Die Mischung aus Signature-Design-Raritäten, handverlesenen Vintage-Möbeln und bildender Kunst, die Alessandra Tabacchi und Franco Mariotti in ihrer Florentiner Galerie Flair zeigen, trägt ihre unverwechselbare Handschrift. Die eigene Edition mehrt den Ruf des Galeristen-Paares, nicht nur mit großen Namen, sondern vor allem mit erlesenem Geschmack dienen zu können.
Ein früher Morgen in Florenz. Die Tauben, die sich zur Nachtruhe auf einem der Pylonen der Ponte Amerigo Vespucci versammelt hatten, tragen ihr Gefieder noch dick aufgeplustert und blinzeln in die Sonne. Nur wenige Schritte hinter der amerikanischen Botschaft am Corso Italia, der parallel zum Arno verläuft, wohnt das Galeristenpaar Alessandra Tabacchi und Franco Mariotti. „Diese Wohnung zu finden war ein großes Glück“, sagt Tabacchi, die ein schwarzes, knielanges Vintage-Oberteil von Gucci zu einer flared Jeans von Mother trägt, als sie und ihr Partner Konfekt im dritten Stock des Atriumhauses in Empfang nehmen. „Das Gebäude stammt von Giuseppe Poggi, einem der großen Baumeister der Stadt. Es wurde 1865, als Florenz Hauptstadt war, als Ministersitz errichtet.“ Die braun-weiß gescheckte Cockerspaniel-Dame Aude kommt schwanzwedelnd dazu.
140 Quadratmeter groß ist das Spielfeld, auf dem die gebürtige Turinerin und der Florentiner ihre Designphilosophie ausleben können. Wir nehmen in einem Lesezimmer am Kamin Platz. Das flackernde Feuer wird von Bioethanol genährt. Vor uns ein großer runder Couchtisch, dessen emaillierte Bronzeoberfläche eine chinesische Szene zeigt. Er stammt von dem amerikanischen Vater- und Sohnduo Philip und Kelvin LaVerne. „Die Technik basiert auf jahrhundertealten Bronzegussverfahren, die von den LaVernes so verändert wurden, dass jedes Stück seine eigene, unverwechselbare Patina erhielt. Dazu wurden handgeschnitzte Flachreliefplatten aus Bronze und Zinn sechs Wochen lang in einem Behälter voller Erde vergraben. Dort kam es zu einer natürlichen Oxidation und das Metall veränderte seine Farbe“, erklärt Alessandra Tabacchi und setzt sich neben Franco Mariotti auf das komfortable Sofa, das dank einer Aufpolsterung und eines kontrastreichen Jacquards von Dedar ein zweites Leben geschenkt bekam. Über ihnen ein figuratives Ölgemälde des jungen südafrikanischen Künstlers Mmangaliso Nzuza, den das Paar vor Kurzem auf der 1-54 Contemporary African Art Fair in London für sich entdeckte.
Jedes Stück im Kosmos der Flair-Galeristen erzählt eine außergewöhnliche Geschichte. Doch es sind nicht nur die großen Namen, die Tabacchi und Mariotti bei sich versammeln. „Das machen andere zur Genüge“, sagt Mariotti mit verschmitztem Lächeln und nimmt eine Schluck Kaffee. „Wenn wir ein Stück ankaufen, beurteilen wir in erster Linie Formen, Farben, Oberflächen, Materialien. Entsprechen sie unserem Stil? Unseren Anforderungen an Qualität? Dann ist kein Name nötig, um uns zu begeistern.“ Die 1940er bis 1970er haben es ihm und seiner Partnerin angetan. „Patina statt Perfektion ist unser Motto. Wir lieben raue, unperfekte Oberflächen aus Messing, Eisen und Holz“, fasst Mariotti den Flair-Look in wenigen Worten zusammen. Diese Strukturen kombinieren sie mal mit Woll-Bouclés mal mit Samt und Seide. Der Kontrast zwischen brutalistischen Einflüssen und glatten Oberflächen macht der Reiz vieler Objekte aus. So auch bei dem runden Glastisch neben dem Sofa. Dessen skulpturaler Fuß aus grob geschmiedetem Eisen – eine Reminiszenz an den US-amerikanischen Bildhauer und Möbeldesigner Paul Evans – zeigt scharfe Zacken und geht eine spannungsvolle Verbindung mit der darauf ruhenden getönten Glasplatte ein. Mariotti ließ den Tisch von lokalen Handwerkern nach seinen Vorgaben bauen. Genauso wie den Schrank mit Schiebetüren im benachbarten Wohnzimmer. Ein Walnuss-Panel von Nerone & Patuzzi aus dem Jahr 1964 diente hier als Grundlage.
Das Pfund, mit dem das Paar wuchern kann, ist sein hervorragender Geschmack, die eigene Kreativität und das Gespür für das Machbare. Beide arbeiteten zuvor im Mailänder Modebusiness. Tabbachi in Showrooms für Gianfranco Ferré und Romeo Gigli, Mariotti für Gucci und Ralph Lauren im Visual Merchandising. 1996 beschlossen sie, in Mariottis Heimat zurückzukehren und ihre Passion für Antiquitäten auszuleben. Die erste Flair-Galerie eröffnete 1998 an der Piazza de‘ Frescobaldi. „Zu unserem Namen hat uns das richtungsweisende Magazin inspiriert, das 1950 von Fleur Cowles gegründet wurde“, sagt Tabacchi. Aus dem rechten der beiden 50er-Jahre-Walnussregale von Gianfranco Frattini, die den Kamin flankieren, nimmt sie ein dickes Best-of-Flair-Kompendium und beginnt, darin zu blättern. „Flair wurde von der Kritik für seine Mischung aus Mode, Literatur, Kunst und Reisen gelobt. Inhalte und Bildsprache waren progressiv, die Produktion sehr aufwändig – so hat das Magazin Verlagsgeschichte geschrieben. Zwar wurde es aus Kostengründen nach einem Jahr eingestellt, dennoch war es seiner Zeit weit voraus“, erklärt Tabacchi und klappt das Buch zu. Dann tauscht sie ihre karamellfarbenen Wildlederpumps von Carel gegen weiße Sneakers mit gelben Sohlen von Sofie D’Hoore – es ist inzwischen früher Mittag und Zeit, die Galerie zu öffnen.
Nach einem viertelstündigen Spaziergang mit Aude am Ufer des Arno erreichen wir den sonnenbeschienenen Lungarno Corsini. Die Nummer 24r gehört dem Palazzo Gianfigliazzi Bonaparte aus dem 15. Jahrhundert. Mariotti betritt das Haus durch einen Seiteneingang, fährt die schweren Eisengitter vor den Fenstern hoch und schließt die Tür auf. 300 Quadratmeter Fläche, hier residiert Flair heute. Meterhohe Decken mit Stuck und Fresken, ein opulenter Marmorkamin und exotische Wandmalereien von Olimpia Benini – einen würdigeren Rahmen für ihre Kollektion hätten die Galeristen kaum finden können. Links des Eingangs ein schwerer italienischer Marmortisch mit auffällig grafischer Maserung, daneben ein Schrank aus den 1950ern, auf dessen perfekt erhaltenen Lacktüren Intarsien Darstellungen der Sternzeichen zeigen. Jeder der sechs Räume der Galerie wird von einer farblichen Klammer gehalten. Creme- und Brauntöne dominieren momentan. „Wir wechseln die Farbgestaltung mit den Saisons“, so Alessandra Tabacchi beim Rundgang. Wo finden sie all diese besonderen Stücke? „Wir sind auf Märkten und Messen unterwegs, die in Südfrankreich und in der Region um Paris stattfinden, meist auf dem Land. Es sind Märkte für Händler, als Privatperson bekommt man normalerweise keinen Zutritt. In Italien werden wir auch von Zwischenhändlern beliefert“, verrät die Galeristin.
Und dann wäre da noch ihre eigene Edition, die Möbel, die sie auf- und umarbeiten, die sie mal selbst kreieren, mal „nur“ neu beziehen, gerne auch mit Vintage-Stoffen. „Wir haben acht Handwerksbetriebe, mit denen wir eng zusammenarbeiten, darunter Metallverarbeiter, Polsterer, Restaurateure, Schreinereien, Glasereien. Oft sind es kleine Werkstätten, in denen nur zwei, drei Kunsthandwerker arbeiten“, erklärt Franco Mariotti. Florenz habe da einen klaren Standortvorteil – in Mailand wäre es deutlich schwieriger, solche Fachkräfte zu finden, fügt er hinzu. Rund fünfzig Stücke hat der Autodidakt für die sogenannte Flair Edition entworfen. Aus der Metallwerkstatt stammen beispielsweise der Messingleuchter mit sechs röhrenförmigen Lichtelementen und der metallene Patchwork-Tisch, die beide einen zentralen Platz in der Galerie einnehmen. „Es handelt sich um Einzelstücke oder kleine Editionen, zum Teil sind Vintage-Elemente integriert“, erklärt Mariotti die Limitierung. In diesem Frühjahr werden er und Alessandra Tabacchi die eigene Linie zum ersten Mal im Umfeld des Salone del Mobile zeigen. Außerdem plant das Paar in diesem Frühjahr eine Ausstellung, in der neben der eigenen Kollektion Werke des in Turin geborenen Malers Eduardo Samartino gezeigt werden, eines Zeitgenossen von Picasso, der in den 1930er Jahren als bedeutender Vertreter der Avantgarde galt. Samartinos Neffe wird ihnen dafür einen Teil des Nachlasses des Künstlers zur Verfügung stellen. Die ungestillte Neugierde und spürbare Passion des Paares ist der Nährboden für immer neue Ideen – und der Grund dafür, dass Flair seit Jahrzehnten ein Must-see in Florenz ist.
Konfekt,
Winter 2025