Die Geschichte des Château Galoupet an der französischen Riviera reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück. Zu dem als Cru Classé ausgezeichneten Terroir gehört neben den Weinbergen auch ein geschütztes Waldgebiet. Jessica Julmy und Mathieu Meyer nutzen diese besondere Lage, um ihren Beitrag zur Erhaltung der Biodiversität zu leisten. Für die Region wird das Weingut so zum Schauplatz eines Paradigmenwechsels. Nun haben die beiden ihren ersten Rosé de Provence gekeltert.
Jessica Julmy steht auf der großen, marmorgefliesten Terrasse des Weinguts Château Galoupet, der Mistral spielt ungestüm mit ihren schulterlangen blonden Haaren. In ihrem Rücken die Salinenfelder von Salins und dahinter das atemberaubende Küstenpanorama der Îles d’Hyères: Die grünen Hügel der Île du Levant zeichnen sich am südöstlichen Horizont ab, rechts daneben ist Port-Cros zu erahnen und im Südwesten, dort wo die Nachmittagssonne nun steht, Porquerolles mit golden schimmernden Felsen, die der Inselgruppe den Beinamen Îles D’Or verliehen haben. „Wir profitieren hier von einem Mikroklima, das die Reben mit gemäßigten und salzigen Winden erfrischt“, sagt Julmy.
Bereits in der Vergangenheit brachte das Château Galoupet elegante Rosés de Provence hervor. Doch seit die Geschäftsführerin Jessica Julmy und der Agricologe Mathieu Meyer das Weingut 2019 übernommen haben, herrscht ein völlig neuer Geist im Terroir. Und es ist eine große Aufgabe, der sich Julmy und Meyer stellen. „Die fünfzehn Besitzer der letzten Jahrhunderte ließen Château Galoupet mehr oder weniger Liebe angedeihen. Zuletzt war eine Phase mit etwas weniger Liebe“, erklärt die US-Amerikanerin Julmy, zuvor sechs Jahre lang kaufmännische Leiterin bei Krug Champagner, mit einem Lächeln, als wir uns auf den Weg den Hang hinauf in den Weinberg machen. „Wir fanden eine schlafende Schönheit vor, ein außergewöhnliches Gelände mit unterschiedlichen Böden. Die 69 Hektar Rebfläche befinden sich in einem einzigen Block, das ist selten in dieser Gegend. Die Klassifizierung des Cru Classés, die nur 17 weitere Terroirs in der Region halten, ermöglicht uns, den Wein den wir ausschließlich aus eigenen Trauben keltern, mit dem Prädikat zu kennzeichnen.“
Wir lassen das einstöckige sandfarbene Verwaltungsgebäude hinter uns und erreichen nach etwa 200 Metern den ersten Plot, wie die einzelnen Parzellen genannt werden. Dutzende Reihen von knorrigen Weinstöcken wurden in den letzten Wochen von der intensiver werdenden Sonne wachgeküsst, dazwischen recken Gänseblümchen ihre Hälse. „Das ist eine Tibouren, diese Rebstöcke wurden bereits 1969 gepflanzt“, erklärt Mathieu Meyer, schmales Gesicht mit braunen Augen. Im Durchschnitt sind die Rebstöcke des Châteaus 25 Jahre alt, das garantiert Weine mit Charakter und Struktur. „Tibouren ist eine seltene Traube, die ursprünglich aus Griechenland stammt, aber heutzutage fast ausschließlich in der Provence vorkommt“, fährt Meyer auf Englisch mit charmantem französischen Akzent fort. „Die dünnhäutigen, blassblauen Beeren mit festem, saftigem Fruchtfleisch sind ideal für die Herstellung von Roséwein. Jedoch: Ihr Anbau ist kompliziert. Deshalb sind in der Provence auch nur noch 450 Hektar mit Tibouren bepflanzt, knapp zwei Prozent der Weinberge.“ Bei kaltem, feuchtem Wetter ist die Sorte krankheitsanfällig, aber hier im Château Galoupet sorgt der Wind für natürliche Belüftung. „Die Winde, die zwischen dem Massif des Maures und den ‚Goldenen Inseln‘ wehen, bescheren uns besondere Bedingungen. Aus dem Norden macht sich der Mistral bemerkbar und aus dem Süden weht stets eine Meerbrise, beides wird jedoch abgeschwächt – sowohl durch das Gebirge in unserem Rücken als auch durch die Inselgruppe vor der Küste. Die Winde reinigen die Böden, verhindern Krankheiten. Sie sind damit ideal für den biologischen Weinbau und legen den Grundstein für die Aromavielfalt“, ergänzt der Franzose, dem das landwirtschaftliche Wissen von seinem Vater in die Wiege gelegt wurde.
Der Feldweg windet sich den Hang hinauf. Es duftet nach Rosmarin und Eukalyptus, die steiler werdenden Hänge sind damit regelrecht überwuchert. Julmy und Meyer planen, im Laufe des kommenden Jahrzehnts weitere Tibouren-Parzellen anzulegen, um dieser seltenen Sorte neuen Auftrieb zu geben. „Im Moment liegt der Anteil des Tibouren in der Assemblage bei 12 Prozent, wir könnten uns aber vorstellen, ihn auf 15 Prozent zu erhöhen. Doch Château Galoupet ruht auf vielschichtigen Böden, das macht das Vorhaben nicht gerade einfacher. Mathieu Meyer hebt einen Schieferstein vom Boden auf und demonstriert mit einer Hand, wie leicht er bricht „300 Millionen Jahre Naturgeschichte prägen dieses Land, und wir haben es mit unzähligen Schichten metamorphen Gesteins zu tun: Mit diesem ockerbraunem Schiefersandstein, mit dem cremefarbenen Quarzphyllit und mit Kies. Bei uns wechselt der Boden innerhalb des Terroirs. Und die Mikro-Terroirs benötigen maßgeschneiderte Pflege, je nach ihrer Lage.“
„Kristalline Provence“ ist die geologische Bezeichnung für den bergigen Abschnitt der Côte d‘Azur zwischen Toulon und Cannes, doch Château Galoupet hat noch eine weitere Besonderheit. Es ist ein sogenannter „Lieu-dit“, ein Weinberg mit einer eigenen topologischen Identität. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts existiert es in seiner jetzigen Größe und umfasst auch 77 Hektar geschützten Waldes. Steineichen, Schirmkiefern, Wildkräuter und Erdbeerbäume bieten seltenen Fledermäusen, Zugvögeln und der vom Aussterben bedrohten Hermannsschildkröte Heimat. „Als wir im Juli 2019 zum ersten Mal herkamen, wurden wir uns unserer Verantwortung für die hiesige Flora und Fauna bewusst – und der Möglichkeiten, die dieses besondere Weingut bereithält“, erinnert sich Jessica Julmy. Wald und Wein in Einklang zu bringen, das sehen sie und Meyer seither als ihre Mission. Im August 2020 stellten sie den Betrieb auf biologischen Weinbau um. „Wir kombinieren biologischen Weinbau und Agrarökologie mit traditionellem Bauernwissen. Unsere Arbeit beginnt mit dem Boden: Wir betreiben Gründüngung und Agroforstwirtschaft“, erklärt Mathieu Meyer, als wir unseren Weg durch die kaum gebändigte Wildnis fortsetzen. „Wir säen Senf, Roggen und Erbsen zwischen die Rebstöcke, um die Böden anzureichern, sie vor Erosion zu schützen und ihre Durchlässigkeit zu erhöhen. Diese Deckkulturen bringen Nährstoffe, Mikroorganismen, Insekten – Leben.“
Auch Bäume sind Teil des Plans. „Sie werden zurückkehren in den Weinberg, werden Vögel anlocken, die sich von ihren Früchten statt von unseren Trauben ernähren, und Fledermäuse, die Nachtfalter fressen, die für die Reben schädlich sein können“, prognostiziert Meyer. Zusammen mit Jessica Julmy hat er bereits zwölf Fledermausarten identifiziert, von denen einige zu den seltensten Arten Europas zählen. Das Gut ist ein Rastgebiet für Zugvögel und Lebensraum Hunderter Insekten- und Reptilienarten. „Dank genauer Bestandsaufnahmen können wir adäquate Maßnahmen zur Förderung dieser Tierwelt ergreifen und die Wirkung unserer Arbeit besser im Blick behalten.“ Selbstverständlich gibt es kein nachhaltiges Ökosystem ohne Bienen. „Gemeinsam mit der OFA, dem Observatoire Français D’Apidologie, richten wir neben neuen Bienenstöcken auch eine Befruchtungsstation für Bienenköniginnen ein, so dass wir genau beobachten können, wie eine immer gesündere Kette des Lebens funktioniert“, ergänzt Jessica Julmy.
Die Partnerschaft mit der OFA begann 2019 mit der Aufstellung von 200 Bienenstöcken in dem geschützten Waldgebiet. Die Ergebnisse waren so vielversprechend, dass das Führungsduo beschloss, ein Brutzentrum für die künftigen Königinnen einzurichten. So entstand in Château Galoupet eine von nur zwölf Befruchtungsstationen für Bienenköniginnen der Welt. Diese Brutstätte ist für Königinnen bestimmt, die vor Ort geschlüpft sind. „Forschungen belegen, dass heimische Pflanzen und Bestäuber wie Bienen, Fledermäuse und Schmetterlinge zur Bewahrung des Gleichgewichts von fragilen Ökosystemen beitragen, und zeigen auf, wie gesunde Ökosysteme die Erzeugung komplexerer, hochwertigerer Weine unterstützen“, erklärt die Geschäftsführerin.
Wir haben den höchsten Punkt des Feldweges erreicht und blicken in ein bewaldetes Tal hinab, in dem mehrere Dutzend Bienenstöcke stehen. Eine Kleinstadt für Bienen. Julmy und Meyer sind glücklich, dass die Arbeit mit dem OFA so fruchtbar verläuft. Denn es geht letztlich auch um die Qualität des Weines. „Die Wiederherstellung der Interaktion zwischen Wald- und Rebflächen ist unerlässlich zur Förderung der Biodiversität und Gewinnung gesunder Reben. Diese Arbeit wird Château Galoupet wieder in einen vollkommen natürlichen Zustand versetzen.“ Dass sie mit ihrem Engagement ihren Arbeitgeber, den Luxuskonzern LVMH, der das Weingut 2019 kaufte, zu neuen Ufern führen, freut Julmy. Die Pionierarbeit, die sie in dem Traditionsunternehmen leistet, scheint sie zu beflügeln. „Château Galoupet könnte Blaupause sein für andere Weingüter innerhalb der Gruppe. Luxus wird zukünftig neu definiert.“ Und Moët Hennessy? Ist stolz darauf, sein Know-how in die Entwicklung des Weinguts Château Galoupet einzubringen und sein Portfolio um einen Cru Classé de Provence, seinen ersten Roséwein, zu erweitern.
Die Sonne ist inzwischen hinter Porquerolles im Azur versunken und wir machen uns auf den Rückweg. Als wir auf der Terrasse am ersten Jahrgang des 2021 Château Galoupet Cru Classé, dem Ergebnis der Arbeit der letzten drei Jahre nippen, gesellt sich zu dem von Mineralität und Cremigkeit geprägten Aroma, zu den Grapefruitschalen und Pfirsichnoten und dem feinen, salzigen Abgang ein von Rosmarin und Eukalyptus geschwängerter Lufthauch. Der Wind, er redet auf Château Galoupet immer ein Wörtchen mit.
Konfekt ,
Juli 2022