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Treasure hunters

Fashion / Food / Interior Design / Travel

Sissi Pohle und Pat Scherzer lieben es, alten Schätzen neues Leben einzuhauchen. Das Paar, das seine Leidenschaft für Vintage-Interior-Design in ein Geschäftsmodell gegossen hat, fand im Verwaltungsgebäude eines unterfränkischen Barockschlosses eine neue Heimat. Von hieraus konzipieren und kuratieren Pohle und Scherzer besondere Table Settings für Luxusmarken.

Konfekt traf sie auf einen Teller Manfredine mit Pesto in ihrem verwunschenen Garten.
„So hübsch!“, ruft Sissi Pohle und hält eine winzige viktorianisch anmutende Amphore empor, aus der mit Silberdraht gefertigte Blumen ranken. Das Stück war Teil einer Puppenhauseinrichtung, wie die anderen Miniaturen des Händlers, die ebenfalls aus Spielzeugabteilungen des 19. und 20. Jahrhunderts stammen. Pohle und ihr Partner Pat Scherzer sind heute Morgen aus Unterfranken angereist, um auf dem jährlich stattfindenden Antikmarkt in Mosbach auf Schatzsuche zu gehen. Was wie ein Wochenendvergnügen wirkt, ist Teil ihrer Arbeit als Table Setter und Antiquitätenhändler und führt sie regelmäßig auf Märkte im Süden Deutschlands und bis nach Norditalien. Die Amphore geht nach kurzer Verhandlung für 15 Euro in ihren Besitz über und wandert in den hohen Weidenkorb, der an Pohles Handgelenk baumelt. Das Paar schlendert weiter durch die kopfsteingepflasterten Gassen der Kleinstadt am Neckar, vorbei an schmucken Fachwerkhäusern, deren rotbraune Balken umrahmt von schneeweißem Putz in der Morgensonne leuchten. Pohle plaudert mit den Händlern, lacht immer wieder, während Scherzer seinen Blick über die Tische schweifen lässt. Bei Werkzeug-Michel, der sich auf Werkzeuge aus dem vorigen Jahrhundert spezialisiert hat, entdeckt Pohle eine Gartenschere, die nach einem charmanten Schlagabtausch mit dem pfälzisch sprechenden „Michel“ für 25 Euro in ihrem Korb verschwindet.

Sissi Pohle trägt einen schilfgrünen Herrenanzug von Armani, doppelreihig, kragenlos und mit weiter Hose, eine schwarze Pillbox und zwei silberne Miniaturtrompeten als Ohrringe. Scherzer hat eine an traditionelle indische Bandhgalas angelehnte Lamé-Jacke – auch sie von Armani – mit einer dunkelbraunen tulpenförmigen Hose kombiniert. Auf einem schattigen Platz neben der Kirche entdecken die beiden WMF-Eierbecher aus Edelstahl und alte Filzgamaschen aus dem Ersten Weltkrieg. „Wir sind auf keinen Stil und keine Epoche festgelegt. Unser Kompass ist einzig unser Geschmack“, sagt Pat Scherzer. Seit 2017 sind er und Pohle ein Paar, 2019 gründeten sie ihr eigenes Unternehmen: outofuseberlin. Was in ihren Berliner Jahren mit dem Verkauf von Vintage-Mode begann, wurde nach und nach um zusätzliche Geschäftsideen erweitert. Interior Design ergänzt nun die Kleidung, Pop-ups in Städten wie Paris oder Kopenhagen dienen als Plattformen, um Vintage-Mode und -Objekte zu präsentieren. Nicht nur das: „Es hat sich etabliert, dass wir Kooperationen mit Marken eingehen, beispielsweise mit Loewe oder Frama, die uns eine Fläche zur Verfügung stellen und deren Produkte wir dann in unser Sortiment integrieren“, erklärt Scherzer.

Seit zwei Jahren bietet das Paar Anfang Dreißig unter „tables and food“ nun auch Tisch-Settings an und auch hier arbeiten Pohle und Scherzer mit großen Luxusmarken zusammen. Wie kürzlich mit Dries Van Noten. „Viele unserer Kunden wünschen sich nicht nur eine Tischdekoration, sondern ein ganzheitliches Hosting. Das heißt: Wir suchen das Restaurant für die Events aus, kümmern uns um das Tisch-Setting, laden Gäste aus unserer Community ein – und sitzen am Ende selbst mit am Tisch“, erklärt Pohle zwei Wochen später, als Konfekt sie in ihrem Zuhause, dem ehemaligen Verwaltungsgebäude eines barocken Schlosses im Unterfränkischen besucht. „Wir haben uns in Berlin nicht mehr wohlgefühlt. Genau wie Luise, unser Dackel“, begründet Pohle den Umzug von der Hauptstadt in die Weinregion. „Pat ist in der Nähe aufgewachsen und durch Zufall erfuhren wir, dass dieses Haus hier frei wurde.“

Die Tür zum Garten steht offen, drinnen läuft ‚The Look‘ von Metronomy. Die untere Etage ist mit hellem Sisal ausgelegt. Rechts von der Tür befand sich früher der Tresorraum des Schlossverwalters, so erzählt es Pohle, heute lagern hier die Silberschätze der aktuellen Bewohner: Terrinen, Saucieren, Schüsseln, Schalen, Eis- und Eierbecher, Etageren, Tabletts, Eiskühler, Käseglocken, Warmhaltehauben, Kandelaber, Serviettenringe und Buttermesser. Einige der Stücke tragen Herrschaftsinsignien, alles ist fein säuberlich geordnet und in die Regale gestapelt. Der Fundus in der Silberkammer könnte einer Adelsdynastie entstammen. „Wir haben allein 400 verschiedene Eisbecher“, lacht Sissi Pohle, die erneut eine Herrenhose von Armani zu einem kragenlosen Hemd trägt. Über die frisch gewaschenen Haare hat sie eine gewachste Barbour-Kappe gezogen – draußen kündigt sich der Herbst an. Pohle steigt die Holztreppe hinauf in den ersten Stock, die Wohnetage des Paares. Scherzer, in heller Hose und Blouson, folgt ihr. Er hat die silberne Amphore vom Antikmarkt an einer kurzen Halskette befestigt und trägt sie als Anhänger. Über den schwarzen Stiefeletten: die neu erworbenen Filzgamaschen.

„Mit dem Umzug in dieses Haus aus dem 17. Jahrhundert hat sich auch unser Stil geändert“, erklärt Scherzer und bittet in den lang gestreckten Wohnraum. Im vorderen, durch eine Nische abgetrennten Teil steht ein ovaler schwarzer Ofen, die Wand dahinter und die Fensterlaibungen haben durch den Ruß Patina bekommen. Fragmente von Skulpturen, von marmornen Büsten und Füßen schmücken die Wand. „Als wir outofuseberlin aus der Taufe hoben, waren wir zunächst auf die 70er und 80er Jahre fokussiert. Inzwischen interessieren wir uns für ältere Dinge. Wir pendeln gerne zwischen Barock und Bäuerlichkeit, lieben aber auch die Renaissance“, sagt Pohle. Inspiriert von Orten wie dem Marchesi 1824 in Mailand, der Brasserie Lipp oder dem Benoît in Paris (Scherzer: „Ich habe dort meinen ersten Baba au Rhum gegessen. Das hat mein Leben verändert.“) ist eine Sammlung entstanden, dank derer sie für ihre Kunden aus dem Vollem schöpfen können. Wie jedoch bewirten sie ihre Freunde, wenn diese zu Besuch kommen? „Dann halten wir uns meist im Garten auf“, sagt Pohle und bindet sich eine blaue Schürze um, während Scherzer unten in der Outdoor-Küche hantiert und den Tisch deckt. Das rot-weiß gestreifte Tuch, das er über den Tisch unter dem Kirschbaum wirft, wurde aus einer früheren Markise gefertigt und stammt aus einer Villa in Italien. „Meine Mutter Hermine näht vieles für uns, meist aus Vintage-Stoffen“, sagt Scherzer und verteilt antike Bratwurstteller aus Zinn auf dem Tisch. Sie bekommen Gesellschaft von einem Sammelsurium unterschiedlicher Römer mit grünen Glasfüßen.

Oben in der Küche gibt Sissi Pohle eine große Portion Manfredine ins kochende Wasser. Weil die Nudeln aus steingemahlenem Hartweizengries geriffelte Ränder haben, nehmen sie Soßen besonders gut auf. „Wenn wir Gäste bewirten, gibt es bei uns entweder Pasta oder Risotto“, sagt die Gastgeberin über ihre Schulter hinweg. „Wir verbringen dann ungern viel Zeit in der Küche.“ Die Teigwaren stammen von der Fattoria La Vialla, einem biologisch-dynamischen Familienunternehmen in der Provinz Arezzo. „Von dort beziehen wir auch unseren Wein, Essig und Öl und eingelegte Antipasti.“ Pohle wendet sich dem Basilikum zu, das sie gerade eben im Hochbeet vor dem Haus geerntet hat. Mit dem Öl aus der Fattoria, Parmesan („habe ich immer im Haus“) Cashewkernen und Salzflocken bereitet sie im Mixer ein Pesto zu. „Wir lieben auch Brotzeiten“, sagt Pohle und vermengt das Pesto mit den Nudeln. Dann fügt sie eingelegte Artischockenherzen hinzu. „Unser Brot und Gemüse kommt von Bauern aus der Umgebung. Manchmal kaufe ich dazu auch Steckerlfisch auf einem der Kirchweihfeste hier im Umkreis. Das ist eine lokale Spezialität: Forellen oder Makrelen, die auf einem Holzspieß gegrillt werden und bei unseren Freunden besonders beliebt sind.“

Inzwischen ist der Tisch im Garten vorbereitet. „Im Sommer sitzen wir vor dem Haus, im Schatten des großen Walnussbaums, im Herbst und Frühjahr unter dem Kirschbaum auf der sonnigeren Seite“, erklärt Pat Scherzer und füllt Wasser in eine Karaffe. Die Glocken der benachbarten Kirche läuten 14 Uhr, als seine Partnerin mit dem großen Teller Pasta herunterkommt. Sie hat noch Ochsenherztomaten aufgeschnitten und die Pasta damit dekoriert. Nach dem Essen rücken Pohle und Scherzer einen kleinen Bistrotisch in die Sonne vor die Mauern des wenige Schritte entfernten Schlosses, um hier den Kaffee zu genießen. Ihre nächste Reise wird sie nach Kopenhagen führen, zur Anbahnung neuer Kooperationen. Im Anschluss geht es weiter nach Tisvilde, ans Meer. Urlaub, ganz idyllisch auf dem Land – also fast wie zu Hause.

Konfekt,
Herbst 2025