Die Künstlerin Maryam Keyhani braucht keinen besonderen Anlass für einen großen Auftritt. Die Berlinerin verlässt das Haus nie ohne Hut. Damit ist sie die wohl beste Botschafterin ihrer eigenen Linie – einer Kollektion extravaganter, humorvoller Kopfbedeckungen.
Missy liegt lang gestreckt auf dem mit bunten Farbklecksen besprenkelten Dielenboden und lässt sich die Morgensonne, die seitlich durch die hohen Fenster ins Zimmer flutet, auf den silbergrauen Pelz scheinen. Plötzlich fesselt etwas ihre Aufmerksamkeit, ein Hutbändel, das von einem Stuhl in der Ecke herunterbaumelt. Die Perserkatze pirscht sich an, um das Schnürchen mit einem gezielten Tatzenhieb zu erledigen. Missy ist der jüngste Neuzugang der vierköpfigen Familie von Maryam Keyhani. Ein Match made in heaven: Die Katze teilt nicht nur ihre persische Herkunft mit der Dame des Hauses, deren 230 qm große Altbauwohnung in Prenzlauer Berg Wohn- und Arbeitsstätte zugleich ist. Beide eint auch ihr Spieltrieb. Und: Missy trägt – zumindest für Fotos – bereitwillig Hut und ist damit auch in den sozialen Medien präsent, einem wichtigen Kommunikationskanal der Künstlerin und Hutdesignerin.
Maryam Keyhani kommt in ihr Studio gefegt, sie trägt ein schulterfreies cremefarbenes Corsagenkleid aus Wildseide mit eingewebtem Rautenmuster, Chanel-Ballerinas und natürlich: Hut. In diesem Fall die schwarze „Cloud“, eine ausladende Kreation mit aufgetürmter Stoffdrapage, deren fluffige Form tatsächlich an eine Kumuluswolke erinnert. „Mit dem Modell ‚Cloud‘ fing alles an“, erzählt Keyhani und stützt sich mit der Linken auf der Glasvitrine ab, um einen mit Perlen bestickten Fez, der wie Dutzende andere Hüte an den über drei Meter hohen Wänden drapiert ist, geradezurücken. Rechts neben ihr eine Staffelei, an der gegenüberliegenden Wand ein Regal, auf dem ihre Acrylfarben auf ihren Einsatz warten. „Ich habe in Toronto am OCAD, dem Ontario College of Art & Design, Kunst studiert“, erklärt sie. Noch heute male sie jeden Tag. Es sind farbenfrohe, naive Darstellungen von lustigen und traurigen Pierrots und anderem Zirkuspersonal ihrer Fantasie: Männer mit spitzen Kappen und langen Hälsen, Fliegen, Halskrausen und Zylindern, Damen mit eckigen Rokoko-Dekolletés, Krinolinen und Reifröcken und schwindelerregend hoch aufgetürmten Haaren. „Das Malen ist mein Beruf – und meine Passion.“
Doch bekanntlich nicht die einzige: Seit zehn Jahren entwirft Keyhani Hüte. Wie ihre Bilder verkauft sie sie online und in ihrem Laden, einer ehemaligen Metzgerei, die sich nur wenige Schritte von ihrem Studio entfernt befindet. „Zunächst wollte ich lediglich einen Hut für mich selbst kreieren. Einen, der mich beschützt. Er sollte so groß sein, dass ich mich unter ihm verstecken kann. Gleichzeitig aber war mir natürlich klar, dass ein Accessoire dieser Größe die Blicke auf sich ziehen würde. Doch damit kann ich umgehen!“, lacht die zierliche Dunkelhaarige, neigt den Kopf ein wenig nach unten und lässt ihr Gesicht unter der breiten Krempe verschwinden. „Ich seh’ dich nicht – Du siehst mich nicht.“ „Cloud“ eignet sich vorzüglich für dieses kindliche Versteckspiel. Das Modell
ist bis heute Keyhanis Lieblingsentwurf. „Nicht zuletzt deswegen, weil sie überraschenderweise ein Hit wurde. Ein Hut dieses Ausmaßes, damit hatte ich wirklich nicht gerechnet.“ Keyhani sagt „sie“. „Alle meine Entwürfe sind Charaktere und quasi beseelt“, erklärt die Künstlerin. „Cloud“, die „Sie“, ist seit zehn Jahren im Programm und wurde schon aus den verschiedensten Materialien angefertigt: im Sommer aus einer technischen Kunstfaser, die sich als besonders geeignet erwiesen hat und auch leichtem Fisselregen trotzt, im Winter aus Wollpepita und Faux Fur.
Nicht alle Hüte, die wie eine Trophäensammlung die Wände ihres Studios zieren, stammen von Keyhani, die üppigsten, größten tragen jedoch eindeutig ihre Handschrift. Ein Entwurf aus der Serie „Soufflé“, eine hochzeitstortenartige Konstruktion aus zartrosafarbenem Stroh, ist gut und gerne 40 cm hoch. Für kältere Tage hat Keyhani ihn auch in hellgrauem Filz produziert. Daneben findet sich ein sogenannter Yves Boater, ein flacherer Strohhut, der auch als Kreissäge bekannt ist, außerdem ein Doppelstöcker, bei dem auf dem einen klassischen Strohhut mit schwarzem Band noch ein zweiter thront. „Sometimes you need that extra hat“, sagt die Maximalistin mit einem Augenzwinkern. Weniger Versteckmöglichkeiten bieten hingegen ihre surrealen Head Pieces: an Napoleons Zweispitz erinnernde Haarreif-Konstruktionen und Fascinatoren aus Stroh, abstrakte, hohe Gebilde, die ohne Zweifel auch ihr Idol, die Modejournalistin und -mäzenin und große Hutliebhaberin Isabella Blow entzückt hätten.
Maryam Keyhani wurde in Teheran geboren und lebte dort bis zu ihrem 13. Lebensjahr, bevor ihre Eltern mit ihr nach Toronto auswanderten. In ihrer Studienzeit lernte sie ihren Mann, Ali Karbassi, kennen, ebenfalls Iraner, der in Deutschland und Kalifornien aufgewachsen war und gerade an einer Business-Universität seinen MBA machte. „Mein Vater war Maler, meine Mutter Sozialarbeiterin in einem Waisenhaus – mit Business hatte ich bis dahin wirklich wenig am Hut“, erklärt Keyhani und krault Missy, die schmeichlerisch um ihre Beine streicht. „Das Leben in Kanada war gut, aber es ging viel um Geld und Prestige: Der Land Rover, das Haus mit Garten, die goldene Kreditkarte – man wurde schnell in eine Schublade gesteckt, wenn man diese Werte nicht teilte. Wir wollten uns diesem Druck nicht aussetzen.“ Bei einem seiner zahlreichen Berlin-Besuche saß das Paar auf einer Restaurant-Terrasse im Berliner Ortsteil Prenzlauer Berg. Die Erwachsenen tranken Wein, die Kinder spielten auf einer Schaukel. Wir sahen uns an und waren uns einig: „Das ist der perfekte Ort, um Kinder aufzuziehen!“
2013 zogen Keyhani und Karbassi nach Deutschland. Ungefähr zeitgleich begann sie mit den ersten Hut-Entwürfen. „In Berlin kannst du wirklich anziehen, was du möchtest – keiner schaut dich schräg an“, sagt Keyhani. Dieses Gefühl der Freiheit beflügelte sie. In den Folgejahren kamen immer mehr Modelle hinzu. Dennoch sieht sie sich nicht als klassische Hutmacherin: „Etwas mit den Händen zu erschaffen, das nichts mit Pinsel und Acrylfarbe zu tun hat, ist nicht mein Ding“, gibt Keyhani unumwunden zu und führt uns durch die Flügeltür ins benachbarte Esszimmer. Wir setzen uns an den Tisch, den eine barocke Obstschale ziert, darüber schwebt ein veilchenblauer, verschnörkelter Lüster aus Murano-Glas. Keyhani schenkt Wasser in zwei unterschiedliche Tassen. „Ich kann zwölf Stunden ununterbrochen malen, kein Problem, aber für alle anderen handwerklichen Tätigkeiten bin ich schlichtweg zu ungeduldig“, gibt sie unumwunden zu. Also mussten Handwerker her, um die Ideen umzusetzen, die stetig aus ihr heraussprudeln. Keyhani fand sie in ihrer früheren Heimat Toronto, im US-amerikanischen Philadelphia und in Florenz. „Alle textilen Entwürfe lasse ich in Toronto produzieren.“ Dazu gehören neben den Hüten und Head Pieces auch Kleider und Capes. Und auch hier sind Keyhanis Looks gerne opulent, ausladend und wirken ein wenig manieristisch überzeichnet. Meterweise schwere Seidenstoffe fließen in die bodenlangen Roben.
Für die „Soufflé“-Hüte hat Keyhani in Philadelphia eine Produktionsstätte gefunden. Sie herzustellen ist ein sehr aufwändiger Prozess. „Ich sitze dabei neben der Näherin. Sie näht die schmalen Strohbänder Zentimeter für Zentimeter aneinander und arbeitet sich so in die Höhe – ich gebe vor, an welchen Stellen des Hutes ein Wulst eingearbeitet werden soll.“ Die klassischeren Strohhüte lasse sie bei Florenz fertigen, in einem Familienunternehmen, das auf mehr als 60 Jahre Tradition zurückblicke. Dass die Produktionskosten inklusive der Einfuhrzölle insbesondere bei den Produktionen in den USA und Kanada sehr hoch sind, quittiert sie mit einem Schulterzucken. „Ich fühle mich auch für meine Zulieferer verantwortlich, könnte sie nie im Stich lassen.“ Dafür nimmt sie eine geringere Marge in Kauf.
Eine Ausbildung zur Modistin hat Keyhani übrigens nie absolviert. „Ich empfinde das als absoluten Vorteil“, sagt sie und angelt sich mit ihren Stäbchen Tofu aus der Pho, ihrem heutigen Mittagessen, das nun – ein kleiner Stilbruch – in einer To-Go-Packung aus Pappe vor ihr steht. „Ich kenne keine Restriktionen, denke mir einfach etwas aus und suche dann jemanden, der es umsetzen kann.“ Nachdem die Hüte begeistert aufgenommen worden waren, begann sie mit dem Entwurf von Sonnenbrillen. Auch hier das gleiche Spiel: Die Brillen bieten Schutz vor der Sonne und neugierigen Blicken, sind ein gutes Versteck, aber gleichzeitig auffällig, flamboyant. Ein Modell hat ein rot-weißes Pierrot-Rautenmuster, bei einem anderen in Schmetterlingsform stand die exzentrische Peggy Guggenheim ganz offensichtlich Pate. Maryam nimmt einen Schluck Wasser. „Schon als Kind habe ich mich auf der Flucht vor der Realität gerne in Fantasiewelten gestürzt. In meiner frühen Jugend im Iran tat ich, was alle Mädchen meiner Generation taten: das, was uns gesagt wurde. Alles andere lag außerhalb unserer Vorstellungskraft. Das hat mich dazu veranlasst, einen Weg aus der Angst vor der Unterdrückung zu suchen, jahrelang. Meine Kunstwerke und auch meine Hüte sollen Leichtigkeit vermitteln und Freude stiften. Dafür habe ich meinen eigenen Kosmos geschaffen.“
Und das Maryam-Keyhani-Universum dehnt sich weiter aus: Seit Mitte des Jahres sind Kerzenleuchter, überlebensgroße Zuckerdosen, pokalähnliche Vasen und farbige Weingläser mit weißen gläsernen Halskrausen, wohl eine spielerische Reminiszenz an Jan Vermeer, hinzugekommen. Doch bei aller Lust am Spiel mit Formen, Farben, historischen Bezügen – Eskapismus liegt Maryam Keyhani heute fern. Die Künstlerin engagiert sich auch politisch. „Die jüngeren Ereignisse im Iran haben mich dazu bewegt, mich persönlich zu äußern.“ Keyhani tut das auf ihrem Instagram-Kanal, war aber auch mit Schriftbannern, die sie im Sommer 2023 eigens für eine Ausstellung im Berliner Museum für Islamische Kunst anfertigte. „Es ist ein schmaler Grat zwischen Instagram-Posts über die politische Situation im Iran und dem Wunsch, Freude und Unbeschwertheit in die Welt zu bringen.“ Sie spürt die moralische Verantwortung, die daraus erwächst. Doch auch für Berlin hat sie Vorschläge, die ihre Wahlheimat, den im Grunde ja perfekten Ort, um Kinder aufzuziehen, noch besser machen könnten: „Berlin ist voller großartiger Spielplätze. Aber ich fände es toll, wenn sie nicht nur Klettern und Toben einlüden.“ Keyhani schweben Orte vor, an denen die Kinder zur Ruhe kommen. „Überlebensgroße, begehbare Hüte, die außen ein Schließfach für das Mobiltelefon haben und drinnen mit Malutensilien ausgestattet sind. Die Kinder könnten sich eine Auszeit nehmen und sich auf die Suche nach sich selbst und ihrer eigenen Fantasie begeben.“ Maryam Keyhani lächelt. Mit der Macht der Fantasie hat sie schließlich ihre eigenen, befreienden Erfahrungen gemacht. Und mit großen Hüten.
Konfekt,
Winter 23/24