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Sound of silence

Interior Design / Travel

Für ein paar Tage mit Freunden in einem Architektenhaus auf einer kaum besiedelten Miniinsel im Schärengarten vor Stockholm
zu verschwinden, ist Purismus und Luxus zugleich.

Wenn eine der Fähren oder ein Taxiboot die kleine Schäreninsel Södermöja passieren, entsteht am Sandstrand unseres Ferienhauses mit etwas Verzögerung eine winzige Brandung. Ein kurzes Wellenrauschen unterbricht dann die Stille, ebbt nach einer halben Minute aber so plötzlich ab, wie es gekommen ist. Danach hört man wieder nur das leise Sirren der fingerlangen Libellen, die auf den Holzplanken des Stegs ein Sonnenbad nehmen. Drum herum: von der Ostsee rund gewaschene Felsen und ein Fahnenmast, an dem ein schmaler Schwedenwimpel flattert.

Obwohl nur eine Autostunde und zwanzig Bootsminuten von Stockholm entfernt, fühlt man sich auf Södermöja fernab der Zivilisation. Es gibt keine Geschäfte, keine Restaurants, keine Autos. Um einzukaufen oder essen zu gehen, ist ein Ausflug auf die Nachbarinsel Möja notwendig. Entweder per Fähre, die drei Kilometer entfernt von unserem Haus ablegt, was einen Fußmarsch durch den Wald bedeutet. Oder mit dem eigenen Boot, das wir nicht haben. Jetzt, in der Nebensaison, sitzen wir gewissermaßen fest auf Södermöja – was durchaus das Ziel unserer Reise ist.

Eingekauft haben wir deshalb bereits während unserer Fahrt vom Stockholmer Flughafen zum Anleger des Bootstaxis: Wasser, Wein, Brot, Gemüse, Salat, Obst, Käse … zahlreiche Gepäckstücke, Kartons und Tüten hieven wir auf das Boot, das uns nach Södermöja bringt. Der Käpt’n des Wassertaxis schaut lässig, lässt sich von den Mengen an Gepäck und Proviant nicht beeindrucken und steuert nach zwanzig Minuten souverän den Anleger von Victor Ljungbergs Anwesen an, unser Ziel und Heimathafen für die nächsten Tage.

Vom Steg aus führt eine Wiese zum Haus, gesäumt von fast hundert Jahre alten Eichen und Ulmen. Auf dem Grün stehen Deckchairs, wie man sie aus amerikanischen Filmen kennt – das Grundstück ist offen und weitläufig. Darüber thront, auf einer kleinen Anhöhe, das Architektenhaus, das auf ganzer Breite dem Meer und der Sonnenseite zugewandt ist. »Wir wollten einen Entwurf, der an ein Bootshaus oder eine Scheune erinnert und den Eindruck vermittelt, als wäre das Gebäude immer schon da gewesen«, sagt Victor. 2021 ließ er das 125 Quadratmeter große Feriendomizil von Carl Kvanta und John Robert Nilsson vom Stockholmer JRN Arkitektkontor entwickeln. Ein Freund hatte ihm das Grundstück auf Södermöja bereits 2019 vermittelt, es dauerte jedoch ein Jahr, bis Victor die Genehmigung bekam, das alte Haus, das dort stand, durch ein neues zu ersetzen. »Meine Verlobte Nikita und ich leben in einem Apartment in Stockholm. Wir hatten aber schon lange den Wunsch, einen Ort für uns, unsere Familie und Freunde zu schaffen, an dem wir gemeinsam Zeit verbringen können«, erklärt er.

Bodentiefe Fenster spendieren dem offenen Wohn- und Gemeinschaftsraum viel Licht. Die Sofas und Rattansessel sind gemütlich mit Kissen und Mohairdecken ausgestattet, die offene Kochinsel lädt zur Gemeinsamkeit ein. Ein Plattenspieler und zahlreiche Vinyl-Platten lassen Rückschlüsse auf den Musikgeschmack des Hausbesitzers zu und geben uns das Gefühl, zu Gast bei einem Freund zu sein. »Uns war wichtig, dass wir ausreichend Platz haben, aber immer noch eine gewisse Intimität entsteht«, sagt Victor, der dem Haus gemeinsam mit Nikita eine sehr persönliche Note gegeben hat. Viele der Bilder und Artefakte stammen von ihren Familien. »Die Handzeichnungen im Schlafzimmer sind von meiner Großmutter, das Foto von dem Adler hat Nikitas Großvater aufgenommen.«

Bis zu acht Personen können im Haus übernachten, perfekt für eine große Familie oder, wie in unserem Fall, eine Gruppe von Freunden. Zusätzlich zum Masterschlafzimmer steht eine gemütliche Schlafkammer neben dem Wohnraum zur Verfügung sowie ein Dachraum unter dem First, der über eine Leiter erreichbar ist. Die Sauna mit Panorama-Meerblick ist für Victor das Juwel seines Rückzugsorts, und auch dort, im Nebengebäude, wartet ein Zimmer auf Gäste. »Die beiden großen Tische stammen von Bordsherren aus Nyköping, der im Wohnraum ist aus einem Birkenstamm gefertigt, der auf der Terrasse aus dem Stamm eines Walnussbaums.« Victor und Nikita sind leidenschaftliche Gastgeber. »Im Sommer werfen wir den Grill an, im Winter mache ich gerne Wildbraten. Es gibt Rehe und Elche auf der Insel, Füchse und Wiesel, wir sehen sie nicht selten vom Haus aus«, erzählt der Stockholmer.

Das Paar nutzt das Haus oft selbst, vermietet es aber auch über die Sommermonate, von Juni bis August. »Der Plan ist, dass sich das Haus selbst trägt. Außerdem wollen wir weiter investieren, beispielsweise in eine eigene Stromversorgung«, erklärt Victor. »Wir sind Anfang 2024 auf Landfolk gestoßen, eine dänische Plattform, die sich auf die Vermittlung von Ferienhäusern auf dem Land spezialisiert hat. Zu der Zeit hatten sie gerade beschlossen, sich für den schwedischen Markt zu öffnen, und unser Haus war das erste, das in ihr Portfolio aufgenommen wurde.« Auf der Website des Anbieters finden sich inzwischen mehr als 3000 Häuser, deren gemeinsamer Nenner eine persönliche Einrichtung und eine landschaftlich reizvolle Lage ist. »Uns kommt das sehr entgegen. Auch die Tatsache, dass Landfolk im deutschsprachigen Raum so gut vertreten ist. Die Gäste, die von dort kommen, schätzen die Einsamkeit auf der Insel besonders, so mein Eindruck«, sagt der Gastgeber.

Inzwischen taucht die Sonne hinab in die Pinien, die das Grundstück im Westen begrenzen. Im Saunaofen knistert das Feuer, zwei Schwäne kommen ans Ufer geschwommen, um im seichten Wasser nach einer letzten Mahlzeit zu gründeln. Das Glitzern der Sonnenstrahlen, die den Tag über auf dem Meer getanzt haben, verlischt. Nach dem Saunieren noch ein Sprung vom Steg in die 15 Grad kalte See, bevor ein überreicher Sternenhimmel sich über Södermöja spannt. Am nächsten Tag steht ein Besuch der weitaus größeren Schäreninsel Sandhamn auf dem Programm, um die Vorräte aufzustocken. Eine gute halbe Stunde ist es dorthin mit dem Taxiboot. Wir werden ein paar Lebensmittel kaufen und einen Tee im Seglarhotell trinken. Ansonsten vermissen wir die Zivilisation nicht ein bisschen. Die Abgeschiedenheit auf Södermöja macht glücklich – und auch ein wenig süchtig.

landfolk.com

The Weekender,
Sommer 2025