Der Weitwanderweg Via Engiadina ist auch im Winter ein Traum. Unsere Autorin hat sich dem Weiß der Rätischen Alpen überlassen und dabei den Alltag aus den Augen verloren.
Krrsch, krrsch, krrsch macht der Schnee unter meinen Wanderschuhen. Sechs-zackige Grödeln unter der Sohle sorgen für einen guten Grip. Ein feines Streifenmuster zeugt davon, dass die Wanderpiste frisch präpariert ist. Einladend jungfräulich liegt sie mir zu Füßen, so früh am Tag noch ohne menschliche Spur, was ein einsames Wandervergnügen verspricht. Der Weg liegt im Schatten, in der Morgenluft sehe ich meinen Atem. Doch zu meiner Rechten kämpft sich bereits die Sonne durch das Unterholz der Arven, der bis an die Baumgrenze wachsenden immergrünen Baumart mit den fünfnadeligen Blättern, in Deutschland auch als Zirbelkiefer bekannt.
Ich bin unterwegs auf der Via Engiadina, einem Weitwanderweg im Unterengadin. Die historische Wanderroute im Kanton Graubünden verläuft in sechs bis zwölf Etappen von Maloja nach Vinadi, je nach Geschmack und Kondition – ich habe mich für den Abschnitt von Zernez nach Ftan entschieden, eine rund 27 Kilometer lange Teilstrecke, die in zwei Tagen gut zu schaffen sein soll. Wobei: Ums „Schaffen“ geht es mir weniger. Vielmehr möchte ich meine Gedanken vom Diktat des Alltags entkoppeln, mich im monochromen Winterweiß verlieren – vielleicht nicht buchstäblich, aber sprichwörtlich – und in die Unterengadiner Kultur eintauchen.
„Il rumantsch“, das Rätoromanische, ist eine der vier Landessprachen der Schweiz und wird hauptsächlich im Kanton Graubünden gesprochen, auch im Engadin. Das Unterengadin pflegt das Idiom „Vallader“ – eine Sprache, die laut der Einheimischen wie Musik in den Ohren klingt. Il rumantsch kennt viele Vokabeln, für die es im Deutschen keine wirkliche Entsprechung gibt. „Pachific“ lässt sich beispielsweise noch am Ehesten mit „entschleunigt“ übersetzen. Ein Attribut, auf das die Einwohner im unteren Teil des Inntals gerne zurückgreifen, um ihre Lebenseinstellung zu beschreiben. Mit eingedacht ist eine entspannte Geisteshaltung, ein friedliches Leben-und-leben-Lassen. Genau so, ganz pachific, möchte ich es in den nächsten Tagen angehen lassen. Und dabei, en passant, noch einige der schönsten Dörfer des Unterengadins mit ihren typischen kunstvollen Sgraffito-Fassaden kennenlernen. Und ich werde erwartet. Denn die Wanderung entlang der Via Engiadina ist über Reiseanbieter organisierbar: In den familiengeführten Hotels der Orte, an denen ich Station machen werde, sind schon die Kissen zur Nachtruhe aufgeschüttelt. In den mit duftendem Arvenholz getäfelten Stüvas, den Gaststuben, warten lokale Spezialitäten. Was für eine Aussicht.
Für den ersten Tag ist die Etappe von Zernez über Lavin nach Guarda geplant. Ich bin früh aufgebrochen, mit einer Thermoskanne Tee und dem typischen Engadiner Früchtebrot im Rucksack, habe in anderthalb Stunden die Talsohle entlang des Inn durchwandert, um in Susch das Museum der polnischen Unternehmerin und Mäzenin Grażyna Kulczyk zu besuchen. Das Muzeum Susch ist untergebracht in einem ehemaligen Pfarrhaus, einst Teil eines mittelalterlichen Klosters, und in der Brauerei, um die das Kloster im 19. Jahrhundert ergänzt wurde. Die alten Gebäudestrukturen mit minimalistischem, dank seiner Materialität zugleich naturnahem Spirit treffen hier auf hochkarätige internationale Kunst. Inspiriert und beeindruckt von der grandiosen Architektur und den farbenfrohen textilen Arbeiten der 91-jährigen ungarischen Künstlerin Ilona Keserü verlasse ich schließlich das Museum.
Der Weg hinter Susch führt leicht bergauf, durch einen Lärchenwald, dann wieder bergab. Da die letzten Tage sonnig waren, ist der Schnee an manchen Stellen angetaut und in den eiskalten Nächten wieder gefroren – ich bin froh um die Grödeln, die sich zuverlässig in die vereisten Inseln krallen. Nach einer Stunde überquere ich die überdachte Holzbrücke in Lavin und steige die Stufen zum Dorfplatz hinauf. Rechts des Brunnens: das Restaurant Linard. Im Arvensaal von 1926, der als der schönste Speisesaal im ganzen Inntal gilt, wird mir vom jungen Koch Jirka Vasek eine köstliche, sämige Selleriecremesuppe mit Mandeln und Nussbutter vorgesetzt, gefolgt von den typischen Pizzoccheri aus Buchweizen mit blauen St. Galler Kartoffeln, Birne und Majoran. Ich fühle mich für den nächsten Abschnitt gerüstet, die Wanderung hoch über dem Tal vom Val Lavinuoz bis zum Dorf Guarda.
Guarda liegt spektakulär über dem Inn, weit weg von Talstraße und Bahnlinie. Ich treffe in der Abenddämmerung ein, begrüßt von einer großen Rabensippe, die sich das autofreie Dorf, das nun im Zwielicht liegt, mit den knapp zweihundert Einwohnern teilt. Im dortigen Hotel wartet ein gemütliches Zimmer mit Blick auf die Unterengadiner Dolomiten auf mich. Und mein Koffer. Dank Absprachen der Via-Engiadina-Partnerhotels wird das Gepäck der Wandernden entlang der Route von Tür zu Tür transportiert.
Die nächste Etappe führt sanft auf- und abwärts auf der Sonnenseite des Inntals nach Ardez. Dort empfängt mich der Dorfführer Walter Schmid. Er zeigt mir die schönsten Sgraffito-Fassaden und erzählt aus seinem Leben: vom Skilift, der für die Kinder gratis ist, und von der Lotterie am Abend, bei der sich das ganze Dorf trifft – und bei der auch er sich einen kleinen Gewinn erhofft. Ein prominenter Bewohner von Ardez, ist der Künstler, Bildhauer und Architekt Not Vital. Seine Stiftung, die Fundaziun Not Vital, hat sich zum Ziel gesetzt, Drucke aus dem 17. und 18. Jahrhundert in die Gegend ihres Ursprungs zurückzubringen. Die rätoromanische Bibliothek, die diese Sammlung beherbergt, befindet sich im Haus Planta von Wildenberg, einem imposanten weißen Eckhaus aus dem Jahr 1642.
Im 1040 erbauten Schloss Tarasp auf halbem Weg nach Scuol zeigt die Stiftung eine Sammlung antiker, moderner und zeitgenössischer Kunst nebst wechselnden Ausstellungen. Ein Abstecher, der spannend klingt, den ich mir für dieses Mal aber spare, so beschließe ich und steige am Skilift vorbei den Hang hinauf. Vorbei an Ruinen, die halb im Schnee versunken sind, über eine Straße und entlang einer Loipe geht es nach Ftan, einem Dorf, das nicht nur vom Skitourismus lebt, sondern auch bekannt ist durch sein Sportinternat, die Kaderschmiede des Hochalpinen Instituts.
Der Postbus mit lässig gekleideten Snowboarder:innen und Familien in klobigen Skistiefeln bringt mich nach Scuol. Im dampfenden Außenbecken des Bogn Engiadina, einer Bäder- und Saunalandschaft, lasse ich mich zur blauen Stunde pachific im Strömungskanal treiben, der morgigen Abreise entgegen. In unmittelbarer Sichtweite erheben sich die schneebedeckten Berge des Silvretta. Majestätisch, unverrückbar. „Wir sind hier“, scheinen sie mir zu sagen, „wir sind hier und wir bleiben es auch. Du kannst jederzeit wiederkommen.“
Tipp: Wer noch einen halben Tag dranhängen möchte, dem empfiehlt sich eine knapp vier Kilometer lange Tour von Sent aus zur Sonnenterrasse des Bergrestaurants Vastur. Die Familie des Landwirts Georg Salomon betreibt das Restaurant nur im Winter. Auf warmen Schaffellen sitzend genießen die Gäste den hausgemachten Früchtekuchen. Anschließend begeben sie sich zu den restauranteigenen Holzschlitten, auf denen es in rasantem Tempo und vor der grandiosen Bergkulisse der Silvrettagruppe und der Unterengadiner Dolomiten wieder zurück nach Sent geht.
Am Wegesrand
Muzeum Susch
Surpunt 78
7542 Susch
+41 81 861 03 03
www.muzeumsuch.ch
Linard Lavin
Plazza Gronda 2
7543 Lavin
+41 81 862 26 26
https://linardlavin.ch
Bogn Engiadina
Via dals Bogns 323
7550 Scuol
www.bognengiadina.ch
+41 81 861 26 00
Restorant Vastur
Vastur
7554 Sent
+41 79 437 46 54
www.vastur.ch
H Magazine,
Winter 25/26