In einer ehemaligen Arztpraxis in Berlin-Kreuzberg entstehen die surreal barocken Bouquets des französisch-kanadischen Floristenduos Amandine Cheveau und Jean-Christian Pullin.
Ein regnerischer Tag, der Himmel hängt tief und bleiern über Berlin und der Verkehr schiebt sich über die Oranienstraße, die legendäre multikulturelle Einkaufs- und Ausgehmeile in Kreuzberg. Doch im ersten Stock eines Nachkriegsgebäudes, einer ehemaligen Arztpraxis in der Hausnummer 64, duftet es wie in einem provenzalischen Bauerngarten. Auf einer aufgebockten Tischplatte warten zwei Aluminiumeimer mit rosafarbenen Levkojen, hellbraun-beige eingefärbten Nelken, himbeerfarbenen Strauchrosen, glühend orangenem Amaranth, Knoblauchknospen, Dill- und Zwiebelblüten. Hier, im früheren Behandlungszimmer, entstehen heute Blumenkreationen, die die Grenze des rein Dekorativen überschreiten und sich an der Schnittstelle von Floristik und Kunst bewegen. „Berlin mit seiner brutalistischen Sowjet-Architektur, seiner wechselvollen Geschichte, erschien mir der perfekte Ort für unsere Arbeit mit Blumen“, erklärt Amandine Cheveau, eine elegante Erscheinung mit schulterlangem gewellten Haar. Ihr gerade geschnittener Rock reicht bis zu den Knöcheln. Dazu trägt sie einen dünnen, im Rücken geknöpften Wollpullover. „Auf den ersten Blick hat die Stadt wenig Romantisches. Unsere Arbeiten bilden eine Gegenposition zu dieser Nüchternheit.“
Cheveau und ihr Partner, der Kanadier Jean-Christian Pullin, verstehen sich als Couturiers, auch wenn ihre Kreationen der Botanik entstammen. „Unsere Bouquets und Installationen sind wie Maßanfertigungen haargenau auf unsere Kunden zugeschnitten“, sagt Amandine, die nach zwei Semestern Kunstgeschichte an der Pariser Sorbonne Modedesign an der Esmod und Grafikdesign an der LISAA studiert hat. Jean-Christian platziert derweil ein kubisches Keramikgefäß mit feuchtem Steckschaum in die Mitte der Tischplatte. Er trägt einen kurzen Pony und ein grafisch gemustertes Vintage-Hemd von Energy, einer Marke, die in der Techno-Ära allgegenwärtig war. „Wir verwenden nur die besten Materialien“, fügt er den Erklärungen seiner Geschäftspartnerin hinzu.
Amandine Cheveau und Jean-Christian Pullin firmieren unter dem Namen Anatomie Fleur, und wie gut sich das Duo ergänzt, zeigt sich bei der gemeinsamen Arbeit an einem Bouquet, das heute für die Huitre.3 Ausstellung „Angels on Horseback“, entsteht, die von Shelly Reich und Claire Koron Elat kuratiert wird. Mit wenigen Worten hat Jean-Christian, der am Morgen die Blumen besorgt hat, Amandine seine Vision umrissen: ein asymmetrisches Bouquet mit einem Farbverlauf von Rosa zu Beige-Braun. Die Ideen bei Anatomie Fleur entstehen oft im Austausch, die Umsetzung geschieht meist gemeinschaftlich. Amandine und Jean-Christian kappen jeder mit einer Blumenschere die Stängel des blühenden Dills, bevor sie sie als Basis in den tannengrünen Schaumstoff stecken. Wie bei einem Tangotanz scheinen ihre Bewegungen individuell und doch synchronisiert. Das Ergebnis von sieben Jahren intensiver Zusammenarbeit. „Es war auf einer dieser typischen Berliner Partys: Ein Open Dinner, zu dem jeder geladene Gast einen weiteren Gast mitbringen durfte. Der Kunstberater Rui Andersen Rodrigues Diogo hatte in sein spektakuläres Apartment geladen und Amandine saß etwas abseits und las einen Essay von Mark Rothko über dessen Zugang zur Kunst“, erinnert sich Jean-Christian an ihre erste Begegnung im November 2015. „Ich fand sie mysteriös. Als man uns einander vorstellte, stellte sich heraus, dass wir beide Französisch sprachen – und uns beide mit Blumen beschäftigten. Sie kam gerade aus Avignon von ihrer Ausbildung beim Blumen-Stylisten Frédéric Garrigues, ich hatte meine Schauspielambitionen an den Nagel gehängt und arbeitete freiberuflich im Floristen-Studio Mary Lennox.“ Es begann eine Freundschaft, und als Jean-Christian wenige Monate später seinen ersten eigenen Auftrag annahm, eine Blumen-Installation für ein Szenenbild in einem Film von Audi, holte er Amandine hinzu. 2016 gründeten sie Anatomie Fleur. Der Name spielt auf die chirurgische Präzision an, mit der sie arbeiten.
„Wir sind sehr unterschiedliche Charaktere. Jean-Christian kommt aus Montreal und ist in Los Angeles aufgewachsen. Er liebt es flashy, farbenfroh, dramatisch und expressiv. Ich stamme aus Paris und mag das Groteske, Melancholische, Morbide“, sagt Amandine und greift nach einer der kunstvoll eingefärbten Nelken, die der Blumengroßhändler passend „Latte“ getauft hat, nach dem italienischen Milchkaffee. Dann ergänzen die beiden die Rosen und Levkojen, das Bouquet wächst zusehends, die Blüten entfalten, aus den Eimern befreit, ihre ganze Pracht. „Wir haben uns intensiv mit Kunst und Literatur beschäftigt“, sagt Jean-Christian. „Wir verehren beide den amerikanischen Dichter Henry David Thoreau, begeistern uns für Surrealisten wie Meret Oppenheimer, Man Ray, Jean Cocteau und Giorgio de Chirico.“
Die Stillleben-Malerei der Renaissance und des Barock, die Vanitas-Motive von Hieronymus Bosch, Tintoretto, Tizian, Botticelli, Jan Brueghel dem Älteren, Rachel Ruysch und Caravaggio spielen in den Kreationen von Anatomie Fleur ebenfalls eine Rolle. So auch bei ihren Arbeiten für den Juwelier Georg Hornemann. In dessen Geschäftsräumen zeigten sich in ihren Anfangsjahren regelmäßig opulente Bouquets aus Rosen, Nelken und Mohnblüten in leuchtenden Farben neben mannshohen Eukalyptuszweigen so überbordend auf den Tischen und Fensterbänken, als wolle die Natur sich den Ort zurückerobern. In Vitrinen rankten neben den raren Edelsteinen des Juweliers schwarz-violette Frauenschuhblüten und spitze Rittersterne mit burgunderroten Adern auf Moos- und Farnbetten. In jeder der liebevoll arrangierten Wunderkammern war die Vergänglichkeit schmerzlich zu spüren.
„Besonders spannend war für uns auch die Zusammenarbeit mit dem Performance-Künstler Miles Greenberg im Pariser Palais de Tokyo“, erklärt Jean-Christian Pullin. In seinem Werk spürt der Afrokanadier Greenberg der Frage nach kultureller Identität in der afrikanischen Diaspora nach. „Das hieß für uns: Wir kombinieren tropische und exotische Pflanzen wie Fackellilien, Nadelkissen, Protea, Banksien, Lilien, Bananenblüten, Kannenpflanzen und Kaiserkronen mit einheimischen europäischen Blumen wie Anemonen, isländischem Mohn, Platterbsen, Nelken, Ranunkeln, Fingerhüten, Kirschbaumzweigen und Hortensien“, erklärt Amandine und tritt für einen prüfenden Blick einen Schritt von dem sich noch in Arbeit befindlichen Bouquet zurück. „Wir haben den ganzen musealen Raum mit floralen Installationen gefüllt, sie wurden Teil von Greenbergs Performances“, fährt sie, offenbar zufrieden, fort. Vier Mal wurde die Performance im Ausstellungszeitraum aufgeführt, zwischen den Terminen lagen jeweils drei Wochen. „Das Verwelken der Blumen war Teil des Projekts. Wir finden diesen Prozess sehr interessant, für manche Menschen jedoch hat er etwas zutiefst Beunruhigendes. Sie möchten nicht mit dem Niedergang konfrontiert werden. Die kurze Blütezeit der Blumen führt uns ja die Vergänglichkeit der Schönheit am stärksten vor Augen.“
Allerdings: Der Vergänglichkeit entgegentreten – auch das ist ein Projekt von Anatomie Fleur. In den letzten Pandemie-Monaten beschäftigten sich Amandine Cheveau und Jean-Christian Pullin mit skulpturalen Arbeiten und der Konservierung der Blumen. „Wir haben monatelang mit Sonnenblumen, Tulpen und Pfingstrosen experimentiert“, erklärt Jean-Christian. „Wir haben die Blumen kopfüber aufgehängt und sie dann zunächst mit Klebstoff und anschließend mit drei hauchdünnen Lagen aus flüssigem Beton eingestrichen. Anschließend haben wir die Blumen schwarz angesprüht. Das Ergebnis trug den Titel: ‚There is hope within‘. Es waren Blumensträuße von düsterer Schönheit, die wir in Berlin bei The Fairest, einem Kunstevent, zeigten.“
Das Bouquet ist jetzt fertig, die spitzen Knoblauchknospen ragen aus dem Blütenmeer wie in ekstatisch emporgereckte Arme auf einem Rave. Ihr nächster großer Coup steht schon bevor. In den kommenden Wochen möchten Anatomie Fleur eine Dependance in Mailand eröffnen. „Wir arbeiten hier bereits mit dem Modelabel Sunnei und spüren eine große Energie und Dynamik. Gleichzeitig hat die lombardische Wirtschaftsmetropole einen ähnlich spröden Charme wie Berlin.“ Amandine, die gerade eine Wohnung in Mailand sucht, freut sich auf die neue Herausforderung. Nach 14 Jahren in Berlin hat sie ja Erfahrung damit, harte Schalen zu knacken und der bisweilen grauen Großstadt etwas Romantik einzuhauchen.
Konfekt,
Herbst 2022