Die estnische Hauptstadt Tallinn hat zwei Gesichter. Da ist zum einen die pittoreske Altstadt, UNESCO-Weltkulturerbe. Zum anderen prägen ehemalige Industrieviertel das Bild, in denen sich eine junge, lebendige Off-Szene eine auf sie zugeschnittene Welt geschaffen hat. Die Designerin Äli Kargoja ist Teil dieses kreativen Kosmos und entführt uns an die spannendsten Orte ihrer facettenreichen Heimatstadt.
Eine wahr gewordene Utopie
„Tallinn kann man gut zu Fuß erschließen“, sagt Äli Kargoja. Gerade haben wir unser Hotel verlassen, das Hotel Telegraaf, das sich in einem ehemaligen Telegrafenamt an einer kopfsteingepflasterten Straße der Altstadt befindet. Unser Weg führt vorbei an der großen Markthalle Balti Jaam am Baltischen Bahnhof, dann tauchen wir ein ins Viertel Telliskivi. Dort, wo früher sowjetische MechanikerInnen die Lokomotiven in Schuss hielten, sitzen heute junge EstInnen mit Kopfhörern an ihren Rechnern und genießen ein spätes Frühstück. Das ehemalige Industriegelände wurde von einer Gruppe enthusiastischer Kreativer nach und nach in einen autarken Kultur- und Gastro-Hub verwandelt. In die früheren Depots und Werkhallen sind Clubs, Cafés, vegane Restaurants, experimentelle Theater und eine Vielzahl kleiner Läden eingezogen. Äli führt uns zum Store von Mare Kelpman, einer Modedesignerin, die für ihre schönen Wollmäntel gefeiert wird. Anschließend bleiben wir noch auf ein Butterbrot bei Aarde Pagar stehen. Der ehemalige Direktor eines interaktiven Theaters bietet in seiner Bäckerei nur eine einzige Sorte an, ein dunkles Sauerteigbrot aus Roggen, dem Pumpernickel nicht unähnlich. „Es ist das beste Brot in ganz Estland“, sagt Äli voller Überzeugung und beißt in eine dicke dunkle Scheibe des noch ofenwarmen Brotes. 50 Laibe backt Aarde Pagar am Tag. Sind die weg, ist er es auch.
Telliskivi Creative City
Kelpman Textile, Telliskivi 60a, 10412 Tallinn
Aarde, Telliskivi 60a-1, 10412 Tallinn
telliskivi.cc
Ikonen vor und hinter der Kamera
Das Museum Fotografiska befindet sich am südwestlichen Zipfel von Telliskivi, in unmittelbarer Nähe der Gleise. Das 2020 als Dependance der gleichnamigen Stockholmer Institution eröffnete Haus ist weit mehr als ein Ausstellungsort – es entpuppt sich als Treffpunkt für FreundInnen von Kunst, Design und gutem Essen. „Das Restaurant auf der obersten Etage verfolgt eine Nose-to-Tail-Philosophie und hat dafür einen grünen Michelin-Stern für Nachhaltigkeit bekommen“, weiß Äli zu berichten. Wir sind noch nicht hungrig, waren ja eben erst bei Aarde Pagar, daher begnügen wir uns mit einem Besuch der zwei Ausstellungen, die es gerade zu sehen gibt. Der Fotograf und Regisseur Frank Ockenfels hat in den 1990ern eine Menge Berühmtheiten vor die Linse bekommen. Er verführte unter anderem Brad Pitt und George Clooney zum Grimassenschneiden, bei David Bowie war er Haus- und Hoffotograf und er ist für mehrere ikonische Plattencover verantwortlich. Die zweite Schau eine Etage höher umfasst einige zuvor nicht gezeigte Fotografien von Andy Warhol. Polaroids von Grace Jones im weißen Pelz, ein Stillleben mit Bananen und eine Reihe von Selbstporträts geben uns das Gefühl, einen intimen Einblick in das visuelle Tagebuch Warhols zu bekommen.
Fotografiska
Telliskivi 60a-8
10412 Tallinn
www.fotografiska.com/tallinn
Paris, New York, Tallinn
Nach etwa 15-minütiger Fahrt steigen wir in Kopli, einer Halbinsel in Hafennähe, aus dem Taxi. In und um eine ehemalige Gummifabrik im Norden der Stadt hat sich in den letzten Jahren ein weiteres Kultur- und Kreativzentrum entwickelt, benannt nach der einstigen Fabrik Põhjala tehas, die heute ein geschütztes Industriedenkmal ist. Dort, wo ab den 1920ern bis kurz vor die Jahrtausendwende Gummistiefel und Regenmäntel produziert wurden, sorgt eine junge Gemeinschaft nun für neues Leben. Auch Äli hat hier ihr Atelier und ihren Showroom. Wir folgen ihr durch das tannengrün geflieste Entrée des Fabrikgebäudes in den x. Stock. Die metallgefasste Fensterfront des großzügigen Studios weist gen Süden, der Blick geht auf ein weites, unbebautes Terrain. Dahinter kann man das Meer erahnen. „Ich habe am Pariser Studio Berçot studiert und später in New York bei Martin Margiela im Verkauf gearbeitet“, erzählt Äli. Doch das Heimweh sei auch nach acht Jahren im Ausland geblieben. „Als ich die USA verließ und wieder estnischen Boden betrat, habe ich gespürt, dass mein Platz hier ist.“ Also machte sie sich selbstständig mit ihrer eigenen Linie: Studio August. Äli Kargojas Mode ist minimalistisch-elegant, Schwarz und Weiß dominieren. Ob bei dreiviertellangen Hosen, Blazermänteln, Etuikleidern, Wickelröcken oder asymmetrischen Tops – die Designerin legt größten Wert auf perfekte Schnittführung und nachhaltige Materialien. „Ich möchte, dass die Persönlichkeit meiner Kundin ihre Kleidung überstrahlt“, sagt Äli. Obwohl bei ihr uni dominiert und sie bislang ganz ohne Muster ausgekommen ist, hat sie nun doch ihren ersten und einzigen Druck in die Kollektion aufgenommen. Er erinnert an fließendes Magma und stammt von Riin Kõiv, einer Freundin, die Senior Print Designer bei Alexander McQueen ist.
Studio August
Marati 5a
11713 Tallinn
studio-august.com
Zwischen Maximalismus und Minimalismus
Netzwerken ist eines der Grundprinzipien in Põhjala tehas, deshalb führt Äli uns nun eine (zwei) Etage(n) höher in das Reich von Claudia Lepik. Die Schmuckdesignerin hat an der Estnischen Kunstakademie studiert und 2018 ihren Abschluss gemacht, in ihrem Spezialgebiet: Gesichts- und Nasenschmuck. „Ich liebe theatralische Mode, den großen Auftritt. Gleichwohl kann ich mich für minimalistische, organische Formen begeistern“, sagt Claudia, selbst ganz in Schwarz gekleidet, so dass sie mit den schwarz getünchten Wänden ihres Ateliers geradezu verschmilzt. Seit zwei Jahren arbeitet sie in diesem Atelier, es ist ihr zweites Zuhause geworden. Ein schwarzes Ledersofa und eine Reihe von üppigen exotischen Zimmerpflanzen bezeugen das. „Ich trage zwar selten Schmuck“, erklärt Äli, als wir die größtenteils organisch geformten Ohrstecker, Kettenanhänger, Ringe und Armbänder in den Fächern des raumtrennenden Regals inspizieren. „Aber wenn, dann etwas von Claudia. Uns verbindet die Liebe zum Detail. Sieh dir bitte allein die Lederetuis an, in denen Claudia ihren Schmuck verkauft!“ Äli greift nach einem schwarzen Etui, in dessen gemoldeter Mitte das jeweilige Schmuckstück Platz findet. Eine Freundin aus Neukaledonien hat diese Lederverpackungen für Claudia entwickelt, nun lebt diese auf Bali und lässt dort produzieren.
Claudia Lepik
Marati 5a
11713 Tallinn
claudialepik.com
Kaffee ist meine Schokolade
Vis-à-vis dem großen Gebäude, das Älis und Claudias Ateliers beherbergt, findet sich ein lang gestreckter, etwas flacherer Bau mit einer Fassade, deren Putz an der einen oder anderen Stelle abgebröckelt ist. Doch die neuen großen Sprossenfenster zeugen von behutsamen Renovierungsmaßnahmen, die dem Industriedenkmal bereits zuteilwurden. Hier sind Lokale und Läden eingezogen. Sie verleihen dem Areal seine ganz eigene Infrastruktur. Äli steuert zielsicher ein kleines Café an und betritt den überschaubaren Raum, der von einer Röstmaschine dominiert wird. Kokomo mag nur eine kleine Kaffeerösterei mit Ausschank sein, der Inhaber Roland Põllu jedoch ist ein Großmeister. Vier Jahre in Folge ist er nun unter den drei besten Baristas der Stadt. „Der Kaffee am Morgen ist mein Hochgenuss, eine Versuchung, der ich gerne nachgebe. Wie für andere vielleicht eine besondere Schokolade“ , sagt Äli. Sie liebt ihren Kaffee säurearm und mild, das weiß Roland, der die Vorlieben aller seiner StammkundInnen kennt. Er empfiehlt ihr einen Brazil Peaberry aus dem brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais. Äli nimmt einen Espresso, nippt daran und schließt genießerisch die Augen.
Kokomo Coffee Roasters
Marati 5
11713 Tallinn
www.kokomo.ee
Süß und salzig
Zwei Türen weiter befindet sich ein Publikumsmagnet der Põhjala-Fabrik: Die Bäckerei Karjase sai ist 2019 als einer der ersten Mieter auf dem Gelände einzogen. Noch 2018 hatte der Koch Kenneth Karjane seine Sauerteigbrote in einer Garage für Rennautos gebacken – eine provisorische Lösung. Was heute im Holzkohleofen von Kenneth und seiner Partnerin Eva Maria Kõrvas aufgeht, hat den Stadium des Improvisierten längst überwunden. Die Blätterteigbackwaren, Brioches und Brote bei Karjase sai sind ein Gedicht und werden vom baltischen Gourmetführer White Guide hochgelobt. Nachdem ein Fernsehsender über die Bäckerei berichtet hatte, brach eine Art Hype aus. „An manchen Wochenenden bildeten sich vor der Tür lange Schlangen. Die Leute standen zwei Stunden an, um bei uns Brot zu kaufen. Das war ein bisschen absurd, weil es uns an die Sowjetzeit erinnerte, die ja inzwischen 30 Jahre zurückliegt“, gesteht Kenneth schmunzelnd. Äli lässt sich unterdessen von Eva Maria eine warme Apfeltasche über die Theke reichen. „Wir machen sie mit unserem Croissant-Teig, fügen aber noch Kardamom und schwarzen Pfeffer hinzu. Die Äpfel, die wir von Freunden beziehen, sind mit reduziertem Apfelsaft glaciert“, verrät sie einige Geheimnisse des Rezepts. Den Saft wiederum stellt ihre Mutter her, die außerhalb der Stadt eine kleine Farm betreibt. „Mmh, die Apfeltaschen sind köstlich. Aber mein absoluter Favorit hier ist die Rosmarin-Meersalz-Sauerteig-Brezel“, sagt Äli. „Am liebsten esse ich nämlich herzhaft. Das kann auch zum Frühstück baltischer Hering sein. Dazu ein Brot von Karjase sai und ich bin glücklich.“
Karjase sai
Marati 5
11713 Tallinn
karjasesai.ee
Schließt abends die Bäckerei Karjase sai, ist für Kenneth Karjane und Eva Maria Kõrvas der Tag noch lange nicht zu Ende. Denn nun öffnen sie eine zweite Tür, die sich unmittelbar neben der zur Bäckerei befindet, und lotsen ihre Gäste von hier aus auf die offene Galerie eines hohen Raumes, auf der etwa vier Dutzend Hungrige Platz finden. Barbarea heißt ihr Restaurant, und genau wie ihre Bäckerei genießt auch diese Lokalität Kultstatus in Tallinn. Aus dem aus Italien importierten Gianni-Acunto-Holzofen, der wie seine BesitzerInnen im Dauereinsatz zu sein scheint und den Raum mit seinem würzigen Duft erfüllt, wandern Pizzen und Pitas auf die Tische. „Das Schöne am Barbarea ist das Sharing-Konzept“, schwärmt Äli, als wir Ceviche vom Zander aus dem Peipussee, Sellerie-Hummus mit Tahini, geröstete Möhren mit Kohlrabi-Püree und eine Sauerteig-Pita bestellen. Dazu empfiehlt uns Eva Maria einen köstlichen Apfelsaft aus dem Mullamäe Cottage. „Teilen ist die schönste Art, eine Mahlzeit einzunehmen“, meint Äli, als sie ihr ofenwarmes Brot tief in den Hummus tunkt.
Barbarea
Marati 5
11713 Tallinn
barbarea.ee
Kunst und Geschichte
„Im Kumu könnte man Tage verbringen“, sagt Äli. Wir nähern uns dem futuristischen, spitzwinkligen Bau, der sich am Rand des Stadtparks Kadriorg nahe dem Präsidentenpalast befindet. Das Kumu, die Abkürzung für „Kunstimuuseum“, ist das größte Kunstmuseum in den baltischen Staaten und eines der größten in Nordeuropa. Der finnische Architekt Pekka Vapaavuori realisierte das siebenstöckige, auf einem halbkreisförmigen Grundriss angelegte Gebäude mit der markanten Kalksteinfassade und heimste dafür 2006 den Jahrespreis der estnischen Architektur ein. Wir entscheiden uns, die Abteilung zu erkunden, der dem Sozialistischen Realismus und den Jahren gewidmet ist, in denen Estland Teil der Sowjetunion war. Äli bleibt vor einem Werk stehen, das einen Gemüse- und Blumenmarkt vor einer Plattenbausiedlung zeigt. „Dieses Gemälde ruft Erinnerungen an meine Kindheit wach“, meint Äli. „Genau so sahen diese Märkte zu Sowjetzeiten aus.“ Wir schlendern weiter zur Rauminstallation „Kajakas“, übersetzt „Seemöwe“, von Villu Jaanisoo mit 83 sprechenden Büsten prominenter und nicht prominenter EstländerInnen, deren gleichzeitige Monologe zu einem einzigen Gemurmel verschwimmen. Ein Geräusch, das auf Estnisch „Kumu“ heißt.
Kumu
A. Weizenbergi 34
10127 Tallinn
kumu.ekm.ee
Keramik aus dem Kollektiv
Tallinn ist eine Stadt, in der unzählige Kreative ihrer Arbeit nachgehen. Mit ein Grund dafür sind Förderprogramme des Staates, die DesignerInnen, KünstlerInnen und HandwerkerInnen unterstützen. So gibt es nicht nur in Telliskivi und Põhjala, sondern auch in der Altstadt überdurchschnittlich viele Ateliers und Werkstätten zu entdecken. Eine davon ist besonders gut versteckt und zählt zu Älis Lieblingsadressen. Wenn sie auf der Suche nach einem besonderen Objekt ist, macht sie sich auf den Weg in den Master’s Courtyard, einen Hinterhof vis-à-vis dem Hotel Telegraaf. Dort betreibt eine Gruppe von acht KeramikerInnen, die zum größten Teil in der Keramikklasse der hiesigen Akademie der Künste ausgebildet wurden, ein gemeinsames Atelier mit Verkaufsraum. Heute empfängt uns Ann Nurga, eine der GründerInnen des Ateliers, und zeigt uns die gesammelten Werke ihres Kollektivs. Ihre eigenen Entwürfe sind von Japan inspiriert, während ihr Kollege Kauri Kallas auf seinen Tellern und Tassen fantastische Figuren und Fabelwesen zum Leben erweckt.
Master’s Courtyard Ceramics
Vene tänav 6
Kesklinna linnaosa
10123 Tallinn
Kultur- und Gourmethafen
„Tallinn hat sich in den letzten drei, vier Jahren enorm entwickelt, besonders in dieser Gegend“, sagt Äli, als wir am frühen Abend in Noblessner aus dem Taxi steigen. Das ehemalige Hafenviertel, einst bekannt für seinen Schiffsbau, ist nun ein beliebtes Wohn- und Ausgehquartier. Kulturelles Herz von Noblessner ist das Kai Art Center in einem historischen Werftgebäude, ein Museum mit Kino, in dessen direkter Nachbarschaft sich eines von Älis Lieblingslokalen befindet: das Lore Bistro. Meterhohe, unverputzte Wände erinnern an die Zeit, als das Gebäude noch als Werft genutzt wurde. Ein dunkelgrüner Kachelofen, ein raumtrennender blauer Samtvorhang und großzügig eingesetzte Pflanzen verströmen eine heimelige Atmosphäre. „Die Einrichtung stammt von der Modedesignerin Marit Illison“, klärt Äli uns auf. „Mein Mann und ich wohnen nur fünf Minuten entfernt und kommen oft hierher. Es ist gemütlich und entspannt – und das Essen ist fantastisch.“ Wir bestellen heiß geräucherte Forelle mit einer cremigen Soße aus Fenchel, Kohl und grünen Erbsen, in der Pfanne gebratene Jakobsmuscheln mit Zitronen-Butter-Sauce und ein veganes Lauchgericht mit Cashewcreme, knusprigen Topinambur und marinierten Schalotten. Als das Essen auf dem Tisch steht und wir mit einem Chablis Cru Fourchaume der Domaine des Malandes anstoßen, blickt Äli einen Moment versonnen aus dem riesigen Sprossenfenster hinaus übers Meer. Warum sie Tallinn im Ausland vermisst hat – wir wissen es jetzt.
Lore Bistro
Peetri 12
10415 Tallinn
www.lorebistroo.ee
Salon,
Herbst 2023