Ilse Cornelissens und Tim Van Geloven teilen in Antwerpen ihre Vorstellung von Schönheit und einem guten Leben mit einer kosmopolitischen, informierten Community. Ihr Graanmarkt 13 steht für organisches Wachstum und eine Less-is-more-Philosophie, die auch den Ausstieg aus konventionellen Modezyklen mit einschließt.
Ilse Cornelissens und Tim Van Geloven waren beide 27, als sie beschlossen, ihren Traum von einem Concept Store wahr werden zu lassen. Doch die Immobilienpreise in ihrer Heimatstadt Amsterdam standen ihrer Idee von Großzügigkeit entgegen. Anders in Ilses Geburtsort Antwerpen: Hier fand das Paar ein Haus, das reichlich Platz für seine Vision bot. Der Architekt Vincent Van Duysen wurde mit der Renovierung und dem Umbau des fünfstöckigen Gebäudes beauftragt und schuf einen Schmuckkasten, den Ilse und Tim fortan mit ihren Lifestyle-Preziosen füllten. Den Namen lieferte die Adresse: Graanmarkt 13.
Mode, Interior Design, Food und Kosmetik für eine informierte, qualitätsbewusste und stilsichere Käuferschaft – in den letzten zehn Jahren ist Graanmarkt 13 zum internationalen Aushängeschild geworden. Neben einer Vielzahl von Kollaborationen mit Gleichgesinnten gibt es nun auch ein eigenes Label – die KASSL Editions. Hinter der weißen, klassizistischen Fassade erstreckt sich der Store über zwei Etagen, im Untergeschoss befindet sich das dazugehörige Restaurant mit Schwerpunkt auf elaborierter Gemüseküche und oben ein Apartment, das den minimalistischen Stil des Hauses ganzheitlich erlebbar macht. Hier wohnte das Paar mit den drei Kindern bis zum Herbst 2021. Nun sind sie nach Amsterdam umgezogen und schmieden dort neue Pläne.
Dinge und Menschen zusammenzubringen, das ist mein großer Traum.
Ich habe während meines Jurastudiums ein Jahr in Paris gelebt – damals war ich 23 und fasziniert von Colettes Idee. Sie hat nachhaltigen Einfluss auf mich gehabt.
Mit dem Haus fing alles an.
Und mit Vincent Van Duysen, dem Architekten, der es für uns umgebaut hat. Von ihm haben wir sehr viel gelernt. Vincent hat uns seine Werte vermittelt, Qualitätsbewusstsein gelehrt, mit ihm haben wir unseren Geschmack entwickelt. Auch die Menschen, die er uns vorgestellt hat, haben entscheidend dazu beigetragen, Graanmarkt 13 in das zu verwandeln, was es heute ist: der Art Director und Szenograf Bob Verhelst und Base Design, die hinter unserer Kommunikationsstrategie stehen. Dieses Team hat eine Welt für uns geschaffen, die wir mit unseren Ideen füllen durften.
Vor sechs Jahren haben wir eine für uns wichtige Entscheidung getroffen.
Wir werden keinen saisonalen Sale mehr machen. Bei der Gelegenheit haben wir uns von einigen großen Marken wie Marni und Isabel Marant getrennt, die bei unseren Mitwerbern am Saisonende immer reduziert wurden. Seither haben wir mehr kleine und auch lokalere Marken, was viel besser zu unserer Philosophie passt. Diese Entscheidung hat uns zu unserem Ursprungsgedanken zurückgebracht: Wir führen Marken, die Editionen herausgeben, nicht zwangsläufig saisonale Kollektionen. Viele Marken bieten ihre Produkte genderless, sizeless und seasonless sind. Das hat auch mein Leben als Einkäuferin verändert. Ich reise nur noch zweimal jährlich nach Paris, habe so mehr Zeit und pflege intensivere, persönlichere Kontakte.
Persönliche Beziehungen sind für mich das Wichtigste.
Wenn ich mich um neue Marken bemühe, suche ich nach Gleichgesinnten. Die meisten Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, sind über die Jahre zu Freunden geworden. Wie Rosa Park und Rich Stapleton vom Cereal Magazine, die unser Buch produziert haben. Sie haben mich wiederum mit Lyn Harris bekannt gemacht, die unser Parfum kreiert hat. Bei allen Dingen, die wir in Kooperation herausbringen, empfinde ich eine starke persönliche Verbindung mit den Machern. Noch ein Beispiel: 2018 wurde eine Ausstellung über Martin Margiela im Modemuseum gezeigt. Margiela traf bei uns im Store zufällig seine ehemalige Mitarbeiterin Camille Serrat und sagte zu mir: „Wenn du einmal eine Designerin suchst, nimm Camille.“ Eine Woche später rief mich mein Freund Bart Ramakers, Inhaber der Modeagentur Parrot an und sagte, er habe gerade in New York einen tollen Ölmantel gesehen und wolle mit uns eine Mantelkollektion ins Leben rufen. Und schon brauchte ich eine Designerin! Camille Serrat hat dann unsere erste KASSL Edition entworfen. Wie eines zum anderen kommt, Talente sich finden, Begegnungen und Konstellationen plötzlich Sinn ergeben hat für mich etwas Magisches. Dieses Haus verbindet mehr Menschen als man zunächst glaubt. Das mag spirituell klingen, aber ich empfinde es so.
Der Mensch hinter einer Marke zählt.
Er muss mich erreichen. So wie Samuel Gazman. Er kam eines schönen Sommertages zu uns. Ich mag es eigentlich gar nicht, wenn jemand unangemeldet kommt und einfach seinen Koffer mit Produkten auf den Tresen stellt. Bei ihm war es aber anders. Wir haben uns in den Garten gesetzt und er hat drei Stunden hingebungsvoll von den Manschettenknöpfen gesprochen, die er macht. Das fand ich faszinierend.
Obwohl meine Tage oft ein wenig zu voll sind, nehme ich mir beim Einkauf immer sehr viel Zeit.
Ich gehe nicht ans Telefon, ich lese keine Nachrichten. Marken suche ich nur selten, meist finden sie uns. Ich bekomme viele Anfragen, muss aber aus Platzgründen oft absagen, auch bei schönen Dingen.
Ein Wunsch von mir ist, sehr wenigen Dingen richtig viel Platz zu geben.
Die anderen Produkte würden wir dann online verkaufen. Denn das ist eine der Schwierigkeiten beim Einkauf – sich zu beschränken. Sonst geht das ‚something‘ im ‚everything‘ verloren. Aber auch mir fällt das ‚Less is more‘ manchmal schwer. Gerade haben wir Manasi 7, eine neue skandinavische Kosmetiklinie, aufgenommen, obwohl wir eigentlich keinen Platz haben. Ich habe mir die Marke drei Jahre angesehen und konnte schlussendlich nicht mehr widerstehen.
Auf großen Flächen schöne Geschichten erzählen.
Das ist für mich die Zukunft des Handels. Wir räumen an einem Wochenende im Winter die Fläche für Extreme Cashmere frei, eine Marke, die oversized, unisex und saisonunabhängigen Strick macht. Im Sommer machen wir dasselbe für Bernadette, ein Mutter-Tochter-Duo, das wunderschöne Blumenkleider entwirft.
Eine Einkäuferin braucht Instinkt, eine gute Nase.
Mein Talent ist, dass ich ein Gespür dafür habe, die richtigen Leute zusammenzubringen – nicht unbedingt, dass ich eine gute Stylistin bin. Meine Stärke liegt im mathematischen, in der Struktur, dem Zusammenfügen von Puzzleteilen. Aber auch das Puzzeln hat eine kreative Komponente.
Normalerweise denke ich beim Einkauf nicht an einen bestimmten Kunden.
Wenn es sich aber um ein besonderes Teil handelt, das ich unbedingt kaufen will, rufe ich mir jemanden vor Augen, der das Stück auf jeden Fall kaufen würde. Das ist aber dann eher eine Rechtfertigungsstrategie für einen unvernünftigen Kauf.
Ateliers besuche ich recht selten.
Eine Ausnahme: das Atelier von Sam Cruden in Rotterdam. Sie weiß wirklich alles über Denim und die Jeans von ihrem Label C. Cruden trage ich selbst seit sieben Jahren.
Ich kaufe keine Mode, sondern Materialien, die sich gut anfühlen und zu tragbaren Kleidungsstücken mit einfachen Schnitten verarbeitet sind.
Unsere Kundinnen sind informiert und selbstsicher – Menschen, die wissen, was sie wollen und wo sie hinwollen.
Mein wichtigstes Tool beim Einkauf ist das Handy.
Ich verwende die App Anydo und habe darin eine Liste mit Brands to Watch angelegt, in die ich bei Bedarf hineinschaue.
Zum Reisen nutze ich die App Mapstr.
Da trage ich alles ein, was mir begegnet. So habe ich mir eine weltweite Wunschliste von Orten zusammengestellt, die ich gerne einmal sehen würde. In Paris spaziere ich gerne nachts durch das Carré de Louvre. Man fühlt sich dort fast selbst wie in einem Gemälde. Das Septime im Marais ist mein Lieblingsort für ein Abendessen, zum Brunch gehe ich gerne ins Le Loir dans la Théière. In Mailand esse ich oft in der Langosteria. Ein Besuch in der Galerie Rossana Orlandi und im Nilufar Depot stehen auch immer auf dem Programm. In Berlin besuche ich stets Andreas Murkudis. Unbedingt noch ausprobieren möchte ich dort das Ernst oder das Julius. Ansonsten mag ich Clärchens Ballhaus – zum Essen und Tanzen. In Antwerpen schaue ich gern im Atelier Solarshop vorbei. Sie haben schöne Interior-Design-Objekte aus Japan.
Antwerpen ist eine unterschätzte Stadt.
Die Lebenshaltungskosten sind hier vergleichsweise niedrig, das lässt viel Freiraum für Kreativität. Die Stadt gibt dir Zeit – das ist eine große Chance. Und ihr Potenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft.
Antwerpen hat Graanmarkt zu dem gemacht, was es ist.
Weil die Dinge hier langsam und organisch wachsen können, aber dank der flämischen Textiltradition ein hohes Qualitätsbewusstsein vorhanden ist. Das Gebäude hat uns und unsere Entscheidungen geprägt.
Graanmarkt 13 ist das Haus der Talente.
Eine unserer jüngeren Entdeckungen ist Auralee, eine japanische Marke, die mich emotional sehr berührt hat mit ihrer sprichwörtlichen japanischen Detailverliebtheit. Ich glaube, die Marke hat das Potenzial, genauso wichtig wie Sofie D’Hoore für uns zu werden. Wir führen sie als einer der ersten Läden in Europa.
Früher bin ich in jedem Jahr viermal nach Paris gereist, zweimal nach Mailand und einmal nach London.
Inzwischen reicht es, wenn ich zweimal im Jahr nach Paris fahre. Früher sind Tim und ich auch oft zusammen gereist, seit wir die Kinder haben, teilen wir uns die Reisen auf.
Ein Vorteil unseres Familienunternehmens:
Unsere Kinder lernen früh, dass man, wenn man viel arbeitet, auch viel erreichen kann. Der Nachteil ist: Du kannst nie ganz abschalten.
Im Flugzeug brauche ich nur drei Dinge:
eine Decke, eine Schlafbrille und ein Nackenkissen. Alles drei ist aus der Kollektion von Extreme Cashmere.
Meine Lieblingsstücke aus dem Graanmarkt?
Der Pitcher von Cristaseya und Jean-Philippe Sanfourche und die Ripple Lamp von Lobmeyr.
Wir denken darüber nach, einen Store in Amsterdam zu eröffnen.
Aber er wird anders als Graanmarkt 13. Der lässt sich nicht kopieren oder verpflanzen. Es wird so sein wie bei Geschwistern, die die gleichen Eltern haben, aber verschiedene Talente und Eigenschaften.
Konfekt,
Juni 2022