Martina Münch und Manfred Werner verbindet die Leidenschaft für Design-Möbel der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nun haben sie für sich und die Lieblingsstücke ihrer Sammlung ein neues Zuhause im Hamburger Schanzenviertel gefunden.
Auf dem Klingelschild steht Münch/Werner, genau genommen sind jedoch hier, im Hamburger Schanzenviertel, eine ganze Reihe großer Namen zu Hause: Die Inhaber des Design-Möbelhandels Wohnkultur 66 haben auf der Susannenstraße, umringt von kleinen Stores und Restaurants, für sich und einen Teil ihrer Möbelsammlung eine neue Bleibe gefunden.
„Wir hatten klare Vorstellungen, als wir vor einem Jahr anfingen, eine Wohnung zu suchen: Ein Altbau in einer angemessenen Größe und einem unverbauten Zustand sollte es sein“, erklärt Martina Münch, dunkler Lockenschopf, wadenlanger bordeauxfarbener Rock mit Nadelstreifen und spitze schwarze Stiefel, als sie Konfekt die Tür im ersten Stock des Jahrhundertwendehauses im Hamburger Schanzenviertel öffnet und wir in den langen Flur ihrer Wohnung eintreten. „Wir hatten Glück. Nach monatelanger Suche haben wir diese 140-Quadratmeter-Wohnung gefunden“, ergänzt ihr Mann Manfred Werner, schulterlanges graues Haar und getönte Brille. „Kommt herein!“ Das Paar führt uns nach rechts, in den ersten von zwei mit einer breiten Schiebetür verbundenen Wohnräumen, dessen Fenster zur kopfsteingepflasterten Susannenstraße weisen. Schräg gegenüber: die vom Vormittagslicht schwach angestrahlte Rote Flora. Das ehemalige Sommertheater und Konzerthaus, in dem einst Zarah Leander und Hans Albers auftraten, ist seit über drei Jahrzehnten autonomes Kulturzentrum der linken Hamburger Szene.
Unseren Blick fesselt jedoch bald eine etwa ein Meter lange Yamagiwa-Pendelleuchte des amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright. Das japanisch anmutende, geometrische Objekt aus Kirschholz ist eine aufregende Liaison mit der opulenten Stuckrosette an der Decke eingegangen. Es beherrscht das Wohnzimmer und ergänzt perfekt dessen weitere Einrichtung: ein mit der Rückenlehne zum Fenster stehendes Sofa von Finn Juhl aus dem Jahr 1957, einen japanischen Paravent und zwei halbrunde Tische mit Metallbeinen von Bruno Mathsson, darauf Lampen mit bauchigem Keramikfuß und ebenso bauchige Vasen mit Eichhörnchen-Dekor von Ipsens Enke. Vis-à-vis dem Sofa finden sich ein mittelbrauner kubischer Ledersessel sowie ein Satz schwarzer Schachteltische, beides Entwürfe des Wieners Josef Hoffmann. Eine Stehleuchte dient als Leselampe neben dem Leder-Fauteuil. „Die Lampe nach dem Original-Entwurf von Ernst Schwadron aus dem Jahr 1949 haben wir in Kooperation mit dem österreichischen Künstler Konrad Friedel vor drei Jahren nachbauen lassen. Schwadron war Architekt des Wiener Werkbundes und ist 1938 in die USA emigriert. Wir konnten seine Nachkommen dort ausfindig machen und die Rechte für einige Entwürfe erwerben. Seither bauen wir sie in kleinen Serien nach“, sagt Manfred mit norddeutschem Einschlag.
„Nehmt Platz“, dirigiert uns seine Frau auf das Sofa, zu dessen Füßen ein naturfarbener Wollflokati mit abstraktem Muster und zwei Kissen mit grau-violett gestreiftem Bezug liegen. Martina Münch und Manfred Werner sind Expert*innen für Design-Möbel der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und im vergangenen Jahr in das Haus in der Susannenstraße eingezogen. Mit dabei: eine illustre Runde großer Gestalter*innen, genauer gesagt deren Entwürfe. Kein Wunder, dass jeder Gegenstand hier eine Geschichte hat. Nicht selten ist diese eher tragisch und handelt, wie im Fall von Schwadron, von Vertreibung und Emigration, denn die Designs der 1930er und 1940er Jahre haben es dem Paar besonders angetan. „Ich bin in Bielefeld geboren“, sagt Martina und reicht uns eine Tasse Kräutertee. „Meine Mutter war eine erfolgreiche Diplom-Volkswirtin, und so verbrachte ich in meiner Kindheit viel Zeit bei meinen Großeltern. Die Möbel im Haus meiner Großeltern hat mein Großvater in den 1930ern und 1940ern von einem Tischler nach seinen Wünschen anfertigen lassen. Sein Stil hat mich sehr geprägt.“ Martina nimmt einen Schluck Tee. „Meine Liebe zu Objekten noch älteren Datums habe ich von meiner Mutter geerbt. Sie war verrückt nach Antiquitäten und nahm mich schon als Kind mit auf ihre langen Streifzüge durch die einschlägigen Londoner Geschäfte.“
In den letzten Jahren ist diese Leidenschaft bei Martina neu entflammt. „Seit manche dänischen Möbelmarken ihre Produktion nach Fernost verlagert haben, haben wir uns beruflich mehr und mehr Antiquitäten zugewandt“, sagt sie. Das Biedermeier-Esszimmer, das sich im Nebenraum befindet, ist eines ihrer jüngeren Ankäufe. Den ovalen ausziehbaren Tisch mit gedrehten Naval-Beinen und die zwölf passenden Stühle erwarb das Paar bei einem Hamburger Antiquitätenhändler. Wir gehen nach nebenan. „Eigentlich war das Ensemble schon an einen Iren verkauft, der aber wegen der großen Einfuhrschwierigkeiten durch den Brexit davon Abstand genommen hatte“, erinnert sich Manfred. Neben dem Esstisch hängt eine große Arbeit des Fotografen Bernhard Prinz: Sie zeigt Martina rauchend mit Turban, in einem eigens für sie angefertigten gestreiften Bademantel von Petra Teufel. Eine Szene wie aus einem Film von Rainer Werner Fassbinder, die für den Wohnkultur-66-Showroom zur Kölner Möbelmesse entstand. „Einige unserer Freunde hatten auch schon die Fassbinder-Assoziation, und in Bezug auf die Wohnung fühlen sich manche an die Filme von Ingmar Bergman erinnert“, nickt Martina. Ihr Möbel-Mix ist extravagant, dennoch wirkt die Einrichtung mühelos und mit leichter Hand zusammengestellt. Dank der vorherrschenden warmen Naturtöne verschmelzen sämtliche Elemente zu einem harmonischen Ganzen.
Manfred Werner öffnet die Türen des Sideboards und zeigt uns seine Bestecke von Carl Auböck und Arthur Salm. Ganz besonders in seiner Sammlung seien für ihn auch die Gläser des Finnen Tapio Wirkkala und des Schweden Vicke Lindstrand, sagt er und beginnt, den Esstisch mit Teller der Hamelner Töpferei einzudecken. „Das ist nur ein Bruchteil meiner Kollektion.“ Werner lacht und ergänzt augenzwinkernd: „Sehr zum Leidwesen meiner Frau.“ Martina führt uns den langen Flur entlang in den hinteren Teil der Wohnung, der zu einem großen, grün bewachsenen Hof hinausgeht. Die beiden Wandregale im Lesezimmer sind aus massiver Birke und wurden 1943 von Bruno Mathsson entworfen. Sie beherbergen einige von Martinas Büchern, darunter ein Fotoband der Textilkünstlerin Sheila Hicks. Ein Verweis auf den voluminösen orangerote Wollteppich, der das Lesezimmer schmückt. Ob dieser jedoch ebenfalls von Hicks stammt, ist nicht belegt. Im rechten Regal: eine Auswahl von Hamelner Keramik – kleine Vasen und Schalen mit matter Glasur in Naturfarben, die Manfred gekauft hat. Eintausend Teile besitzt er insgesamt, ein Großteil lagert in Kisten und Kartons auf dem Hof von Martinas Eltern in Westfalen.
Martina Münch und Manfred Werner sind seit Jahrzehnten fest im Schanzenviertel verwurzelt. 1996 eröffneten sie Wohnkultur 66 in einem ehemaligen Schlachthof, fünf Gehminuten von ihrer jetzigen Wohnung entfernt. „25 Jahre lebten wir in einem Loft über dem Verkaufsraum, der über eine steile Holztreppe zu erreichen war. Es war ein komplett weiß getünchter Raum, der von einem großen Bett dominiert wurde. Stell dir das Ambiente vor wie bei einem Bed-In von John Lennon und Yoko Ono“, meint Manfred. „Absolut minimalistisch. Nur ein einziges Mal haben wir einen Nagel in die Wand geschlagen. Das war an Karneval, um eine Luftschlange aufzuhängen“, grinst er. „Wir haben uns dort sehr wohlgefühlt, während der Pandemie jedoch fassten wir den Entschluss, Wohnen und Arbeiten zu trennen“, ergänzt Martina.
Früher mag es schlicht zugegangen sein – ihr jetziges Schlafzimmer ist luxuriös. Ein elegantes Bett der österreichischen Möbelmanufaktur Wittmann namens Joyce Cushion wurde mit einer dunkelvioletten Wolle bezogen. „Fast alle Stoffe, die du in unserer Wohnung findest, stammen von Hanne Vedel. Sie ist eine dänische Handweberein und gerade 90 Jahre alt geworden“, erläutert Manfred und streicht über das schwarz-weiß-violett gestreifte Kissen auf dem Bett, dessen Bezug ebenfalls aus einem von Vedel gefertigten Material besteht. „Vedel hat auch Stoffe für das SAS Hotel in Kopenhagen entworfen. In Zimmer 606 des Hotels findest du die Original-Entwürfe von Arne Jacobsen, für den sie damals arbeitete.“ Wer was wann unter welchen Umständen entworfen hat und wo es produziert wurde oder noch immer wird – Manfred ist um keine Antwort verlegen und kennt auch die Lebensgeschichten der Gestalter*innen und ihrer Produkte bis ins kleinste Detail. Wer ihm zuhört, erhält eine Lehrstunde in Designgeschichte. Unsere Zeit verrinnt im Nu.
Doch eine Sache wollen uns Martina Münch und Manfred Werner noch mit auf den Weg geben. „2021 haben wir die Rechte für den Nachbau von zwei legendären Entwürfen von Friedrich Kiesler erhalten, dem ‚Correalistischen Instrument‘ und dem ‚Correalistischen Rocker‘, zwei Designobjekte, die wir in Kollaboration mit Wittmann von Konrad Friedel anfertigen lassen. Morgen ist der offizielle Launch der Möbelstücke und die Österreicher werden kommen, inklusive Carl Auböck, der ein Vorwort für das parallel erscheinende Buch „Form“ über Konrad Friedel geschrieben hat“, freut sich Martina. Das möchten wir uns nicht entgehen lassen. Denn dann wird das Paar, das sich so leidenschaftlich für den Erhalt der rarer werdenden Dinge einsetzt, wohl wieder ganz in seinem Element sein – in diesem Fall sogar umgeben von deren Kreateuren und anderen Gleichgesinnten.
Konfekt,
Frühjahr 2023