Die Pariser Künstlerin und Galeristin Bianca Lee Vasquez lädt ihre Freunde, einen internationalen Kreis aus der Welt der Kunst, zum Housewarming in ihre neue Wohnung an der Rue Vivienne. Unter den schneeweißen, frisch restaurierten Stuckdecken serviert sie ein wärmendes lateinamerikanisches Menü.
Bianca Lee Vasquez knetet einen Salzteig. Neben ihr, im Licht der Nachmittagssonne, die durch die hohen Sprossenfenster in die offene Küche scheint, halbiert ihre Freundin Anastasia Finders gelbe und violette Möhren der Länge nach. Auf dem Induktionsherd des freistehenden Küchenblocks – dem Herz von Vasquez’ neuem Domizil im 2. Pariser Arrondissement – köchelt eine Caldo de Pollo duftend vor sich hin, im Backofen werden Kohlblätter geröstet.
Die Künstlerin und Galeristin hat heute zu einer Housewarming-Party eingeladen. Erst vor vier Wochen ist sie in die neue Wohnung auf der Rue Vivienne eingezogen. „Ich liebe es, meine Freunde um mich zu haben, und endlich ist die Wohnung so weit, dass ich sie wieder einladen kann“, sagt Vasquez und beginnt, eine von zwei Sellerieknollen in den Salzteig einzuhüllen. Heute Abend findet in der von ihr und Masha Novoselova betriebenen Galerie Sainte Anne eine Performance statt, daher sind viele ihrer Freunde ohnehin in der Gegend – lediglich zwölf Gehminuten trennen ihre Wohnung von der Galerie. Neben den dort ausstellenden Künstlerinnen, der Malerin Jedda-Daisy Culley und der Bildhauerin Kym Ellery, beide sind Australierinnen, wird auch die Litauerin Diana Payton zu ihr kommen, im Anschluss an ihre Performance in der Galerie, dazu eine internationale Mischung von Freunden, von denen viele Teil der Pariser Kunstszene sind.
„Für die Post-Performance-Party und gleichzeitige Wohnungseinweihung haben wir uns für ein wärmendes Latino-Dinner entschieden“, erklärt Vasquez, die kubanisch-ecuadorianische Wurzeln hat, und greift sich zwei dicke Topflappen, um das Blech mit den knusprigen violetten Kohlblättern aus dem Ofen zu holen. Eine Dreiviertelstunde wurden diese mit Öl, Salz und Sesam geröstet. Vasquez trägt eine stonewashed skinny Lee Jeans und eine Spitzenbluse. Die habe ihre Mutter bei ihrer Taufe angehabt. Fast wirkt es symbolhaft, denn nach der Trennung vom Vater ihrer beiden Söhne beginnt für die gebürtige Amerikanerin gerade ein neues Leben.
„Meine Mutter hatte von 1985 bis 1995 ein Modegeschäft in West New York – und sie hat ungern Sachen aussortiert. Davon profitiere ich jetzt. Ich habe viele Stücke von ihr im Kleiderschrank“, erzählt Vasquez. Sie ist in New Jersey geboren, wuchs in Miami auf, ging dann nach New York, um dort an der American Academy of Dramatic Arts Tanz- und Theaterkurse zu belegen – zunächst. Auf der Suche nach einem sicheren Auskommen sei sie schließlich doch in die Fußstapfen ihrer Mutter getreten. Diese habe nicht nur einen Modeladen besessen, sondern zudem ihre eigene Accessoire-Kollektion gehabt. Sie selbst, so Vasquez, sei schließlich beim Accessoire-Label Devi Kroell als Designassistentin eingestiegen. Dann traf sie ihren zukünftigen Mann, siedelte mit ihm nach Paris über und arbeitete dort zunächst beim Glasperlenhersteller Gripoix, damals ein wichtiger Zulieferer von Chanel. „Eines Tages ergab sich die Chance, bei Chanel selbst anzufangen. Zusammen mit einer Kollegin betreute ich die Strickkollektion. Ich habe es geliebt, mit Karl Lagerfeld zu arbeiten! Karl war so unterhaltsam, unglaublich genau und sehr liebenswürdig“, erzählt Vasquez. „Allerdings kam er immer erst so am frühen Nachmittag ins Atelier und arbeitete bis zehn Uhr abends. Als ich mit dem ersten Kind schwanger wurde, ließ sich das nicht mehr mit meinem Familienleben vereinbaren.“
Während die Gastgeberin sich ein großes weißes Geschirrtuch aus Leinen um die Hüfte bindet, für die weiteren Küchenarbeiten, erklärt Finders die Menüfolge des Abends: „Das heutige Essen ist mexikanisch inspiriert. Ich habe einige Zeit in Yucatán gelebt und bin großer Fan der lateinamerikanischen Aromen.“ Die Basis der Caldo de Pollo, der Hühnersuppe, bildet heute ein Poulet Jaune du Gers, ein Huhn aus nachhaltiger Haltung, das nur mit Mais und Soja gefüttert wurde. „Wir möchten der Suppe auf diese Weise einen französischen Twist geben“, sagt Finders, die seit 2014 eine Agentur für Food-Events betreibt. Das Huhn hat sie am Morgen frisch bei ihrem Metzger Monsieur Jean auf der Rue Alexandre-Parodi gekauft. „Dazu wird es Sauerteigbrot von der Bäckerei Ten Belles und eine mit Holunderblüten zubereitete Beurre Cru de Baratte Bois geben. „Das ist in meinen Augen die beste Rohrahmbutter, sie wird in einem Holzfass geschlagen“, erklärt Finders und beginnt, die Butter auf einen Teller mit getrockneten Blüten anzurichten.
Vasquez schiebt inzwischen die beiden komplett in den Salzmantel eingehüllten Sellerieknollen in den heißen Ofen. Sie werden dort für anderthalb Stunden schmoren. „Den Sellerie servieren wir mit einer würzigen Soße aus Selleriestangen und -blättern, Zitronen-Konfit, frischem rohen Knoblauch und Olivenöl. Zu den violetten und gelben Möhren mache ich ein Pistazien-Pesto, das ergibt auch farblich einen schönen Kontrast“, erklärt Finders. Einst arbeitete sie im Verkaufs- und Stylingteam der Architektin India Mahdavi. „Ich habe viel von ihr gelernt, insbesondere im Umgang mit Farben und Materialien.“ Finders bindet sich ihr langes dunkles Haar zu einem hohen Pferdeschwanz und beginnt, die gerösteten violetten Kohlblätter auf einem Teller aufzutürmen. Im Pariser Laden von India Mahdavi sei man sich auch zum ersten Mal begegnet. „Anastasia und ich haben uns auf Anhieb verstanden“, erinnert sich Vasquez. „Und wir sind bald darauf zusammen in die Toskana gereist, um meine Hochzeit zu organisieren“, ergänzt sie und streicht sich eine dunkle Locke aus der Stirn – der erste von zahlreichen gemeinsam auf die Beine gestellten Events.
„Die Geburt meiner beiden Söhne hat das Verhältnis zu meinem Körper sehr verändert“, sagt Vasquez und holt eine Schale mit Kiwis aus dem Kühlschrank, um sie für den Nachtisch zu schälen. „Ich schöpfte daraus Selbstvertrauen, und als ich 2014 auf die Arbeiten der Fotografin Ana Mendieta stieß, fühlte ich mich tief berührt und inspiriert.“ Mendieta widmete sich in ihrer Kunst der Erforschung der Beziehung des Menschen zur Natur. Diese sogenannte Earth Body Art übersetzte Vasquez fortan in ihre eigenen multidisziplinären Arbeiten. Mittels Performance, Fotografie, Videoarbeiten, Skulpturen, Textilien und performativen Installationen inszeniert sie Interaktionen zwischen ihrem Körper und der Welt der Natur – eine Art rituelle Praxis, die auch bei den Rezipienten an Instinkte rührt. Während der Pandemie gründeten sie und Masha Novoselova dann ihre Galerie Sainte Anne, die von der New York Times jüngst zu einer der wichtigsten Newcomer-Galerien erklärt wurde. Hier stellen die beiden Frauen eigene Kunst und Positionen weiblicher Künstler vor.
Von der Mode zur Kunst? Vasquez weiß, da ist sie nicht die Einzige. „Chemena Kamali, die neue Kreativdirektorin von Chloé, hat in diesem Jahr Chloé Arts ins Leben gerufen und sich die Förderung ausgewählter Nachwuchskünstlerinnen auf die Fahnen geschrieben. Das begeistert mich. Ich habe Chemena einige Male getroffen und würde mich sehr glücklich schätzen, einmal mit ihr zusammenzuarbeiten“, erklärt Vasquez und schlüpft, wie um dieses Ansinnen zu unterstreichen, in ihre karamellfarbenen Chloé-Overknees. Dann holt sie Teller aus der Küche, um den langen Tisch im Wohnzimmer zu decken. Weiße Tulpen-Stühle, von Eero Saarinen für Knoll International entworfen, umgeben die Tafel, am Kopfende ein Rattan-Stuhl von Gio Ponti. Auch die beiden Couch-Tische von Mario Bellini sind cremeweiß. Eine Farbinfusion bekommt der Raum durch ein großes Ölgemälde von Jedda-Daisy Culley und einen ausgestopften pinkfarbenen Flamingo, eine Reminiszenz an Vasquez’ Heimat Florida. Weitere Farbe ins Spiel bringen wird der Nachtisch, die Mascarpone-Creme mit Estragonöl, garniert mit cremefarbenen Vanille-Meringue-Häubchen und hellgrünen Kiwis, die Finders inzwischen in der Küche zubereitet.
Später sind es dann die Gäste, die der stilvollen Szenerie zu voller Lebendigkeit verhelfen. Angeregte Gespräche nach dem Kunsterlebnis in der Galerie. Die litauische Performancekünstlerin Diana Payton spricht über ihre Arbeit: „Es sind die vielen fordernden Stimmen, die uns umgeben: Tu dies, tu das, du musst dies, du musst das. Dem wollte ich performativ etwas entgegensetzen“, erklärt Payton. Über Tanz, Gesang, elektronische Musik und dichten Nebel hatte sie zuvor in der Sainte Anne Gallery ihre Zuschauer auf ihre expressive Reise mitgenommen. „Ich bin sehr inspiriert von Diane“, sagt Bianca Lee Vasquez und schenkt ihren Gästen zur Begrüßung ein Glas des italienischen Katkoot Rosé ein. „Mir scheint, dass die Frauen in Osteuropa unabhängiger sind als wir in Lateinamerika. Sie reden genau zweieinhalb Sekunden über ihren Boyfriend, bevor sie zu den eigenen Themen kommen.“ Heute Abend wird vor allem über Kunst gesprochen. Und natürlich über das Essen. Mit großem Vergnügen wird das fast ein Meter lange Sauerteigbrot gebrochen und die Salzkruste der Sellerieknollen mit dem Messer aufgestemmt. Vasquez ist anzusehen, dass sie die Unabhängigkeit in ihrer frisch bezogenen Wohnung genießt. Und das neue Domizil hat sie auch kreativ beflügelt. Gemeinsam mit Eleonora Santucci, Architektin bei Philippe Starck, hat sie die weiß gekachelten Waschtische mit den kupfernen, ovalen Becken und rustikalen Armaturen entworfen. „Wir wollen im kommenden Jahr in diese Richtung weiterdenken“, sagt Vasquez, doch aktuell sei alles noch im Projektstadium. Dann bringt sie mit der Gabel ihr Weinglas zum Klingen, um einen Toast auf ihre Freunde auszusprechen.
Konfekt,
Frühling 2025