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Home rules

Als Lisa Rühwald und Christian Müller 2017 den über 200 Jahre alten Bauernhof im Allgäu besichtigten, wurden ihre Pläne, nach Italien auszuwandern, mit einem Mal hinfällig. Einen besseren Ort würden sie nirgendwo finden. Nun leben sie hier ihre Idee vom einfachen Leben – und teilen ihre Utopie von Gemeinschaftlichkeit mit Gästen und Gleichgesinnten.

Das Oberallgäu unweit des Städtchens Kempten ist ein Meer aus grünen Hügeln, besprenkelt mit einsamen Gehöften und überzogen von einem feinen Netz aus schmalen Straßen. Auf einem Wellenkamm thront ein roter Bauernhof: das Rosso. Inmitten von Wiesen und Weiden haben Lisa Rühwald und Christian Müller hier eine neue Heimat gefunden. Vor dem Fenster stecken Kühe die ihre weißumrandeten Mäuler ins saftige Gras oder genießen in der Sonne dösend die grandiose Aussicht. Im Süden türmen sich die Alpen auf, im Osten liegt das 7000-Seelen-Dorf Altusried.

Das Rosso hat die Form eines Ls. Im alten, dem kürzeren Teil, lebt das Paar mit Hund Boo, Katze Pippa und den Hühnern. Der lang gestreckte neuere Teil wurde von Grund auf umgebaut. In der ehemaligen Tenne sind heute drei Apartments untergebracht, die zwischen 70 und 90 Quadratmetern variieren. Alle sind in warme Brauntöne getaucht. Dank der Farbharmonien verschmelzen rustikale Hölzer, ehemalige Dielen und Stalltüren mit mediterranen, nordafrikanischen und skandinavischen Elementen. Gekalkte Wände haben eingebaute Nischen, die flachen Polsterecken mit zahllosen Kissen in Gewürzfarben, die Alkovenbetten und die frei stehende Kupferbadewannen bilden kleine Wohlfühlinseln. Geflochtene Rattanlampen spenden am Abend warmes Licht und die offenporig verarbeiteten Hölzer der Tische verströmen ihren würzigen Duft.

Ebenerdig darunter befindet sich ein großer Gemeinschaftsraum mit einer langen Holztafel: das sogenannte Atelier der langen Weile, der Ort der Begegnung. Die Gäste sitzen zusammen am Kamin und lesen, im Sommer versammelt man sich um den großen runden Grill im Garten. Hier ist Raum für Workshops, Yogastunden und ein entspanntes Miteinander.

Dazu ein Schwimmteich, ein Kräutergarten, eine Sauna, eine Liegewiese – Das Rosso ist ein Ort voller Lieblingsplätze, eine Oase der Ruhe und Kontemplation. Und genau die suchten die Kommunikationsdesignerin und der Mitbegründer der Digitalplattform Online Marketing Rockstars, als sie das hippe Karoviertel in Hamburg verließen. Bei einer Tasse Artemisia-Tee erzählt Lisa Rühwald Konfekt, warum ihr im Rosso der Gedanke des ‚Insieme‘ so wichtig ist und wo die Winter in den Voralpen am stillsten sind.

Deine Familie stammt aus dem Allgäu, du bist in dieser Gegend aufgewachsen. Was bedeutet es für dich, dass ihr dieses Haus ausgerechnet in deiner Heimat gefunden habt?
Wir kamen an einem goldenen Herbsttag hier auf dem Bauernhof an. Die ehemalige Besitzerin, eine freischaffende Künstlerin, hatte den Teil, den wir heute privat bewohnen, bereits umgebaut. Die Fassade leuchtete tiefrot und war mit Wein überwachsen, der Walnussbaum im Hof trug Früchte. Als wir das Haus betraten, lief gerade ‚Nara‘ von alt-J, einer meiner Lieblingssongs. Da es schon spät war, durften wir über Nacht bleiben. Am nächsten Morgen war das Haus sonnendurchflutet und wir konnten im Frühnebel vor unserem Fenster Rehe beobachten. Es war einfach keine Frage mehr. Wir hatten schon viele Höfe angeschaut, hatten uns von Hessen immer weiter nach Süden bewegt, aber nie etwas Vergleichbares gesehen. Dieses Haus hier hat uns schlichtweg keine Wahl gelassen.

Ein Glücksfund.
Ja, tatsächlich. Auch wenn ich ursprünglich nicht die Absicht gehabt hatte, in meine alte Heimat zu ziehen, erwies sich die Entscheidung als sehr gut. Mein Vater, mein Bruder und mein Onkel sind Handwerker, sie haben einen Dachdeckerbetrieb. Zwar konnten sie den Umbau aus Zeitgründen nicht allein übernehmen, doch wir bekamen die Möglichkeit, über sie auf ein Netzwerk sehr guter Handwerker zurückzugreifen. Wir haben viele Holzarbeiten durchführen lassen, wollten aber eine besondere Verarbeitung. Unbehandelte Oberflächen, ein natürliches Aussehen und auch eine offenere Haptik, das waren unsere wichtigsten Wünsche – und das macht nicht jeder Schreiner mit. Durch den direkten Draht zu guten Leuten, allen voran einem ganz alten Schreiner aus Isny und einem ganz jungen aus Altusried, konnten wir tatsächlich alles so umsetzen, wie wir es uns vorgestellt haben.

Ihr habt in der Zeit des Umbaus auch sehr viele besondere Einrichtungsobjekte zusammengetragen. Hast du ein Lieblingsstück?
Ich bewundere die Arbeit der in Marrakesch lebenden belgischen Designerin Laurence Leenaert ungemein. Von ihr stammt der Wandteppich im Eingangsbereich, er begrüßt beim Empfang unsere Gäste. Laurence Leenaert arbeitet mit grafischen Mustern und verbindet die Farben der Sonne und der Wüste mit diesem wunderbaren Majorelle-Blau. Ich hätte gerne noch mehr Objekte und Textilien von ihr.

Ihr wolltet ursprünglich in die Toskana auswandern. Das Interior Design des Rosso spiegelt diese mediterrane Sehnsucht.
Meine Urgroßmutter stammt aus Sizilien, das hat mich geprägt. Wir hatten ursprünglich geplant, in die Toskana zu ziehen, dann aber festgestellt, dass es dort Orte wie das Rosso schon gibt. Außerdem trifft man hier im Allgäu viele Menschen, die eng mit der Natur leben. Die Gegend war lange arm, die Leute bescheiden, die Regeln der Bauernkalender stammen von hier. Es gibt viel überliefertes Wissen.

Gibt es weitere Inspirationen?
Die Villa Lena in der Toskana, das Eremito in Umbrien, das Relais La Saracina in Pienza und das Son Gener auf Mallorca. Wir wollten den Geist und die Leichtigkeit dieser Orte hierher ins Allgäu bringen.

Ihr habt zweifellos ein Talent dafür, Lieblingsplätze zu schaffen. Sei es der Schwimmteich, an dem man, bewacht von Birken und Weiden auf den Holzplanken dösen kann, oder die Kupferbadewanne unter dem Dachfenster.
Wir haben beide sehr gerne Gäste und versetzen uns einfach in deren Lage – was möchte man selbst am liebsten erleben? Wo würden wir uns wohlfühlen?

Das ‚Atelier der langen Weile‘ ist auch so ein Ort, ein Kamin, ein freischwingendes Rattansofa, urgemütliche Sessel, ein langer Holztisch. Welche Rolle spielen der Gemeinsinn und das gemeinschaftliche Erleben im Rosso?
Eine sehr große Rolle! Ich glaube, uns allen fehlt nicht nur ein Ruhepol, sondern auch das Gefühl der Gemeinschaftlichkeit, das ‚Insieme‘, wie es auf Italienisch heißt. Wir sitzen zu viel allein vor dem Bildschirm, haben vielleicht zu wenig Austausch, fühlen uns gestresst. All dem möchten wir im Rosso entgegenwirken. Was die Gemeinschaftlichkeit betrifft, sehen wir noch unzählige Möglichkeiten. Wir möchten hier Retreats und Symposien veranstalten, Künstler, Literaten, Köche und Wissenschaftler zusammenbringen.

Wie verbringt ihr die Winter im Rosso?
Wenn es geschneit hat, ist es noch stiller hier als sonst. Es gibt nichts Schöneres, als an einem sonnigen Morgen mit Schneeschuhen aufzubrechen und die weiße Landschaft zu erwandern. Unweit von hier ist ein kleines Vorgebirge, das wenige kennen: die Adelegg. Dorthin kann man einsame Touren unternehmen.

Konfekt,
Mai 2022