Fünfzig Zimmer hat das Schweizer Chalet, in dem die japanische Keramikkünstlerin und Malerin Setsuko Klossowska de Rola wohnt. Viel Platz für Kunst, Kuriositäten – und ihre Erinnerungen.
Die Bauernhäuser an der Bahnstrecke des „Golden- Pass“-Expresses sind tief in den Neuschnee versunken, fast scheint es, als schliefen sie unter den fluffigen Decken auf ihren Giebeldächern. Die legendäre Zuglinie verkehrt zwischen Zweisimmen und Montreux am Genfer See, und es fühlt sich an, als wären wir auch auf einer Zeitreise. Die Waggons des Belle-Époque-Zugs sind mit Mahagoni vertäfelt, die Sessel mit petrolfarbenem Jacquard bezogen und die Mäntel der Passagiere hängen an messingglänzenden Garderobenhaken.
Im mondänen Gstaad steigen viele elegant gekleidete Winterreisende aus. Von hier ist es noch knapp eine halbe Stunde bis nach Rossinière, dreißig Minuten, in denen wir nicht nur die Kantonsgrenze von Bern nach Waadt passieren, sondern auch eine Sprachgrenze. Wenige Kilometer hinter Saanen zeigen die Ortsnamen an, dass wir uns nun in der französischsprachigen Schweiz befinden: Rougemont, Flendruz, Château-d’Oex. Noch bevor wir das kleine Bahnhofsgebäude von Rossinière erreichen, öffnet sich zu unserer Rechten zwischen den Tannen der Blick auf ein majestätisches Holzhaus – das Grand Chalet.
Seit mehr als einem Vierteljahrhundert ist die Geschichte des größten Chalets der Schweiz mit der des 500-Seelen-Dorfes verwoben. Wir sind mit Setsuko Klossowska de Rola verabredet, einer 82-jährigen Künstlerin aus Japan, die die meiste Zeit ihre Lebens in diesem Haus verbracht hat. Das schulterhohe, schmiedeeiserne Eingangstor ist nur mit einer Kette verschlossen, über dem kopfsteingepflasterten Hof erhebt sich eine mit Holzschnitzereien und Bibelsprüchen verzierte Fassade, die von einem Krüppelwalmdach beschattet wird. Setsuko Klossowska de Rola öffnet die Tür, hinter ihr ein schmaler Gang, dessen Wände mit Leinenstoff verkleidet sind – keine Eingangshalle, wie ein Haus dieser Ausmaße vermuten ließe. „Als ich das Grand Chalet zum ersten Mal betrat, erinnerte mich dieser Flur an die Holzhäuser meiner japanischen Heimat – und ich fühlte mich wie von einer vertrauten Umarmung empfangen“, sagt sie. Wir folgen ihr in den sonnendurchfluteten Wohnraum. Die Künstlerin trägt einen maisgelben Kimono aus Wildseide, der einst ihrer Mutter gehörte. Dazu einen schwarzen, mit kreisförmigem Muster handbemalten Gürtel und Getas, die traditionellen japanischen Holzpantinen. An ihrer rechten Hand steckt ein goldener irischer Claddagh-Hochzeitsring, ein Geschenk von Bono, dem Sänger von U2, einem ihrer engsten Freunde.
Der Wohnraum mit der Fensterfront nach Osten ist mit marokkanischen Kelims ausgelegt. Ein Gemälde von Setsuko, das ihr eigenes Schlafzimmer zeigt, hängt gegenüber der Fensterseite über einer Reihe von venezianischen Stühlen mit Petit-Point-Stickerei. Am Fenster ein hellgraues Sofa und zwei barocke Sessel. Auf der Teetafel ein Basttuch aus dem Senegal, ein Tablett aus Thailand und Tassen aus Japan. Die weiße Keramikkanne in Form einer sitzenden Katze hat die Künstlerin selbst entworfen und in Paris gemeinsam mit der Pariser Keramikmanufaktur Astier de Villatte, in der sie auch ein Atelier hat, in Serie produziert.
„Das Haus ist meine Seele. Da ich gerne Dinge aufbewahre, kommt mir der reichliche Platz, den es bietet, sehr entgegen“, sagt Setsuko. Sie lebt hier mit der Familie ihrer Tochter Hatami, deren zwei Kinder Sen und Mei auf dem Wohnzimmertisch ein halb fertiges Puzzle hinterlassen haben. Die Tür zur Rechten führt in Setsukos Malatelier. Auf einer Staffelei ist eine Aquarell-Blumenstudie in Arbeit, vor den Fenstern steht ein langer Arbeitstisch, darauf ein Teller mit Granatäpfeln und viele Farbtuben. „Wir waren auf der Suche nach einer Bleibe in der Gegend, da mein Mann sich von einer Malaria-Erkrankung erholen sollte, und kamen zunächst zum Tee in dieses Haus, das damals noch ein Hotel war“, erinnert sich die Künstlerin und blickt aus dem Fenster auf die verschneiten Baumwipfel. Ihr Mann, das war Balthasar Kłossowski de Rola, besser bekannt als Balthus. Setsuko lernte den Maler während einer seiner Japanreisen kennen, da war sie 20 Jahre alt, er 54. Seine Ausstellungen wurden gefeiert, er pflegte Freundschaften mit Picasso und Giacometti. Als Balthus das Grand Chalet kaufte, war er bereits Mitte sechzig.
Die Geschichte des Hauses geht zurück auf das Jahr 1752, als ein reicher Käseproduzent sich mit dem Bau ein Denkmal setzte. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts lockte es als Hotel viele Gäste nach Rossinière. „Der Besitzer erzählte uns, dass er das Haus verkaufen wollte, aber keinen Käufer fände. Es stand unter Denkmalschutz. Daraufhin sagte mein Mann: ‚Wir suchen ein Haus und würden es nehmen.‘“ Ein Haus mit 50 Zimmern? „Zuvor hatten wir 15 Jahre lang in einem Renaissancepalast gelebt, dagegen war dieses Haus klein und gemütlich!“, sagt Setsuko lachend. Die Rede ist von der Villa Medici, Sitz der Académie de France à Rome, die ihr Mann in den 60er- und 70er-Jahren leitete. „Es war die große Zeit der Cinecittà“, erzählt Setsuko. „Wir lernten viele Künstler und Regisseure kennen: Federico Fellini, Michelangelo Antonioni, Luchino Visconti. Viscontis Nichte Verde war meine erste Freundin dort.“
Setsuko führt uns in den gegenüberliegenden Salon, wo ein langer Biedermeiertisch für das Mittagessen der Familie gedeckt ist. Ihr italienischer Koch Domenico Valenti hantiert in der Küche mit Töpfen und Pfannen: „Das ist der Victor-Hugo-Salon.“ Der französische Schriftsteller und Intellektuelle war einst Gast im Grand Chalet. Auf dem Kachelofen zeugen zwei Dutzend gerahmte Erinnerungsfotos von der bewegten Vergangenheit der Familie des Hauses: Setsuko mit Bono und dem Chef der Weltbank. Stanislas und Thadée, die Söhne aus Balthus’ erster Ehe mit der aus Bern stammenden Aristokratin Rose Alice Antoinette Freiherrin von Wattenwyl. Loulou de la Falaise, die schöne Frau von Thadée und viele Jahrzehnte rechte Hand von Yves Saint Laurent. Elsa Kłossowski, die Mutter von Balthus, die eine Liebesaffäre mit dem Dichter Rainer Maria Rilke hatte und deren scharf geschnittene Züge sich offenbar bis in die dritte Generation vererbt haben.
Eine Glocke läutet, das Mittagessen ist fertig. Doch Setsuko möchte uns lieber weiter durch die Räume führen. Das Nebenzimmer des Salons beherbergt eine Sammlung orientalischer Puppen und Masken. Manche stammen aus Sri Lanka und Indochina, die Mehrzahl aber aus Japan – darunter auch die erste Puppe, mit der Setsuko als Kind spielte. „Eine Zeit lang hatten wir in jedem Zimmer etwas anderes untergebracht. In einem waren nur Pflanzen, in einem anderen wohnten Kanarienvögel – aber leider auch Mäuse“, sagt Setsuko und lächelt. Heute sind in den oberen Etagen Gästezimmer für Freunde und die Zimmer der Familie. Auf den Gängen reihen sich meterlange Bücherregale aneinander. Zeichnungen von Balthus und Setsuko, Plakate ihrer Ausstellungen dokumentieren die künstlerischen Biografien derjenigen, die sich im Chalet gegenseitig inspirierten. Daneben einige Schwarz- Weiß-Fotografien von Henri Cartier-Bresson. Der berühmte Fotograf lebte in der Gegend und war ebenfalls ein Freund der Familie – wie so viele.
Für den Kauf des Chalets habe sich Balthus Geld bei Pierre Matisse geliehen, Sohn von Henri Matisse, einem erfolgreichen Kunsthändler aus New York, erzählt Setsuko, als wir die Treppe hinabsteigen, um das Atelier ihres 2001 verstorbenen Mannes zu besichtigen. „Die Vereinbarung lautete, dass er das Geld mit zukünftigen Bildern abzahlen würde. Aber mein Mann war ein Perfektionist! An manchen Bildern malte er mehrere Jahre!“ Zwar war das Haus nach acht Jahren abbezahlt. Doch der Deal ist der Grund, warum keine Werke von Balthus im Grand Chalet zu sehen sind, mit Ausnahme einiger Zeichnungen und eines unvollendeten Gemäldes, das Setsuko in einem gelben Kimono zeigt, ganz ähnlich dem, den sie heute trägt.
Wir verlassen das Haus und Setsuko wirft sich einen schwarzen Wollumhang mit Pelzkragen über. Mit ihren hölzernen Getas trippelt sie geübt über die vereisten Pflastersteine auf die gegenüberliegende Straßenseite. Dort befindet sich in einem flachen Gebäude das ehemalige Atelier von Balthus. Sie hat es unverändert gelassen. Balthus’ ikonischer olivgrüner Cordblazer, der Sessel, in dem er stundenlang saß, einen kleinen Handspiegel in der Hand, um seine Kompositionen mithilfe der Spiegelung besser beurteilen zu können, all das gehört nach wie vor hierher. „An seinen letzten Tagen saß er hier in diesem Sessel und wiederholte unaufhörlich ‚Il faut commencer! Il faut commencer!‘“, sagt Setsuko. Ein Mantra, das auch sie verinnerlicht hat. „Je älter ich werde, desto mehr arbeite ich“, sagt die Japanerin.
Regelmäßig reise sie nach Paris, um bei Astier de Villatte ihre Keramikarbeiten zu verwirklichen. Neben Geschirrserien, die sie für die Manufaktur gestaltet, entstehen dort auch ihre künstlerischen Werke. Die skulpturalen Bäume beispielsweise, die ihre Galerie Gagosian schon in Rom, Gstaad und New York gezeigt hat. Daneben wurden mehrere Bücher mit ihren Essays herausgegeben. „Schreiben vertieft meine Gedanken“, sagt Setsuko. Gerade beschäftigt sie sich mit ihren Memoiren. „Ich möchte kein Blatt vor den Mund nehmen, daher habe ich beschlossen, dass sie erst posthum veröffentlicht werden sollen. Aber momentan bin ich noch bei meinem 19-jährigen Alter Ego.“ Sie lacht. Dieses Haus je wieder zu verlassen, kann Setsuko sich nicht vorstellen. „Es ist nicht nur der Hort meiner Habseligkeiten, sondern auch der Ort meiner Erinnerungen.“
Auf der Reise durch das Saanenland bis nach Rossinière empfiehlt unsere Autorin folgende legendäre Hotels:
LE GRAND BELLEVUE: Das Haus befindet sich in einem Parkim Zentrum von Gstaad und beweist, dass schlichte Eleganz und Schweizer Authentizität einander nicht ausschließen. Ein Teesommelier, Qigong-Kurse im Freien und ein Spa mit allen erdenklichen Anwendungen sind Ausdruck dieser Mission.
bellevue-gstaad.ch
GSTAAD PALACE: Hoch über Gstaadthront das 1913 eröffnete Fünf-Sterne- Haus. Es avancierte zum Lieblingshotel von Elizabeth Taylor, Grace Kelly und Prinzessin Diana. Michael Jackson wollte es sogar kaufen. Heute wird es von Andrea Scherz geführt. Er gehört zur dritten Generation der Gründerfamilie.
palace.ch/de
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