„Ich hasse es zurückzublicken“, sagt Marina Abramović, die dieses Jahr einen runden Geburtstag feiert. In ihrem Institut, das den Namen der weltberühmten Perfomancekünstlerin trägt, gibt sie sogar Kurse, in denen man das Leben im Hier und Jetzt lernen kann. Ein Gespräch über Tatendrang und Schmerz, darüber, was sie noch alles vorhat – und warum 80 das neue 40 ist.
Sie ist eine der bedeutendsten Performancekünstlerinnen der Welt. Seit mehr als fünf Jahrzehnten berührt die aus Jugoslawien stammende Marina Abramović mit ihren radikalen Aktionen, bei denen sie sich vor Publikum mit Messern verletzt, sich über brennenden Kerzen aufhängen lässt und sich ein Pentagramm in den Bauch ritzt. Schmerz und Erschöpfung sind für sie Vehikel, um einen höheren Bewusstseinszustand zu erlangen. 2010 erregte ihre Performance „The Artist is Present“ im New Yorker Museum of Modern Art internationales Aufsehen: 75 Tage lang saß die Künstlerin auf einem Stuhl und sah ihrem Gegenüber in die Augen Stumm und täglich acht Stunden am Stück, ohne sich zu rühren, ohne zu essen oder zu trinken. Für viele der rund 1500 Menschen, die sich ihr gegenübersetzten und so Teil der Performance wurden, ein zutiefst emotionales Erlebnis. Für Abramović der endgültige Durchbruch. Heute entwickelt sie unter anderem groß angelegte Tanzperformances und leitet das Marina Abramović Institute, in dem ihre Methoden und Techniken zu Willenskraft und Fokussierung weitergegeben werden – an Künstlerinnen und Künstler, die ihre Arbeiten reinterpretieren, und an Interessierte, die auf der Suche nach spirituellen Erfahrungen sind. Solche Erfahrungen verspricht Abramović auch den Besucherinnen und Besuchern ihrer Ausstellung „Transitory Objects“, die ab April in Venedig zu sehen ist.
Sie sind die erste lebende Künstlerin, die in der Galleria dell’Accademia di Venezia eine große Ausstellung präsentiert. Was bedeutet Venedig für Sie?
Mit Venedig verbindet mich eine lange Geschichte. Bereits als 14-Jährige kam ich gemeinsam mit meiner Mutter zur Biennale. Später reiste ich aus jedem Ort, an dem ich gerade lebte, immer wieder dorthin. 1976 stellten mein ehemaliger Partner Ulay und ich erstmals selbst in Venedig aus, was uns viele Türen öffnete. 1997 wurde ich schließlich mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet, für meine Performance „Balkan Baroque“, bei der ich auf einem Haufen aus blutigen Rinderknochen saß und sie über Stunden und Tage mit einer Drahtbürste zu reinigen versuchte.
Die Ausstellung in der Galleria dell’Accademia trägt den Titel „Transforming Energy“ und feierte ihre Premiere in Shanghai. Die Schau hat eine spirituelle Dimension – u. a. spielen Kristalle eine große Rolle -, ohne an ein bestimmtes Glaubenssystem gebunden zu sein. Wie entstand die Idee zu dieser Schau?
Ich trug schon lange den Wunsch in mir, eine Ausstellung in China zu realisieren, seit meiner Wanderung entlang der Chinesischen Mauer vor 38 Jahren. Doch aufgrund der Tatsache, dass viele meiner Performances nackte Haut zeigen, wurden alle meine Anfragen abgelehnt. Deshalb begann ich darüber nachzudenken, wie ich die chinesische Bevölkerung auf eine andere Weise erreichen könnte.
Und warum mit Kristallen?
Schon auf meiner Wanderung entlang der Chinesischen Mauer habe ich gespürt, welche energetischen Auswirkungen Kristalle auf mich haben. Ich geriet in verschiedene energetische Zustände und begriff mit der Zeit, dass diese durch die unterschiedlichen Mineralien im Boden verursacht wurden, auf dem ich lief. Nach meiner Rückkehr begann ich, diese Mineralien und Kristalle in möbelartige Objekte zu integrieren.
Diese Objekte sind auch in Venedig zu sehen und werden in der Ausstellung interaktiv genutzt. Inwiefern?
Bei meinen „Dragon“-Arbeiten zum Beispiel sind Kristalle an den Wänden angebracht und die Besucher und Besucherinnen treten mit ihnen in Körperkontakt. Sie berühren sie sitzend, liegend oder stehend mit der Stirn oder dem Hinterkopf. So werden die Besucher in die Lage versetzt, selbst zu performen und etwas von dem zu spüren, was ich empfunden habe.
War es schwierig, das Publikum zum Mitmachen zu bewegen?
Es war ein Wagnis. Ich wusste ja nicht, wie die Schau aufgenommen werden würde. Und wenn sich die Besucher nicht auf die Objekte einlassen, funktioniert die Ausstellung nicht. Deshalb mussten alle ihre Mobiltelefone abgeben, um jede Ablenkung zu vermeiden. Das schien besonders in China ein Ding der Unmöglichkeit. Hier lebt jede und jeder in enger Symbiose mit dem Mobiltelefon, vor allem die junge Generation. Gleichzeitig aber gibt es diese ausgeprägte Disziplin und Regelkonformität. Und genau deshalb gelang das Experiment. Türen, die ins Nirgendwo führten, wurden immer wieder geöffnet und geschlossen. Junge Männer und Frauen lauschten stundenlang langsam schlagenden Metronomen. Die Besucher legten sich in mit Kamille und Lotusblüten gefüllte Wannen und pressten ihre Stirn an Kristalle – ohne Fragen zu stellen.
Welche Rolle spielen Kristalle in Ihrem eigenen privaten Leben?
Ich lebe mit Kristallen, sie sind überall, auch hier, auf dem Boden hinter meinem Schreibtischstuhl. Wo immer ich gehe und stehe, begleiten sie mich. Kristalle können Elektrizität und Licht bündeln, und sie symbolisieren für mich das Gedächtnis unseres Planeten. Wenn man ihre Energie auf sich wirken lasst, kann man ihre heilsame Kraft spüren.
Kristalle sind Teil der Natur. Ist die Natur generell ein wichtiger Impulsgeber für Ihre Arbeiten?
Ja, die Natur ist meine wichtigste Inspirationsquelle. Ob wir uns mit Kristallen beschäftigen oder Bäume umarmen – es gibt viele Wege, mit der Natur in Verbindung zu treten. Für mich ist das eine essenzielle Erfahrung. Besonders faszinieren mich Fragmente von Meteoriten, weil sie die Geschichte des Universums in sich tragen. Schon als Kind habe ich mich gefragt, was jenseits unserer Galaxie liegt. Bereits damals hat mich das große Ganze interessiert.
Ende dieses Jahres werden Sie Ihren 80. Geburtstag begehen. Welche Lebensphase erscheint Ihnen heute in künstlerischer Hinsicht als die bedeutsamste?
Die wichtigste Lebensphase ist für mich immer die Gegenwart. Ich hasse es zurückzublicken. Was getan ist, ist getan. Ich empfinde keinerlei Nostalgie. Gerade habe ich in Zusammenarbeit mit der BBC ein Maestro-Programm mit 28 Lektionen initiiert, das darauf abzielt, das Leben im Hier und Jetzt zu erlernen. Ich erläutere darin Achtsamkeitsübungen, die helfen können, sich ruhig und fokussiert zu fühlen – zum Teil in Anlehnung an meine Performances.
Was war die schwierigste Lektion für Sie selbst?
Vergebung zu lernen – und den Umgang mit meinen Gefühlen. Alles, was mit physischem Schmerz oder körperlicher Anstrengung zu tun hat, bereitete mir nie Schwierigkeiten. Dazu hatte ich genug Disziplin und Willenskraft entwickelt. Doch meine Emotionen zu kontrollieren, ist bis heute sehr schwer für mich. Den Schlüssel dazu habe ich noch nicht gefunden.
Sie haben die Performancekunst im Mainstream etabliert – auch die Langzeitperformance. Kommt man gerade bei Letzterer nicht irgendwann an seine Grenzen?
Wenn man über drei Monate hinweg täglich acht Stunden performt, wird die Arbeit Teil des Lebens. Die Transformation, die man durchläuft – ebenso wie jene, die beim Publikum stattfindet -, habe ich als enorme Kraft erfahren.
Sie haben sich auch dafür eingesetzt, dass Performances von bereits verstorbenen Künstlern wieder ins Museum kommen können, indem sie von anderen Künstlern aufgeführt werden. Was gefallt Ihnen daran besonders?
Die Reperformerinnen und -performer bringen auch neue Interpretationen ein. Das ist mir sehr viel lieber, als Werke in Büchern oder auf vergilbten Videobändern verstauben zu lassen.
2012 haben Sie das Marina Abramović Institute gegründet. Was lernt man dort?
In dem Institut wird die Abramović-Methode trainiert. Die Teilnehmenden verbringen fünf Tage mit intensiven körperlichen und mentalen Übungen, ohne zu essen oder zu sprechen. Wir bieten acht einwöchige Kurse pro Jahr an. Einen davon leite ich selbst. Seinen Hauptsitz hat das Institut derzeit in Griechenland, in den Bergen der Region des antiken Sparta, an einem sehr abgeschiedenen Ort. Das Konzept ist jedoch nomadisch – wir können unsere Zelte überall aufschlagen.
Sie sind im Nachkriegsjugoslawien in einem politisch geprägten Elternhaus aufgewachsen, in dem Disziplin großgeschrieben wurde. Wie hat dieses Umfeld Ihr Verständnis von Autorität, Ausdauer und Widerstand geprägt?
Ich bin Nachfahrin zweier jugoslawischer Nationalhelden. Wenn meiner Mutter oder meinem Vater ein Zahn gezogen wurde, verlangten sie nie eine Betäubung. Rückblickend bin ich dankbar für diesen Hintergrund. Er hat mich Disziplin, Selbstkontrolle, Arbeitsstruktur und Willenskraft gelehrt. Das fehlt vielen jungen Künstlerinnen und Künstlern heute.
Was bedeutet Disziplin für Sie heute – im Vergleich zu der Strenge Ihrer Kindheit?
Damals war es eine Disziplin gegen meinen Willen. Heute entspricht sie meinem Willen und unterstützt mich.
Ihre künstlerische Praxis ist von der Suche nach einem anderen Bewusstseinszustand geprägt. Häufig sind Schmerz und Verausgabung die Vehikel. Welche Erfahrung hat Sie besonders geformt?
Eine einzigartige, lebensverändernde Erfahrung war die Zeit, die ich mit 34 Jahren bei den Aborigines in der australischen Wüste verbracht habe. Die Aborigines leben nomadisch, ohne Besitz. Rituale sind ein zentraler Bestandteil ihres Lebens. Ähnlich prägend war für mich auch das Leben mit den tibetisch-buddhistischen Mönchen. Der Unterschied zwischen den beiden Kulturen besteht darin, dass die Aborigines die Vorstellung haben, als erleuchtete Wesen geboren zu werden, während die Tibeter Techniken kennen, um Erleuchtung zu erlangen. Diese beiden Kulturen haben meine spirituelle Entwicklung am stärksten beeinflusst.
In Ihrer Biografie „Walk through Walls“ sind Sie bemerkenswert offen in Bezug auf Ihre emotionale Verletzlichkeit.
Ich stamme aus einer Familie, die von Lügenkonstrukten geprägt war. Selbst Todesfälle wurden verschleiert. Mein ganzes Leben wollte ich die Wahrheit erzählen – sie ist so wichtig. Deshalb war das Schreiben eine große Erleichterung, ein Loslassen negativer Energie.
Sie sagten in einem Interview im vergangenen Jahr, dass Sie 110 Jahre alt werden möchten. Was wollen Sie in den kommenden 30 Jahren noch tun? Haben Sie schon konkrete Pläne?
Ich habe unglaublich viel vor. Ich muss nur dafür sorgen, mir genug Zeit für das zu nehmen, was ich tun mochte. Meine Tanzperformance „Balkan Erotic Epic“, die sich mit archaischen südosteuropäischen Fruchtbarkeitsritualen befasst, wird bei der diesjährigen Ruhrtriennale und bei den Berliner Festspielen gezeigt. Danach steht ein weiteres Projekt an, ein sehr großes, das mich seit Langem beschäftigt. Fünf Institutionen werden beteiligt sein, und wir benötigen eine beträchtliche Summe Geld. Ich möchte eine Retrospektive kuratieren, die die Gegenwart einbindet und in die Zukunft weist. Alle Performances sollen live und nonstop gezeigt werden – zwischen 120 und 300 Künstlerinnen und Künstler gleichzeitig. Das wäre einzigartig. Ich beginne bei den Futuristen, gehe über Dada, Fluxus und Surrealismus bis Conceptual Art und Body Art. Die gesamte Geschichte wird neu erzählt. Das ist ein Traumprojekt. Wir trainieren bereits mit unseren Künstlerinnen und Künstlern. Beteiligt sind unter anderem die Nationalgalerie in Berlin unter Klaus Biesenbach, der Palazzo Strozzi in Florenz und das Performance Art Museum in Los Angeles. Wir benötigen mindestens drei Jahre für die Umsetzung – und suchen noch zwei weitere Museen als Schauplätze.
Sie stecken voller Tatendrang. Was ist das Geheimnis Ihrer Alterslosigkeit?
Meine Großmutter wurde 102 Jahre alt. Sie hatte nur drei Falten: zwei Nasolabialfalten und eine Zornesfalte. Ich fühle mich nicht wie fast achtzig. Mein aktuelles Motto lautet: Achtzig ist das neue Vierzig!
Als unsere Autorin vor gut einem Jahr Marina Abramović das erste Mal begegnete, erzählte diese, wie an ihrem 50. Geburtstag ein lebensgroßes Abbild von ihr als Marzipankuchen serviert wurde. Mal sehen, was es dieses Jahr gibt.
Salon,
Frühjahr 2026