Ihr Häuschen heißt Panito, nach dem Hirtengott Pan. Es versteckt sich mitten im Nirgendwo und sein Interior ist ein Idyll aus Handwerkskunst: Keramikfiguren in Schäfertracht, Teller mit pastoralen Naturszenen und ein Wandteppich mit Ziegendekor. Willkommen im griechischen Hideaway der amerikanischen Sammlerin Andria Mitsakos!
Die Strasse von Naoussa nach Santa Maria führt so nahe am Meer vorbei, dass die steife Brise die Wellen bis auf die Fahrbahn treibt. Auf Paros ist der Wind ein häufger Gast. Er verscheucht die Hitze über der kargen, hügeligen Landschaft und läutet die Glocken der frei laufenden Ziegen und Schafe. Hinter einem der typisch kubischen Kykladenhäuser zweigt ein kleiner Feldweg ab und führt, vorbei an Schilf und Myrthenbüschen, ein paar Hundert Meter in ein Labyrinth aus kniehohen Mäuerchen, die die Weiden begrenzen. Das weiß getünchte Zuhause von Andria Mitsakos ist vom Weg aus nicht zu sehen, es versteckt sich zwischen einem großen Granatapfelbaum und knorrigen Oliven und Weinreben.
„Herrje, der Wind ist wirklich stark heute“, sagt Andria Mitsakos zur Begrüßung. Sie hat ein blau-weißes, selbst entworfenes Seidentuch zu einem Kleid gewickelt, und das blonde Haar fällt ihr auf die Schultern. Seit fünf Jahren verbringt die amerikanische Unternehmerin und PR-Chefin für exklusive Reisen ihre Sommer bereits auf der Insel.
Vor dem kleinen Haus mit den zartgrünen Fensterläden beschattet eine Bambuspergola eine u-förmige Sitzbank, auf der Dutzende von Kissen drapiert sind. Dunkelrote, bestickte Wollvorhänge aus Kreta dienen als Überwurf. Die Kissenbezüge stammen aus verschiedensten Teilen der Welt, aus Griechenland, Armenien, Pakistan und dem Iran, erzählt die 51-Jährige. Der flache, massive, mit Schnitzereien verzierte Tisch vor der Bank, den die Sonne ausgebleicht hat, ist eine Trouvaille aus Südostasien. „Meine Großtante Mary Bouley war Antiquitätenhändlerin. Sie lebte in einem jahrhundertealten Haus in Massachusetts. Als ich klein war, haben wir sie regelmäßig besucht – ich liebte es, von all ihren Schätzen umgeben zu sein.“ Mit ihrer Mutter Stella Mitsakos, einer Interior-Designerin, durchkämmte sie schon als Teenagerin Flohmärkte, schulte ihren Blick und begann sehr früh, selbst zu sammeln: Textilien, Keramik, Schmuck und Kunst.
Im Garten hat Andria Mitsakos Rosen, Geranien, Rosmarin, Basilikum, Lavendel und Minze angepflanzt. Zwei Stufen trennen ihn von einer kleinen Granit-Terrasse, darauf ein hölzerner Eselsattel, dessen Bemalung mit den Jahren Patina bekommen hat und der nun alsBeistelltisch dient. Ein gemauertes Bänkchen wird von einer blühenden Bougainvillea umrahmt. Hier trinkt Andria Mitsakos morgens, an die Hauswand gelehnt, rituell erst ein Glas heiße Zitrone und dann einen Kräutertee. Heute jedoch hat ihr der Wind einen Strich durch die Rechnung gemacht. Nicht tragisch, denn auch im Haus wartet eine gemütliche Sitzecke, neben dem Kamin unter einem großen gewebten Wandteppich von Jean Lurçat, der eine Ziege zwischen Sternen zeigt. „Entdeckt habe ich ihn in einem Antiquitätenladen in Saint-Tropez. Später hat mich dann ein Freund, der dabei war, damit überrascht und ihn mir zum Geschenk gemacht. Du musst wissen: Ich liebe Ziegen!“, erklärt Andria und tritt in die kleine Kochnische, um in einem Kupferkessel Teewasser aufzusetzen.
Die Liebe der Gastgeberin gilt nicht nur Ziegen, sie schließt auch die Schafe und die Kuh mit ein, die vor ihrem Fenster weiden. Und sie manifestiert sich in den vielen Artefakten, die in Andrias Haus zu finden sind: Zierteller mit pastoralen Szenen an den Wänden, folkloristische Keramikfigürchen in Schäfertracht auf dem Sims über der Durchreiche zur Küche. „Ich habe das Haus ‚Panito‘ getauft, nach Pan, dem Gott des Waldes und der Natur, den die Hirten verehren.“ Andria gießt Minze aus dem Garten mit dem heißen Wasser auf und führt ins Nebenzimmer. Die Wand an der Kopfseite des Himmelbetts ziert ein antiker Suzani aus Armenien, ein weiteres, ebenfalls reich von Hand besticktes Exemplar ist als Tagesdecke über das Doppelbett geworfen. „Das Suzani-Handwerk kommt aus dem Persischen – Suzan ist das Wort für Nadel“, erklärt die leidenschaftliche Sammlerin. „Nomaden aus Tadschikistan, Usbekistan und Kasachstan nutzen Suzanis für ihre Jurten. Ich interessiere mich besonders für armenische Suzanis, da es einen armenischen Zweig in meiner Familie gibt, dem auch meine Großtante Mary entstammte. Ihr Mädchen- name war Goshgarian.“
Andrias Eltern sind als Nachfahren griechischer und armenischer Einwanderer in den USA geboren, sie selbst wuchs in der Nähe von Boston auf. „Meine Großmutter Rose war Schuhmacherin. Sie entwickelte Musterschuhe, Prototypen für die Serienproduktion, und war handwerklich sehr begabt.“ Das Gleiche gelte für ihre Mutter. „Sie malte Aquarelle und fertigte ihre Kleidung teilweise selbst an“, erinnert sich Andria, die das handwerkliche Geschick ihrer weiblichen Vorfahren geerbt hat. Bei der Renovierung ihres Hauses packte sie selbst mit an.
„Ich kam 2015 zum ersten Mal nach Paros, auf Einladung meiner Freundin Argiro Barbarigou, einer Meisterin der süd- ägäischen Küche, die hier geboren ist und in Athen das legendäre Restaurant Papadakis betreibt.“ Damals hatte ein Freund eines Freundes das gerade mal 65 Quadratmeter große Ferienhäuschen gepachtet: „Genauso etwas suchte ich. Ein Zuhause, das Authentizität besitzt, mitten im Nirgendwo.“ Das Schicksal war ihr hold: 2019 konnte sie das Haus übernehmen und im Sommer 2020 verbrachte sie vier Monate auf der Kykladeninsel, um es zu verschönern. „Meine Fortschritte habe ich dokumentiert und sehr viel Zuspruch bekommen“, erinnert sich die Unternehmerin und nippt an ihrem Minztee. „Das spornte mich an und ich beschloss, eine Möbel- und Stoff-Kollektion zu lancieren, die an meine Sammlung angelehnt ist.“
Vor dem Bett im Nebenzimmer hockt eine überlebensgroße Heuschrecke aus geflochtenem Bast. „Die habe ich in Mexiko gefunden. Hier auf Paros sind die Heuschrecken riesig, deshalb mochte ich das Bastbänkchen sofort“, sagt Andria und lacht. Dort, wo sie das ungewöhnliche Möbelstück einst erwarb, lässt sie heute für Anthologist Korbtaschen in Form von Nashörnern und Pferden produzieren.
Anthologist ist der Name des Herzensprojektes, das Andria Mitsakos verfolgt. Die Kollektionen werden von Kunsthandwerkerinnen und Kunsthandwerkern gefertigt. In Mexiko Bast- und Baumwoll-Taschen, in Armenien Kissenbezüge und Jacken, in Ägypten bestickte Servietten, Bettwäsche, Bademäntel und Keramik, in Griechenland noch mehr Geschirr und Textilien, zudem Schmuck und Messingobjekte.
Andrias Biografie, die von einer ausgeprägten Wanderlust erzählt, ist die Basis für ihr weltweites Netzwerk. Nachdem sie in Boston Journalismus und Kommunikation studiert hatte, reiste sie durch Südamerika und Asien, lebte in Florida, der Karibik, in New York und Mailand, bis sie nach Athen zog, wo sie ihr PR-Unternehmen führt und 2023 einen großen Anthologist-Showroom eröffnete. „Das Logo zeigt ein Wesen aus einem Löwen, meinem Sternzeichen, einer Schlange, meinem chinesischen Sternzeichen, und – natürlich – einer Ziege!“
Draußen, im Schatten der Olivenbäume und mit Blick auf das Meer, steht ein schwerer Eichentisch aus einem alten Kloster, umringt von geschnitzten Stühlen. Darauf eine gehäkelte Vintage-Spitzendecke und rotbraune Keramik mit weißen Punkten, die die Sammlerin angelehnt an Vorlagen von heimischen Töpfereien nachproduzieren lässt. Der Wunsch, überlieferte Techniken zu bewahren, ist eine der großen Triebfedern von Andrias Unternehmungen.
Heute möchte sie an diesem Tisch mit ihrem Team gemeinsam zu Abend essen. Ihre Mitarbeiter sind angereist, um mit dabei zu sein, wenn in der Villa einer Freundin Andrias Mode-Kollektion aus Baumwollkaftanen und Seidenkleidern fotografiert wird. Ende Oktober verlässt die umtriebige Unternehmerin die Insel. Dann wird das Panito in den Winterschlaf fallen. Bis zum griechischen Osterfest, wenn Andria für einen weiteren schier endlosen Sommer zurückkehren wird.
Salon,
Sommer 2025