← PrevKonfekt - Graanmarkt 13
Next →KTCHNrebel – Restaurant Grön, Helsinki

Seewege

Art & Culture / Interview

Wir wandern mit Diandra Donecker, CEO des Berliner Auktionshauses Villa Grisebach, am Wannsee. Die Kunsthistorikerin zeigt uns geschichtsträchtige Orte der Berliner Sommerfrische und erzählt, was sie empfindet, wenn bei ihr bedeutende Kunstwerke unter den Hammer kommen, und wie sie sich mit erst 33 Jahren im deutschen Kunstbetrieb bereits einen Namen machen konnte.

Am Schiffsanleger Wannsee im Bezirk Steglitz-Zehlendorf, an dem wir Diandra Donecker treffen, warten bereits ein halbes Dutzend Ausflugsdampfer mit blankgeputzten Decks auf ihre ersten Gäste. Die Morgenluft ist frisch. Die Geschäftsführerin der Villa Griesebach trägt einen hellbeigen Mantel aus Yak-Wolle, darunter einen veilchenblauen Kaschmirpullover. Ihr orangefarbenes Hermès-Tuch hat sie sich lose um den Hals gebunden. Sie begrüßt uns mit rosigen Wangen.

Der Wannsee, rund 25 Kilometer südwestlich von Berlin-Mitte, war und ist die Sommerfrische einflussreicher und wohlhabender Berliner Bürger. Wir wollen heute die Villenkolonie Alsen und den dahinterliegenden Düppeler Forst erkunden und überqueren die Wannseebrücke, die den Griebnitzkanal überspannt und den Kleinen vom Großen Wannsee trennt. Von Ferne lugen die Giebel der Turmvillen, die die Ufer schmücken, durch die Baumwipfel. Wir folgen der Königstraße, biegen rechts in die Straße Am Großen Wannsee ein, die uns auf einen kopfsteingepflasterten Gehweg führt, den Schwüngen des Ufers folgend. Je weiter wir in das Viertel vordringen, desto größer werden die Liegenschaften. Viele der Seegrundstücke sind seit über einhundert Jahren in der Hand von Wassersportclubs. Im Potsdamer Yacht Club, gegründet 1891, werden einige der schnittigen Boote gerade aus dem Winterschlaf geweckt, Planen werden abgestreift und Schiffsrümpfe inspiziert.

Unser erstes Etappenziel ist die Villa des Malers Max Liebermann, die uns an der nächsten Querstraße, der Colomierstraße erwartet. Im großen Bauerngarten vor dem neoklassizistischen Haus bepflanzt ein Gärtner die Gemüsebeete. Hinter der Villa, die heute ein privates Museum beherbergt, erstreckt sich ein weitläufiger Rasen bis zum See. Frühblüher kämpfen sich zwischen den Grasbüscheln ans Licht, ein weißer Pavillon am Seeufer und ein Holzsteg locken uns ans Wasser. Der Impressionist Max Liebermann, Mitbegründer der Berliner Secession, ließ das Haus 1909 von Paul O. A. Baumgarten bauen und verbrachte hier von 1914 bis Mitte der 1930er mit der Familie seine Sommermonate.

Nebenan wohnt Florian Langenscheidt, Schriftsteller und Ururenkel des Verlegers Gustav Langenscheidt. Sein Landhaus mit dem grünen Fachwerk ist eines der wenigen, die noch immer in Familienbesitz sind. Denn mancherorts trifft am Wannsee architektonische Pracht auf das dunkelste Kapitel deutscher Vergangenheit. Die ehemalige Villa der Familie Marlier, die wir als nächstes passieren, war Austragungsort der Wannseekonferenz, viele andere Häuser, wie das der Familie Liebermann, wurden enteignet.

An der nächsten Wegkreuzung wenden wir uns nach rechts, gehen am großen, mit Grünspan überzogenen Denkmal des Flensburger Löwen vorbei, der versonnen zum Horizont blickt, wo Himmel und Wasser verschmelzen, und biegen in einen sandigen Uferweg ein. Er führt uns an den Schilfsäumen des Großen Wannsees entlang. Auf den hölzernen Buhnen, die die Ufer befestigen, steht ein Fischreiher und hält Ausschau nach Frühstück. Nach einer halben Stunde auf der Promenade sehen wir vis-à-vis das grüne Ufer der Pfaueninsel, dann zweigt der Weg ab, führt ein paar hölzerne Stufen hinauf in den Wald. Buchen und Ahorn empfangen uns, werden bald aber von Pinien und Birken abgelöst. Bis auf das Hämmern eines Spechtes über unseren Köpfen ist es still.

Diandra, was bedeutet dir Kunst?
Bei Kunst geht es mir zunächst einmal um die Freude am Sehen, ganz ohne die Einordnung in eine Epoche. Ich kann mich verorten, einen Anker setzen, mich aber auch verlieren, in Gedanken in ein Bild hineinklettern. Wenn ich ins Museum gehe, habe ich oft das Gefühl, ich gehe in meine Kirche. Für mich bietet Kunst die höchste Reflexionsebene. Sie hat etwas Erhabenes und doch Nahbares. Sie ist ganz mein, ich kann sie einnehmen.

Deine Mutter war Kunsthistorikerin wie du. Du bist also früh mit Kunst in Berührung gekommen.
Ja, ich erinnere mich noch gut an die Bücher meiner Mutter, die ich mir als Kind angesehen habe. Da war eines über Fabergé, in dem es um die Verflechtung des Kunsthandwerks mit der Geschichte der Russischen Revolution ging. Das hat mich bereits als Kind fasziniert. Zudem war ich im Frankfurter Städel Museum in einer Kindermalgruppe bei Prof. Ursprung. Von ihm durfte ich lernen, dass ich mich der Kunst unaufgeregt und natürlich nähern und sie mir aneignen kann. Beim Abmalen eines Jawlenskys wurde mir beispielsweise klar, dass ein Gesicht grün sein darf und die Augen pink. Das habe ich dort nicht nur erlernt, sondern erlebt. Diesen Zugang wünsche ich mir auch für die Menschen, die zu uns in die Villa Grisebach kommen. Die Ehrfurcht vor den teuren Gemälden soll keine Schwellenangst hervorrufen. Die Leute sollen gerne ‚erst einmal schauen‘ – das ist mir wichtig.

Du hast 2017 in der Villa Grisebach als Leiterin der Fotografischen Abteilung begonnen und 2019 dort die Geschäftsführung übernommen. Eine steile Laufbahn. Aber dann begann die Pandemie. Was hat sich verändert?
Ich glaube, die Krise teilt die Geschichte in ein Davor und ein Danach. Heute kommt es vor, dass der Kunde ein Werk für eine halbe Million Euro kauft, ohne es zuvor im Original gesehen zu haben.
Manche Käufer registrieren sich nur noch online, so komme ich nicht mehr so leicht ins Gespräch, ich weiß also nicht, ob es sich um einen einmaligen Kauf handelt. Die Auktion hat ein anderes Tempo bekommen, ist schneller, anonymer und unverbindlicher geworden. Gleichzeitig hat das unsere Reichweite erhöht, wir arbeiten jetzt viel internationaler.

Das war so gewünscht, nicht wahr?
Ja, schon bei meinem Vorgänger Florian Illies gab es die Idee, sich internationaler auszurichten. Ich habe den Plan dann umgesetzt, durch eine veränderte Kommunikation. Zu dieser gehört gezieltes Marketing, das Nutzen  der sozialen Medien und Online-Auktionen. Ich finde es faszinierend, wenn ein Online-Gebot wie ein Deus ex machina aus dem Nichts kommt, das verleiht der Auktion eine neue Facette. Zu Beginn der Pandemie bestand ja  große Unsicherheit, wie es für die Auktionshäuser weitergehen würde. Und dann hatten nicht nur wir, sondern auch unsere Mitbewerber 2020 ein Spitzenjahr. Bedingt natürlich nicht zuletzt durch den starken Aktienmarkt und die niedrigen Zinsen, aber auch dadurch, dass viele ihr Heim neu mit Kunst bestücken wollten.

Du hast bis 2016 bei Christie’s in München als Junior Business Getter gearbeitet. Warum bist du nicht geblieben?
Ich hatte von der Villa Grisebach gehört und fand es bemerkenswert, dass mit Florian Illies ein Journalist und Autor ein Auktionshaus leitet. Auch Bernd Schultz, der Gründer, ist Schriftsteller.
Das muss ja ein cooler Ladens sein, dachte ich mir, und habe eine Blindbewerbung geschrieben. Ich wurde daraufhin auch eingeladen, obwohl zu dem Zeitpunkt keine Stelle vakant war.
Illies und Schultz waren von meiner Eignung überzeugt und haben mir die Leitung für die Fotografische Sammlung anvertraut. Als Akquisiteurin habe ich dann dort mit zwei tollen Wissenschaftlerinnen zusammengearbeitet.

Dabei hast du für eine kleine Sensation gesorgt.
Nun ja, Fotografie ist kein leichtes Feld. Ein großes Bild von Massimo Vitali verkauft sich durchaus, aber bei klassischen Fotografien von Man Ray, Otto Steinert, Lee Friedlander oder Edward Styken wird oft gefragt: Entschuldigung, wie oft gibt es das Foto? Ohne amerikanische Sammler könnten wir in der Fotografie gar nicht überleben. Dann aber konnte ich ein kleines Fotogramm von Moholy-Nagy akquirieren, das wir Ende 2018 für knapp eine halbe Million Euro verkauft haben. Das hatte es bei Grisebach noch nicht gegeben. Ich war zu dem Zeitpunkt 29 Jahre alt.

Wie ist dir das gelungen?
Zunächst musst du das Werk bekommen. Der Besitzer, ein Schweizer, wollte mindestens 300 000 Euro dafür. Er hätte es leicht an die große Konkurrenz geben können, aber wir hatten bald ein Vertrauensverhältnis, auch weil er merkte, dass wir mit sehr viel Hingabe bei der Sache waren. Am Ende haben sich vier Parteien um die Arbeit bemüht, was ihren Kurs so hoch klettern ließ. Ein US-Amerikaner erhielt den Zuschlag.

Welche Eigenschaften sind in deinem Beruf wichtig?
Du solltest immer gesprächsbereit sein, immer Lust haben, neue Leute kennenzulernen. Du brauchst ein gutes Gedächtnis, musst wissen, wer was besitzt, wer was sucht oder sammelt.
Und Diskretion ist die Überschrift von allem.

Was machst du anders als dein Vorgänger Florian Illies?
Ich möchte die Villa Grisebach als Ort der Begegnung etablieren, mit Künstlergesprächen, Cocktail-Abenden und literarischen Salons. 2019 haben wir jede Woche eine Veranstaltung organisiert.
Mal luden wir zu einem Gespräch über klassische kunsthistorische Themen, mal kamen Daniel Kehlmann oder Jürgen Teller zu Besuch. Wir möchten uns unsere Stammkunden bewahren und zugleich eine jüngere Klientel ansprechen. Zudem sehe ich Grisebach als Marke im Luxussegment, und meiner Ansicht nach sollte man mit unserem Haus auch ein Lebensgefühl verbinden. Möbel, Vasen, Silber, Mode, Schmuck sind in unserer Sammlung Orangerie zusammengefasst. Wir denken darüber nach, solche Collectibles wieder stärker zu gewichten und miteinzubeziehen.

Führst du auch selbst Auktionen durch?
Nein, ich sitze während der Saalauktion bietend am Telefon. Ich mag es, im Team mit meinem Kunden zu kaufen. Dieses ‚Wir haben es!‘ ist ein schönes gemeinschaftsstiftendes Moment.
Die Spannung ist einfach toll. Selbst bei Online-Auktionen hat man ja feuchte Hände.

Was macht eine gute Auktionatorin oder einen guten Auktionator aus?
Obwohl es mitunter um große Summen geht und von einer Sekunde auf die nächste Verträge geschlossen werden, die nicht zu revidieren sind, muss das Ganze eine spielerische Note behalten.
Es geht dabei viel um die Sprache der Hände. Schau dir Georgina Hilton an, die als Auktionatorin für Christie’s in Hongkong arbeitet. Sie macht das wahnsinnig gut, wie eine Dompteuse.

Du bist mit 33 Jahren eine der jüngsten erfolgreichen Frauen im Kunstmarkt. Welche Vorteile hat das, und welche Nachteile?
Im Kunstmarkt altert man wie ein guter Wein. Je älter du bist, desto mehr Kenntnisse und Kontakte hast du. Daher wird mit Auktionshäusern oft das Gesetzte, Konservative assoziiert.
Ich passe da nicht ins Bild und spreche eine neue Klientel an, die mit uns mitwachsen kann. Natürlich begegnet mir die hochgezogene Augenbraue, und manch einer fragt sich sicher: Kann sie das?
Diese Skepsis ist vielleicht auch typisch deutsch.

Hattest du ein weibliches Vorbild?
Ja, ich hatte Frauen als Vorbilder in Vorgesetztenrollen. Marie Christine Huyn Direktorin bei Christie’s und Nadine Orenstein am Metropolitan Museum of Art in New York.
Zwei Frauen, die sich sehr entschieden, effizient, straff und stamm durchgesetzt haben. Denn auch in Museen sind die Kuratoren- und Abteilungsleiterposten oft noch von Männern besetzt.

Du bist in Frankfurt am Main geboren, hast in München Jura (?), Kunstgeschichte und Literatur studiert. Fühlst du dich in Berlin angekommen?
Wir haben es auf unserer Wanderung gerade erlebt. In Berlin ist die deutsche Geschichte allgegenwärtig, manchmal überdimensioniert und schwer zu ertragen, aber auch überwältigend. Man steigt irgendwo aus der Bahn und weiß, hier war die Mauer, hier wurde die Weimarer Republik ausgerufen, hier ist ein Ort der Nazidiktatur. Mitunter schlägt einem die Geschichte in Berlin wie eine Faust ins Gesicht. Das fasziniert mich. Außerdem liebe ich die Weite hier. Berlin lädt dich ein zu überdenken, wer du bist und sein möchtest Früher fühlte mich oft wie in eine Form gepresst, musste mich anpassen. Berlin war wie eine Art Sonnenaufgang. Ich habe gespürt: Hier kannst du dich verkleiden, wie du möchtest, niemand wird dich schief anschauen. Ich fühle mich hier groß, weit und frei. Das kann ich schwerlich wieder aufgeben.

Konfekt,
Juni 2022