Großartige Barockarchitektur, erstklassige Museen und Kunstschätze, die weltweit ihresgleichen suchen: Dresden ist nicht umsonst als Elbflorenz bekannt. Schlagzeilen machte 2019 das Grüne Gewölbe, Schauplatz eines spektakulären Juwelenraubs. Kürzlich konnte ein großer Teil der historischen Schmuckstücke an ihren angestammten Museumsplatz zurückkehren, und auch sonst hat sich in Dresden in den letzten Jahren einiges getan. Vor allem in der Neustadt, dem größten zusammenhängenden Gründerzeitviertel Deutschlands. Hier poppen kleine Kunst-Bars neben veganen Fleischereien auf. Dazu kommen im Umland die weiten grünen Elbauen, die nördlich von Dresden gelegenen Weingüter der Oberlößnitz sowie Dutzende von Schlössern und Burgen, die sich über ganz Sachsen verteilen und eindrücklich von der machtvollen Vergangenheit des alten Preußens zeugen.
Pfunds Molkerei
Wie konserviert man Milch? Die Brüder Paul Gustav Leander und Friedrich Pfund fanden ihre eigenen Antworten. Der Erfolg, den das Dresdener Molkereiunternehmen mit pasteurisierter und kondensierter Milch rund um die Jahrhundertwende erzielte, manifestiert sich in Pfunds Molkerei auf der Bautzener Straße in der Neustadt. In Zusammenarbeit mit der damals ebenfalls in Dresden ansässigen Keramikmanufaktur Villeroy & Boch und Künstlern der Kunstakademie entwickelten die Brüder ein Fliesendekor, das Bände spricht: Im Verkaufsraum, in dessen Theke sich einheimische und internationale Käsespezialitäten stapeln, weisen die Motive der handbemalten Fliesen auf den Aufstieg des prosperierenden Unternehmens hin. Inspiriert von Gottfried Semper, dem Erbauer der Staatsoper Dresden, tummeln sich nicht nur Hasen und Eichhörnchen auf den Wänden, es gibt auch personifizierte Symbole der Länder und Kontinente, in die das Milchimperium exportierte. Dazu Putten mit Milchdosen, ein Engel, der sich auf eine Milchflasche stützt, und Sinnsprüche über die gesundheitsfördernde Wirkung der Milch. Die Theke wird flankiert von einem Milchbrunnen, der früher direkt aus einem Tank im Keller gespeist war. Heute trinkt die internationale Kundschaft frische Milch und Buttermilch aus dem Kühlschrank – zu 1 Euro das Glas. Besonders gern gekauft wird der „Sächsische Berchgäse“ aus der Hofmolkerei Bennewitz.
Juri Bar
Eigentlich hat Julia Reiche in Aachen Bauingenieurwesen studiert, aber immer wieder zog es sie in die Gastronomie. „Ich liebe es einfach, die Menschen dann zu treffen, wenn sie Freizeit haben, und ihnen einen schönen Abend zu bescheren“, sagt Reiche. Sie hegte den Wunsch, eine eigene Bar zu eröffnen, und ergrifft die Chance, die sich bot: Während der Pandemie stieß Julia in einer beliebten Gegend der Dresdner Neustadt auf ein leerstehendes Ladenlokal und machte Nägeln mit Köpfen. Sie mietete das Lokal, strich die Wände saphirblau und eierschalengelb und ergatterte den Tresen der legendären Sidedoor Bar, die zu jenem Zeitpunkt ihre Tore schloss. Im Dezember 2022 eröffnete die Juri Bar mit einer Ausstellung von 40 Künstlern, kuratiert vom Maler Wolfram Neumann. Seither brummt der Laden. Grund dafür ist nicht nur die entspannte Atmosphäre, sondern auch Julia Reiches Karte. „Ich habe viele Klassiker im Programm, biete sie aber gern mit einem Twist an“, erklärt die Gastronomin. So mixt sie beispielsweise ihren Old Cuban nicht mit herkömmlichem Rum, sondern mit Plantation Pineapple, einem Rum, der aus Zuckerrohr und Ananas gewonnen wird. „Es ist nur ein einziges Aroma, aber es macht den Unterschied“, sagt Reiche. Einige ihrer Drinks kommen auch ohne Alkohol aus. „Junge Mütter treffen sich hier auf ein, zwei Mocktails – und müssen nicht das Gefühl haben, sich etwas zu entsagen.“ Alle drei Monate wechselt die Kunst an den Wänden, die auch direkt vor Ort gekauft werden kann.
La Boutique
La Boutique ist die High-Fashion-Ergänzung des bekannten Dresdner Modegeschäfts Silbermann, der gerade nach einem Umzug in die Galeriestraße eine rauschende Wiedereröffnung feierte. Die Geschichte der Inhaberfamilie liest sich beeindruckend: Über sechs Generationen reichen die Wurzeln des Unternehmens zurück, Inhaberin ist heute Christine Posch. Der Ururgroßvater ihrer Mutter Monika Posch-Silbermann war Carl Ernst Mey, der 1870 zum königlich-sächsischen Hoflieferanten für Mode ernannt wurde. Mey hob nicht nur das Traditionshaus Mey & Edlich in Leipzig aus der Taufe, er war auch Begründer des Versandhandels in Deutschland. Trotz der jahrhundertealten Tradition ist La Boutique am Puls der Zeit, dafür sorgt Christine Posch, die ihr Sortiment mit sicherem Geschmack aus den Kollektionen von Jil Sander, Fendi, Zimmermann, Martin Margiela, Yves Salomon, Max Mara, Patou und Givenchy zusammenstellt. Im Hauptgeschäft Silbermann, nur fünf Gehminuten entfernt, das Posch mit ihrem Vater Georg führt, wartet eine große Auswahl deutscher und italienischer Marken und eine eigene Schneiderei, die den Kunden die Teile auf Wunsch auf den Leib schneidert.
Die Blumenbinderei
„Ich bin in dieser Gegend großgeworden“, erklärt Juliane Müller, Inhaberin der Blumenbinderei, die Lage ihres Geschäfts an der Rudolf-Renner-Straße. „Als ich 2005 anfing, riet man mir ab. Keines der Häuser in der Gegend war renoviert, es war schwer vorstellbar, dass das Viertel einmal so aufblühen würde.“ Doch Müller ließ sich nicht beirren und nahm sich der 120 Quadratmeter Ladenfläche des Eckhauses an, um hier fortan ihrer floristischen Leidenschaft nachzugehen. Inzwischen hat sie ein winziges, sehr gemütliches Café hinzugefügt, in dem sie Kaffee von der Rösterei Phoenix auf der Bautzener Straße und Tee von einer kleinen Thüringer Kräutermanufaktur kredenzt. Dazu können die Kunden die erlesenen Erfurter Schokoladen von Goldhelm kosten. Die Hälfte ihres Umsatzes macht Müller mit Hochzeiten, den Rest erwirtschaftet sie mit dem Tagesgeschäft und mit den „Offenen Werkabenden“: Diese Workshops zu unterschiedlichen handwerklichen Techniken wie Linolschnitt oder Papierschöpfen veranstaltet Julia regelmäßig.
Uta Stabler
Uta Stabler schminkt sie alle: Politiker des Sächsischen Landtags und Schauspieler wie Christian Friedel, aber auch Models und Normalsterbliche. Seit 2008 arbeitet die Dresdnerin als Haare- und Make-up-Artistin, die Pandemie bescherte ihr jedoch ein zweites Standbein. Ein leerstehendes Ladenlokal an dem belebten Bischofsweg in der Neustadt, vis-à-vis des Alaun-Parks gelegen, fesselte ihre Aufmerksamkeit. Stabler mietete es an und verwandelte es gemeinsam mit ihrem Mann, dem Künstler Stefan Krauth, in ein minimalistisches Kosmetikstudio. Den hohen Eichen-Schminktisch baute ihr Schwiegervater nach ihren Vorstellungen mit dem Holz aus seinem eigenen Garten. Die restlichen Eichenmöbel und Messinglampen kaufte sie bei Maisons du Monde. Heute teilt die zweifache Mutter ihre Zeit zwischen den Bookings für Modeshoots, politische Veranstaltungen, Events und Kosmetikbehandlungen im eigenen Studio. Ihre Spezialität sind Gesichts- und Nackenmassagen. „Ich war früher Leistungssportlerin, kenne mich mit der Muskulatur des Körpers aus“, erklärt Uta Stabler. Besonders angenehm sind die Anwendungen auf ihrer Behandlungsliege, die ein integriertes Soundsystem hat. „Die Liege überträgt die Vibration der Musik auf den Körper. Das hat einen erstaunlichen Effekt auf den Lymphfluss.“ Für die Behandlungen benutzt sie ausschließlich Produkte des Augsburger Unternehmens Dr. Grandel, bei der dekorativen Kosmetik schwört sie auf Chanel.
Villandry
„Wir lieben Sternanis und Ingwer“, sagt Ole Becker, der gemeinsam mit Elias Zieglmeier im Villandry kocht. „Und Cayennepfeffer!“ ergänzt Zieglmeier. Ihre französisch-italienisch inspirierten Speisen, die auch spanische und südostasiatische Einschläge aufweisen, sind durchweg sehr umami – und leben von ungewöhnlichen Geschmackskompositionen. So kommt beispielsweise die Taubenbrust auf Kartoffelpüree, eine sehr beliebte Vorspeise im Villandry, mit Honig, Miso, Johannisbeeren und Chili. Der Hokkaidokürbis, eine vegane Hauptspeise, wird mit Teriyaki, Austernpilzen, Cranberrys, Frühlingslauch und Sesam serviert. Viele Produkte stammen vom Slowfood-Unternehmen Rainkost in Görlitz, das Obst und Gemüse kommt vom Obsthof Klunker, die Kartoffeln sind vom Biohof Wjesela. Seit 2021 betreiben die erfahrenen Gastronomen Frank Grahl und Dirk Vogel das Villandry und haben dem Restaurant, das bereits eine jahrzehntealte Geschichte mitbringt, ein neues Gesicht verpasst. Auf nachtblauen Wänden kommen die Arbeiten der im Wechsel ausgestellten Künstler schön zur Geltung. Besonders gemütlich sitzt es sich auf der Bank mit dem hellgrau melierten Polsterteppich aus reiner Wolle, der von Frauen aus dem Siebengebirge handgeknüpft wurde.
Villa Sorgenfrei
In Radebeul, knapp 15 Autominuten westlich von Dresdens Zentrum gelegen, ist die Welt in Ordnung. Herrschaftliche Villen hinter frisch gestrichenen Zäunen mit perfekt gepflegten Gärten säumen die Straßen der Stadt, die obwohl schon zum Landkreis Meißen zählend, durch eine Straßenbahn mit Dresden verbunden ist. Inmitten dieses Idylls befindet sich die Villa Sorgenfrei, in der man sich in 14 Zimmern und zwei Suiten nicht nur hervorragend zur Nachtruhe betten, sondern in der man auch vorzüglich essen kann. Das kleine, zum Hotel gehörende Restaurant Atelier Sanssouci von Chef Marcus Langer hat einen Michelin-Stern und nicht wenige der Gäste kommen als Genusstouristen in die Villa aus dem 18. Jahrhundert, um sich dem schönen Leben hinzugeben. Die französisch inspirierten Speisen werden in der ehemaligen Orangerie des einst als Weingut und Sommerresidenz dienenden Gebäudes serviert. Die Gäste wählen aus einem Menü zwischen fünf und zehn Gänge aus. Die passenden Weine kommen von Martin Schwarz oder direkt vom Nachbarn Frédéric Fourré, einem französischen Winzer, der in Radebeul sehr erfolgreich eine Scheurebe anbaut.
Opéra
Zwei Gebäude errichtete der berühmte Architekt Karl Friedrich Schinkel in Dresden. Eines davon ist die Altstädtische Hauptwache vis-à-vis der Semperoper. Einen idealeren Ort hätten Benjamin Biedlingmaier und Stephan Herz in Dresden wohl schwerlich finden können, spült ihnen die Lage doch abwechselnd Touristen, Kunstpublikum der umliegenden Museen und Opernbesucher ins Lokal. 2023 eröffneten die beiden Gastronomen das Opéra nach einem umfassenden Innenausbau. Die Wände des schlicht-eleganten Restaurants sind mit Travertin verkleidet, die Stühle und Bänke mit feinstem italienischen Leder gepolstert. Biedlingmaier war zuvor Küchenchef des Bülow Palais, Herz arbeitet jahrelang bei Charles Schumann in München, bevor er sich in Dresden mit der Herzbar, einer klassischen amerikanisch inspirierten Cocktailbar, selbstständig machte. Die Philosophie der Speisen, die aus der halboffenen Opéra-Küche kommen, beschreibt der Chef als Casual Soul Food. Sonntag ist Schnitzeltag, dann wird passend zum rustikalen Essen ein Kartoffelsalat serviert, der bereits als der beste Kartoffelsalat Sachsens gefeiert wird.
Konfekt,
Winter 2024