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Food / Travel

Seit Mimi Thorisson mit ihrem Mann Oddur und den jüngsten vier ihrer acht Kinder nach Turin gezogen ist, hat sich die Kochbuchautorin mit französisch-chinesischen Wurzeln intensiv mit der italienischen Küche auseinandergesetzt. Wenige Tage nach Abschluss der Fotoarbeiten für ihr neues Kochbuch empfängt sie Konfekt in ihrem neuen Domizil auf dem eleganten Corso Vittorio Emanuele II mit einem piemontesischen Menü.

Mimi Thorisson hat ihn sich in den letzten sechs Jahren Stück für Stück erobert – den Mercato Centrale, den Turiner Lebensmittelmarkt, der als einer der größten Europas gilt. Längst kennt sie sie beim Namen, die besten Produzenten, die hier ihre Waren feilbieten. Zügig durchquert sie die Halle des zum überdachten Teil des Marktes gehörenden Antica Tettoia dell’Orologio und steuert auf einen Metzger zu, in dessen Auslage sich verschiedene regionale Würste stapeln. „Ich hätte gern zwei Salsiccia di Bra“, sagt Thorisson. Die Rindfleischwürste, die ausschließlich im Piemont verkauft werden, sind Zutat ihres herbstlichen Pasta-Gerichts. Was braucht sie noch? Ach ja, Lauch. „Lauch ist, genauso wie Kohl, ein unterschätztes Gemüse“, sagt Thorisson und verlässt die Markthalle durch einen Hinterausgang. Neben der Halle erstreckt sich ein kleiner, überdachter Bauernmarkt. Bei Floricoltura Granziera aus Carignano kauft die ehemalige CNN-Journalistin acht Lauchstangen und einen Wirsing. Am Stand nebenan findet sie die weichen Khakis, die für das Dessert gedacht sind. Thorisson ruft ein Taxi. „Wenn ich einkaufen gehe, komme ich oft mit mehr Zutaten nach Hause als geplant. Ich kaufe intuitiv ein und entscheide dann zuhause, was ich koche“, lacht sie, als sie an ihrer Wohnadresse am Corso Vittorio Emanuele II den alten Stigler-Lift anfordert.

In der dritten Etage des herrschaftlichen Hauses aus dem späten 19. Jahrhundert hat Mimi Thorisson vor Kurzem eine 360 Quadratmeter große Wohnung gekauft, gemeinsam mit ihrem Mann Oddur Thorisson, einem isländischen Fotografen und Art Director. „Wir lebten zehn Jahre im französischen Médoc auf dem Land. Das hat mich in meiner Arbeit sehr beflügelt, aber als die Kinder größer wurden, stellte sich die Frage nach einer guten Schule und wir beschlossen, wieder zurück in eine Stadt zu ziehen“, sagt Mimi Thorisson und schält sich aus ihrem klassischen graubraunen Blazermantel von Carla Saibene. Darunter trägt sie ein Kleid von Loretta Caponi aus Florenz. „2018 arbeitete ich an meinem ersten Kochbuch über italienisches Essen, ‚Old World Italian‘, und so entschieden wir, unsere Zelte hier in Turin aufzuschlagen. Als ehemalige Hauptstadt hat Turin nicht nur eine reiche Geschichte, das Piemont ist auch aus kulinarischer Sicht einzigartig“, erklärt sie, während sie die Einkäufe auspackt und auf dem Küchentisch ausbreitet, auf dem bereits Kastanien, Salbei, Zwiebeln, Zitronen und zwei Packungen Tagliatelle auf ihre Verarbeitung warten.

Die Küche sei der erste Raum im neuen Domizil gewesen, dessen Ausstattung komplett gewesen sei, so erzählt es Thorisson, und diese Aussage mag wenig überraschen. Herzstück der Küche ist der große Gasherd von Bertazzoni. Die heugrünen Einbauschränke und der kaminartige Dunstabzug wurden von den toskanischen Inneneinrichtern Homewood angefertigt. „Die Küche sollte so authentisch wie möglich aussehen. Als wäre sie schon immer hier gewesen“, erklärt die Gastgeberin das Einrichtungskonzept für diesen Raum. Ein Aperitif? Mit wenigen Handgriffen mischt Thorisson selbst gemachten Salbeisirup mit Wodka und Limettensaft zu einem Salbei-Cocktail. Auf die neue Wohnung! Und das neue Buch! Thorisson bindet sich eine weiße Leinenschürze um und beginnt, Zwiebeln, Sellerie und eine Karotte mit einem Küchenmesser zu zerkleinern und sie in der Kasserolle unter Zugabe von Olivenöl und etwas Salbei zu sautieren. Sie fügt eine klein geschnittene Kartoffel hinzu. Zu ihren Füßen hat sich der Terrier-Welpe Henri auf dem Terrazzoboden zusammengerollt. „Die Esskastanien habe ich gegrillt und dann eingefroren“, erklärt Thorisson. Sie sind Basis des ersten Gangs ihres Herbstmenüs, einer Maronencremesuppe. „Man kann aber auch gekochte Kastanien verwenden, die es fertig zu kaufen gibt.“ Gut ein halbes Kilo Maronen kommen zum Gemüse in die Kasserolle. Ein paar der Esskastanien behält sie zurück, um die im Mixer sämig pürierte Suppe anschließend damit zu garnieren.

„Mein Vater war Chinese, meine Mutter Französin. Er arbeitete als plastischer Chirurg in Hongkong, meine Mutter war acht Jahre lang die Krankenschwester von Barbara Hutton. Ich wuchs in Hongkong auf“, sagt sie, während sie die zurückbehaltenen Maronen anbrät. „Mein Vater liebte gutes Essen und ich war seine Sparringspartnerin beim Ausprobieren neuer Speisen und dem Testen von Restaurants.“ Thorisson schneidet die Lauchstangen für den Hauptgang, eine Pasta mit Lauch, Haselnüssen und Salsiccia di Bra. Sie sautiert die kleinen Ringe und schiebt parallel ein Blech mit gehackten Haselnüssen in den Ofen, um sie dort zu rösten. Ins heiße Öl einer separaten Pfanne quetscht sie kleine Portionen der Rinderwurst aus Bra, die sich schließlich goldbraun färben. Die Tagliatelle gibt sie in einen großen Topf mit sprudelnd kochendem Wasser. „Jeden Sommer verbrachten wir zwei bis drei Monate bei meiner Großmutter und meiner Tante in Südfrankreich – beide kochten leidenschaftlich gern und wurden zu meinen Vorbildern“, erzählt Thorisson. Dennoch studierte sie zunächst Finanzwesen in London. „Zu jener Zeit war ich eine begeisterte Köchin, aber ich hätte nie daran gedacht, dass es einmal ein Job werden könnte.“ 1997 bekam Mimi Thorisson das Angebot, für CNN Financial News zurück nach Hongkong zu gehen. Als Business Developerin produzierte sie Lifestyle-Content, bis sie 2005 Oddur in einem Pariser Nachtclub traf. Sie hatte ein Kind aus erster Ehe, Oddur hatte zwei, gemeinsam wünschten sie weitere, und für die wachsende Familie beschloss das Paar, aufs Land zu ziehen. „Die Zeit auf dem Land erwies sich als sehr fruchtbar. Ich hatte immer gern und viel gekocht und wollte meine Freunde weiterhin mit Rezepten versorgen. Also begann ich mit meinem Blog ‚Manger‘“, sagt Thorisson. Offenbar hatte sie damit einen Nerv getroffen, denn Oprah Winfrey und Martha Stewart erwähnten den Blog in ihren Shows und plötzlich hatte sie eine riesige Fangemeinde in den USA. „Von dort an entwickelte sich alles wie von selbst.“ Gemeinsam mit ihrem Mann produzierte Thorisson die ersten Kochbücher ‚A Kitchen in France‘ und ‚French Country Cooking‘. Heute veranstaltet sie regelmäßig kulinarische Workshops in Venedig und Neapel.

Thorisson viertelt die Khakis und beträufelt sie mit einem dunklen, mit einer großen Vanilleschote aromatisierten Rum. In die Mitte jeder der geviertelte Khaki wird sie später, kurz vor dem Servieren, eine Kugel Fior-di-Latte-Eiscreme geben. Plötzlich springt Henri auf. Die Kinder Gaīa, Audrey und Lucian stürmen in die Küche. Oddur kommt dazu, wikingergroß mit kurzem grauen Haar, und deckt den Tisch im Esszimmer. Audrey zündet Kerzen an. Die Familie nimmt auf den Gio-Ponti-Stühlen Platz, die der Fotograf erst jüngst bei Michelangelo Limoncelli erstanden hat. Mimi Thorisson verteilt die Suppe, garniert sie mit Olivenöl und den gebratenen Kastanien, Gaīa schneidet das Brot. Dann wird es still am Tisch und für ein, zwei Minuten scheinen alle dem Geschmack der wärmenden Maronencremesuppe nachzuspüren, die den ersten großen Hunger besänftigt.

Konfekt,
Winter 2025