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Stoff, aus dem Träume sind

Interior Design

Maßgeschneiderte Bettwäsche mit Monogrammen. Klassische Nähtechniken, die keiner mehr kennt. Decken, die fast schwerelos sind: Wenn es um Qualität geht, sind Anna und Barbara Luiz päpstlicher als der Papst. Und vielleicht tafelt man genau deshalb im Vatikan auch auf Tischleinen des nordrhein-westfälischen Familienunternehmens.

Ein elektrisches Summen erfüllt den sonnendurchfluteten Raum. Es ist der Sound von zwei Dutzend Industrienähmaschinen. Schließt eine Näherin die Naht eines Kopfkissen- oder Deckenbezugs, wird der Ton von geschäftigem Rattern überlagert. Auf einem der hohen Arbeitstische liegt eine meterlange Bahn cremefarbenen Baumwollperkals. Eine Mitarbeiterin mit Brille und blondem Dutt beugt sich darüber. Sie sucht den Kettfaden des Gewebes und zieht ihn schließlich heraus, um sich beim Zuschnitt am Fadenlauf orientieren zu können. „Dieser Extra-Arbeitsschritt verzögert zwar den Herstellungsprozess, aber nur so ist garantiert, dass sich die Bettwäsche beim Waschen nicht verzieht“, erklärt Anna Luiz, die seit 2011 gemeinsam mit ihrer Schwester Barbara Geschäftsführerin des Familienunternehmens ist, das ihren Nachnamen trägt. Sanft streicht Anna über den Stoff und sagt: „In diesem Fall hält sich der Aufwand sogar in Grenzen, weil Perkal eine Leinwandbindung hat. Bei einem Stoff mit Satinbindung ist es deutlich schwieriger!“

Was ihre Manufaktur für Heimtextilien in Hürth, zehn Kilometer südwestlich von Köln, verlässt, genügt höchsten Ansprüchen. Selbst der Papst tafelt auf Luiz-Tischleinen – klassisch weiß und ganz schlicht. Um einiges ausgefallener sind da die Sonderanfertigungen für Kunden aus aller Welt: eine zwölfteilige, zusammensetzbare hufeisenförmige Badematte als Umrandung für einen Jacuzzi mit vier Metern Durchmesser? Kein Problem. Eine 3,60 Meter breite Bettdecke mit den gestickten Initialen der Verliebten, die darunter schlafen? Wird gemacht.

Der Showroom in dem 2020 bezogenen neuen Firmensitz ist nur durch eine Metalltür vom Nähsaal getrennt. An zwei Wänden des Raums mit der großen Fensterfront und den acht Meter hohen Decken hängen sämtliche Vorhangstoffe, die bei Luiz zu haben sind – effektvoll arrangiert in einem Ton-in-Ton-Farbverlauf. Drei Doppelbetten mit Bettwäsche, Kissen und Plaids geben einen Einblick in die handwerklichen und gestalterischen Möglichkeiten der Manufaktur. Stoffe mit Hohlsäumen, Biesen und Fältchen, Monogrammen und Knötchenstickerei. „Bis zu 30 000 Euro kann eine veredelte, individualisierte Bettwäsche-Garnitur schon kosten“, sagt Anna Luiz. Ein Set aus einem Kaschmir-Seide-Wollgemisch liegt bei rund 2500 Euro, ein Kaschmir-Plaid bei etwa 3500 Euro. Die Bettdecken selbst sind unter anderem mit österreichischen Gänsedaunen gefüllt, Bambus oder feinstem Kamelhaarflaum aus der Mongolei. In einem fast schwerelosen Inlett stecken isländische Eiderdaunen. Sie sind so leicht, dass die ganze Decke lediglich wenige 100 Gramm wiegt.

Die Schwestern führen das Unter- nehmen nun schon in dritter Generati- on. „Unser Vater gründete 1969 gemeinsam mit seinen Eltern einen Verlag für Badtextilien“, erzählt Anna Luiz. Eine seiner Erfindungen: ein antistatischer Duschvorhang. Für ihre Heimtextilien kaufte die Familie schon damals Stoffe in Italien ein und zahlte mehrere Hundert D-Mark pro Meter. Dadurch erschloss sich ein Kundenkreis, der auf der Suche nach dem Besonderen war. „Der richtungsweisende Impuls kam aber von unserer Mutter“, fährt Barbara Luiz fort. Diese nahm sich, zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Schwiegermutter, in den frühen 90er-Jahren alte, hochwertige Aussteuer vor und analysierte die Machart. Die Frauen diskutierten Fragen wie: Welche Näh- und Sticktechniken lassen sich in die Gegenwart übertragen? Welche Proportionen sind zeitlos schön? „Aus den Antworten erschloss sich unsere heutige DNA.“ Ein Beispiel für harmonische Maße: „Der Abstand zwischen Kissen und Stickerei oder die Größen der Stehsäume werden immer proportional auf die Größe des Wäschestücks angepasst.“

Doch es gibt auch Hürden in Hürth: Der Beruf der Weißnäherin, eine meist weibliche Spezialistin für Tisch- und Bettwäsche, ist inzwischen so gut wie verschwunden. „Zum Glück können unsere Näherinnen ihre Erfahrung weitergeben“, sagt Barbara Luiz. „Viele von ihnen sind seit Jahrzehnten bei uns und beherrschen wirklich alle Techniken.“ Die eine Näherin ist besonders versiert an der belgischen Maschine für Hohlsäume, die andere in der Kunst der Bordon-Stickerei. Dabei handelt es sich um einen Plattstich, in den eine Baumwollseele eingearbeitet wird. Seele? Ja, ein Baumwollfaden, der unter der Stickerei mitgeführt wird und auf unsichtbare Weise für ein erhabenes Dekor sorgt.

„Handarbeit ist nicht zuletzt auch eine Frage der Geduld“, weiß Barbara Luiz. Alle Veredelungen können in jedem erdenklichen Material und jeder Farbe ausgeführt werden. Anna Luiz öffnet die vier Türen eines Sideboards neben dem langen Konferenztisch. 100 Musterbügel, jeweils mit 25 Stoffmustern bestückt, zeugen von den vielfältigen Möglichkeiten. Allein ein einziger Musterbügel zeigt 25 verschiedene reinweiße Baumwollstoffe in unterschiedlichen Grammaturen und Webbindungen. „So findet jeder das, worin er am besten schläft“, sagt Barbara Luiz. „Ich beispielsweise in kühlendem Leinen.“

Die überwältigende Auswahl lässt sich auch beziffern: 140 Materialien in 1600 Farbstellungen. Meist sind es Ausstatter und Interior Designer, die sich dieser Qual der Wahl stellen. Luiz hat aber auch einen Concierge-Service eingerichtet, um Vorschläge auszuarbeiten. In jeder Saison kommen zehn neue Stoffe hinzu, und etwa zehn werden aus dem Programm genommen. Dennoch stehen die gedeckten, natürlichen Töne seit Jahren am höchsten im Kurs. „Wir entwickeln die Stoffe gemeinsam mit den Webereien. Zehn Weber in Norditalien gehören zum festen Stamm“, sagt Anna Luiz.

Aus der Manufaktur nebenan dringt lautes Hämmern. „Unsere Näherin Melanie schlägt gerade Löcher für eine handgearbeitete Ziernaht in eine Rindsleder-Husse“, sagt Barbara Luiz entschuldigend. Die Husse mit dem schwarzen Stehsaum ist für das Kopfteil des Bettes „Mono“ vorgesehen. Denn Betten sind bei Luiz seit 2018 ebenfalls im Portfolio. Zehn Modelle gibt es, aus insgesamt 150 verschiedenen Stoffen in 850 Farbstellungen. Mit weniger geben die beiden Schwestern sich einfach nicht zufrieden.

Während der Recherchereise fühlte sich unsere Autorin in ihre Lehrzeit zurückversetzt, in der sie einen Beruf erlernte, der ebenfalls sehr viel Geduld erforderte: Dessous-Schneiderin.

Salon,
Herbst 2024