Das fast hundert Jahre alte, familienbetriebene Hotel Madrisa zieht Stammgäste seit Generationen in das höchstgelegene Dorf des Montafon. Ein familiäres Ambiente und preisgekrönte Küche in einem ruhigen Tal sind die unwiderstehlichen, süchtig machenden Zutaten für Winterwochen bei den Rhombergs.
Um in das Winterparadies im höchstgelegenen Dorf des Montafon zu gelangen, muss man erst mal ein Nadelöhr passieren: Kurz hinter dem Gasthaus Montafonerhüsli, wo die Straße in Richtung Gargellen rechts abzweigt, führt eine dunkel gebeizte, gedeckte Holzbrücke über die Ill. Die Brücke ist so schmal, dass immer nur ein Fahrzeug passieren kann. Dahinter windet sich die Straße durch hohe Tannenwälder die Berge hinauf, vorbei an steilen Almen, die mit Maiensässen gespickt sind, jenen urigen Holzhütten, die den Viehhirten im Frühjahr für ein paar Wochen als Zwischenstationen beim Almauftrieb dienen. Immer näher scheinen die gegenüberliegenden Gipfel der Berge zusammenzurücken – bis man mit dem auf 1430 Meter gelegenen Gargellen den letzten Ort des engen Tales erreicht. Von hier aus geht es nicht mehr weiter. 87 Wahlberechtigte leben in dem kleinen Dorf, es gibt eine Handvoll Hotels und einen Gondellift, die Schafbergbahn, die die Bergfreunde ins Skigebiet bringt. Dort oben überragt der 2770 Meter hohe Gipfel des Madrisa die umliegenden Berge. Hinter ihm liegt die österreichisch-schweizerische Grenze. Das nach dem Berg benannte Hotel steht unten, wenige hundert Meter von der Talstation der Bergbahn entfernt. Ein Jugendstilgebäude von 1904, das in den 1980ern um einen Südflügel erweitert wurde. Seit knapp 100 Jahren ist es im Besitz der Familie Rhomberg. Monika Rhomberg, ihre Tochter Johanna und ihr Sohn Paul, die Hotelbesitzer der dritten und vierten Generation, führen das Haus gemeinschaftlich.
Johanna, blondes schulterlanges Haar, hat gerade ihren Lodenblazer gegen Daunenweste, Wollmütze und Gummistiefel getauscht, um im Stall nach dem Rechten zu sehen. Zwei Dutzend Kühe, das sogenannte Tiroler Grauvieh, und rund zwanzig Schafe und Lämmer gehören zu der hoteleigenen Landwirtschaft. Als Johanna 2017 den Betrieb von ihrem bei einem Lawinenunglück früh verstorbenen Vater Bertram Rhomberg übernahm, war sie mit 19 Jahren die jüngste Landwirtin im Vorarlberg. Sie stapft durch den Neuschnee den kurzen Weg vom Hotel zum Stall hinüber und öffnet einen Holzverschlag zum Schafstall. Ein Dutzend bernsteinfarbene Augenpaare wenden sich ihr zu, nach kurzem Zögern setzen sich die Muttertiere und ihre Lämmer in Bewegung und trotten der Landwirtin entgegen. Allen voran zwei ausgewachsene, zottelige Schafe, die um die Gunst wetteifern, gekrault zu werden. „Das sind die Schwestern Helga und Susi“, stellt Rhomberg sie vor. „Ich kaufe immer Schwesternpaare“, erklärt sie und erfüllt den braungelockten Tieren abwechselnd ihren Wunsch. „Wusstest du, dass Schafe meist Zwillinge bekommen?“ Rhomberg lässt ihren Blick prüfend über die in ihrem Stall friedlich kauende, familiäre Gemeinschaft schweifen. All ihren Schützlingen scheint es gut zu gehen. „Im Winter leihe ich mir von einem befreundeten Bauern einen Widder aus, der dann für Nachwuchs sorgt“, erklärt sie und schließt den Verschlag wieder. Nebenan machen ihre Kühe lautstark auf sich aufmerksam. Auch hier wachsen die Kälber mit ihren Müttern auf. Und mit Sepp, dem Vater der Herde. Im Sommer weiden sie an der frischen Luft, auf den eigenen Wiesen.
Die Kühe und Schafe der biologisch betriebenen Landwirtschaft decken den Fleischbedarf des benachbarten Hotels. „Viele unserer Gäste essen über das Jahr hinweg wenig Fleisch, genießen aber, es bei uns mit gutem Gewissen zu tun“, erklärt Paul, groß, mit Designerbrille und einer vom Vater geerbten Baritonstimme, hinter dem Tresen der rustikalen Tagesbar im Südflügel des Hotels. Er ist im Hotel Madrisa für die Kulinarik und den Service verantwortlich, und jetzt, da in den nächsten Tagen eine große Hochzeit britischer Stammgäste im Haus gefeiert wird, sehr beschäftigt. „Schon als kleiner Junge schaffte er sich eine Bierkiste in die Küche, um den Köchen über die Schulter schauen zu können“, erinnert sich seine Mutter Monika Rhomberg, die in einem klassischen Tweedblazer und schmalen Chinos von der benachbarten Rezeption dazukommt. Zwei Gault-Millau-Hauben war die Küche des Madrisa dem renommierten Gourmetführer zuletzt wert, was dem Chef de Cuisine, dem Tschechen Zdenek Cepera, zuzuschreiben ist, der hier seit zwanzig Jahren am Herd steht und die traditionelle Alpenküche mit seiner persönlichen Handschrift versieht. Er kocht ebenfalls für die Montafoner Stube, das A-la-carte-Restaurant mit dem blumenbemalten Kachelofen, in dem auch auswärtige Gäste speisen können.
Monika Rhomberg führt Konfekt in den großen Speisesaal, der unmittelbar an die Tagesbar angrenzt. Hier nehmen die Hotelgäste ihr Frühstück und das Abendessen ein. Rhomberg hat den Raum mit der großen Fensterfront nach Osten, der Platz für rund einhundert Personen bietet, gemeinsam mit ihrem Mann umgebaut und neugestaltet. Helle Eichen-Holzvertäfelung, melierte Wollstoffe in Naturfarben von Markus und Judith Wohlgenannt, gemütliche Nischen mit geschmiedeten Tischlampen und Ölgemälde des Künstlers Klaus Fussenegger verleihen dem Saal trotz seiner Größe eine anheimelnde Aura. Und dann ist da noch das Essen. Die meisten Gäste, die die 60 Zimmer des Madrisa belegen, buchen die Halbpension. Kein Wunder: Das reichhaltige Frühstücksbüffet und das abwechslungsreiche abendliche Fünf-Gänge-Menü suchen in der Region ihresgleichen.
Rhomberg bleibt vor einem Ölgemälde stehen, das einen gutaussehenden, graumelierten Herrn zeigt. „Der Großvater meines Mannes, ebenfalls ein Bertram Rhomberg, war Kosmopolit – und hatte 1930 den Mut dieses Haus im damals abgelegenen Gargellen zu kaufen“, sagt Rhomberg. Als leidenschaftlicher Skifahrer war Bertram Rhomberg in den 1920er Jahren schon an der Gründung der ersten Gargellener Skischule beteiligt. Seine Frau Midy sorgte nach seinem Tod dafür, dass wenige Schritte vom Eingang des Hotels entfernt ein kleiner Tellerlift in Betrieb genommen wurde, so dass die Gäste Ski-in/Ski-out ins weiße Vergnügen starten konnten. „Meine Schwiegereltern Hans-Karl und Cecilia Rhomberg wiederum ließen das Hotel in den 1970ern um einen Südflügel erweitern, fügten ein Schwimmbad mit Bergblick und eine Sauna hinzu“, erklärt die Gastgeberin beim Rundgang durch den jüngeren Teil der beiden miteinander verbundenen Häuser. Ein Tanzraum im Untergeschoss mit organisch runden Sitznischen und roten Polstern wird auf Wunsch von Johanna und Paul gerade wieder häufiger genutzt: Erst gestern fand hier eine große Party statt, die erst im Morgengrauen endete. „Jede Generation prägte und prägt das Haus“, sagt Monika Rhomberg, als sie den Gang, der den südlichen Anbau mit dem Jugendstilgebäude verbindet, entlanggeht. Haben im Südflügel manche der Zimmer noch die originale 70er-Jahre-Einrichtung mit dottergelben Waschbecken, denen die vergangenen Dekaden mitnichten anzusehen sind, dazu ausladende rote Samtsofas, zeigen andere bereits maßangefertigte Ulmen- und Eichenholzmöbel und neue elegante Badezimmer. Die Zimmer im Jugendstilgebäude, das wir jetzt betreten, verströmen rustikale Eleganz mit tannengrünen Polstermöbeln und großblumig gemusterten Vorhängen vor den holzgerahmten Doppelfenstern. „65 Prozent unserer Gäste sind Stammgäste“, sagt die Hausherrin auf dem Rückweg in die Rezeption. „Wir hatten gerade einen Gast da, John Grindlay, der schon seit 75 Jahren kommt, andere waren als Kinder mit ihren Eltern hier und kehren nun mit ihrem eigenen Nachwuchs zurück. Das Haus ist für sie ein Hort schöner Erinnerungen – und sie freuen sich, manche der Zimmer so vorzufinden, wie sie sie verlassen haben.“
Ein weiteres, offenes Geheimnis des Madrisa ist der enge Familienzusammenhalt der Inhaber, der, wie das allabendlich prasselnde Feuer im offenen Kamin, auf die Stimmung im Haus abstrahlt. Das lässt sich täglich erleben, wenn die Glocke der Dorfkirche vis-à-vis des Hoteleingangs 12 Uhr schlägt. Dann versammeln sich die drei Generationen an der Tagesbar zum gemeinsamen Mittagessen mit einer großen Schüssel Salat und einem deftigen Hauptgericht wie Beinfleisch mit Spinat und Bratkartoffeln oder Wiener Schnitzel mit Preiselbeeren. „Als Teenager war ich davon nicht immer begeistert“, gesteht Johanna Rhomberg. Heute jedoch genießt sie die Zeit mit dem Bruder, der Mutter und den Großeltern. Doch nach dem Essen will sie los. Bevor die Gäste der Hochzeitsgesellschaft eintreffen, möchte sie den Neuschnee nutzen. Wie alle Rhombergs ist auch Johanna eine begeisterte Skisportlerin. „Mein Bruder Adrian wäre um ein Haar professioneller Skirennfahrer geworden, mein Herz schlägt jedoch fürs Tourenskifahren“, sagt die Mittzwanzigerin über die Schulter hinweg und taucht wenig später im pinkfarbenen Einteiler aus dem Büro wieder auf. Sie macht sich jetzt in Richtung Valzifenz auf, zur Rotbühelspitze, dem mit 2800 Meter höchsten Berg von Gargellen. „Vier bis fünf Stunden ist man unterwegs, aber dafür winkt als Belohnung der Blick über das ganze Silvretta-Gebirge“, schwärmt Johanna Rhomberg und stopft ihre Haare unter die wollene Mütze. „Und danach die halbstündige Abfahrt über jungfräuliche Tiefschneehänge, die direkt vor unserem Haus endet.“
Konfekt,
Winter 2025