scully, Georg Baselitz oder Jan Hendrix. Unter anderem hat die Mayer’sche Hofkunstanstalt bereits 80 U-Bahn-Stationen in internationalen Metropolen gestaltet – Stationen in New York, Boston, Chicago, Los Angeles und Philadelphia zieren Mosaike und Glasarbeiten aus München. Die USA sind ein wichtiger Markt.

Schon Firmengründer Joseph Gabriel war in der neuen Welt eine Größe. 1888 hatte sein Sohn Franz eine Dependance in New York eröffnet, darüber hinaus unterhielt die Familie Büros in Paris, London, Dublin und  Südamerika. Er legte den Grundstein für eine internationale Erfolgsgeschichte, die mit dem Zweiten Weltkrieg eine Zäsur erfuhr. Von 500 Mitarbeitern um die vorletzte Jahrhundertwende blieben sieben übrig. Heute arbeiten wieder 43 Mosaizisten, Glasmaler und Kunstglaser auf 5000 Quadratmetern Atelier-, Werkstatt- und Ausstellungsfläche an der Seidlstraße. Noch immer ist die Idee der Bauhütte, wie sie im 19. Jahrhundert im Betrieb etabliert wurde, präsent: Bei den Mayers begleitet man Projekte von A bis Z, teilt die Vision von Anfang bis Ende. Ein großer Vorteil, da die Ideen so in der Umsetzung nicht verwässern. Zudem setzt der gelernte Meister-Mosaizist Michael Mayer, alles daran, jeden Auftrag individuell umzusetzen. „Ob Glas, Mosaik oder Keramik – unser Markenzeichen ist der interdisziplinäre Austausch, das Verschränken der Möglichkeiten“, sagt der 54- Jährige.

Fühlt man sich in den Werkstätten der oberen Etagen in die Vergangenheit zurückversetzt, wartet im Keller die Zukunft. Hier sieht es aus wie in einem Hightechlabor: Ein Digitaldrucker für keramische Schmelzfarben, drei Spezialöfen für mehrfaches Brennen, ein Sandstrahler, eine Glaslaminiermaschine, eine Wasserstrahlschneider und eine Ätzkammer warten auf ihren Einsatz. „Wie können wir das Lagenschmelzen weiterentwickeln? Oder das spannende Material Keramik?“ Die Kreativität des Cheftüftlers macht die Werkstätten zu einem Eldorado für experimentierfreudige Kunden. Mayer stellt seine Arbeit dabei stets in den Dienst des Künstlers. In einer sich rapide verändernden Welt gründet der Erfolg der letzten Jahre auf dem beharrlichen Dialog zwischen Kunst und Handwerk.

„Wir haben drei Apartments im Haus. Viele der Künstler wohnen bei uns, manchmal über Wochen. Daraus haben sich intensive Freundschaften entwickelt“, verrät seine Frau, als wir unseren Rundgang durch das Labyrinth  der Ateliers fortsetzen. Leben und Arbeiten – die Grenzen sind hier im Haus fließend. „Nick Cave ist so ein habitueller Gast. Als einmal sein Koffer nicht ankam, trug er zwei Wochen die Kleidung meines Mannes“, erinnert sich Petra Mayer lachend. Wir betreten das in ein warmes Grau getauchte Treppenhaus. Zweimal schon hat die Architektin, die an der Münchner TU studiert hat, den Industriebau saniert. Einmal Mitte der 1990er Jahre und ein weiteres Mal um 2014. Mit der Sensibilität einer Archäologin legte sie Schicht für Schicht frei, zauberte historische Texturen unter dem funktionalen Nachkriegsfirnis hervor. „Ich mag es, wenn Geschichte durchscheint“, sagt Petra Mayer. Gern ergänzt sie das Historische mit dem, was modernen Bedürfnissen entspricht, geht dabei jedoch weit über das Zweckmäßige hinaus. Mit Glas- und Mosaikarbeiten aus den Mayerschen Beständen, einer Mischung aus historischen Schätzen, die sie auf dem Dachboden und im Keller wiederentdecken durfte, aber auch mit zeitgenössischer Kunst verleiht sie dem geradlinigen Bau eine charakteristische Handschrift.

Jeder Raum wirkt wie eine Schatztruhe für die gesammelten Artefakte, das Treppenhaus inbegriffen. Vor einem der hohen Sprossenfenster haben zwei Kunstglaser gerade noch ein Fließglas-Werk mit zwei Baumgruppen  angebracht. Mildes Licht dringt durch die Scheiben. Die Bäume wirken wie im frühmorgendlichen Nebel. „Eine Arbeit des Schweizers Uwe Wittwer. Er hat bei uns mit der Glasmalerei begonnen.“

Ein fester Bestandteil der Arbeit im Münchner Stammhaus ist Kirchenkunst. „Konfessionsübergreifend“, fügt Petra Mayer hinzu, als sie die Tür zur vierten Etage öffnet. Hier entsteht Glaskunst für christliche Kirchen, Synagogen und Moscheen. Vieles davon ist für Gotteshäuser im US-amerikanischen Bible-Belt im Mittleren Westen bestimmt, eine Region, in der prachtvolle Ausstattungen noch immer gewünscht und bezahlt werden, zum Beispiel solche im Stil der Kathedrale von Chartres. Für deren Fenster wurde einst sogar eine neue Glasfarbe entwickelt, das sogenannte Chartres-Blau. Der von den Mayers geprägte ‚Munich Style‘ dagegen ist besonders für seine lebendigen Hauttöne und die atemberaubend gemalten Textilien bekannt. Auch Restaurierungen können bei den Mayers in Auftrag gegeben werden. Hier, in der vierten Etage, ist ein Restaurierungsmeister gerade damit beschäftigt, einem Fenster aus Schloss Drachenburg am Drachenfels bei Königswinter zu neuer Pracht zu verhelfen.

Ein ächzender Fahrstuhl bringt uns ins Erdgeschoss. Im Floating-Glass-Atelier bricht sich die Sonne in bunten Scheiben, die in den Fensterregalen stehen, und zaubert farbige Rechtecke aufs Parkett. Als Wolken anrücken, beginnt das Licht zu tanzen. „Es ist ein himmelweiter Unterschied zwischen mineralisch gefärbtem Glas und Glas, das mit farbiger Folie laminiert ist. Sehen Sie nur, bei den mundgeblasenen und mit metalloxydhaltigen Farben gefärbten Stücken zeigen die Schatten die gleiche Farbintensität wie das Glas“, weist Petra Mayer uns auf die verschiedenen Qualitäten hin. Im Fließglasatelier werden die großen Glasmalereien angefertigt. Unser Staunen über die Formate der bemalten Scheiben quittiert sie mit einem Schulterzucken. „Unsere einzige Begrenzung ist die Hofdurchfahrt zur Straße.“

In der Nähe der Rampe, über die die Arbeiten das Haus verlassen, stehen zwei Glaspaneele einer von Karl Lagerfeld erschaffenen Serie namens ‚Fontana di Trevi“. Sie zeigen Neptun – per Fire Engraving auf Glas gebracht und mit Handmalereien veredelt und werden von hier aus nach Miami geschickt um dort eine Hotellobby zu verschönern. Seit dem Tod des Modeschöpfers begleitet der Verleger Gerhard Steidl, ein enger Freund Lagerfelds, die Weiterführung dieser Arbeit. Auch Steidl gehört bei den Mayers zum inneren Kreis. Mit ihm verbindet das Paar die Kompromisslosigkeit, die Detailversessenheit, der hohe Qualitätsanspruch. „Zum 170. Bestehen haben wir mit Gerhard Steidl ein Buch mit dem Titel ‚Light‘ herausgegeben. Zum diesjährigen 175. Jubiläum kommt der Nachfolger: ‚Schatten‘. Zudem ist wieder eine  Sonderedition mit Künstlern des Hauses geplant“, so Petra Mayer.

Inzwischen schwindet das Licht und die Schatten werden schärfer. Samuel und Joshua, die beiden Söhne der Mayers, kommen am späten Nachmittag aus der Ganztagsschule nach Hause und die Familie versammelt sich auf dem ausladenden Hirschledersofa vor dem Wintergarten-Fenster, das zur Stadt hinausgeht. Hier, in der sechsten Etage des Hauses, lebt das Paar in einer verwinkelten Maisonette-Wohnung, umgeben von Antiquitäten, Bildern, Skulpturen, Erb- und Erinnerungsstücken. Es ist ein Kosmos aus Kunst und Kuriositäten, in dem die sechste Generation aufwächst. In ihm setzt sich die wunderkammerhafte Welt der Mayer’schen Hofkunstanstalt ins Private fort. Samuel und Joshua tragen Nadelstreifenanzüge zu langen blonden Seitenscheitelmähnen. Joshua, der Jüngere, ist in seine Chucks geschlüpft. Noch sind es E-Carts, an denen sie tagelang in den Werkstätten basteln. Ob sie irgendwann in die Fußstapfen ihrer Eltern treten werden, steht in den Sternen.

Konfekt,
Juni 2022