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Mit Leib und Seele

Interior Design / Travel

In Villanders, einem Dorf in Südtirol, hat Tom Erlacher ein Gehöft aus dem 11. Jahrhundert in ein rustikales Hide-away verwandelt. Gemeinsam mit Sommelière Claudia Rier und dem Bergführer Matthias Hofer hat der Weltenbummler eine eigene Utopie von Gastfreundschaft entwickelt.

Zügig lenkt Tom Erlacher den dunklen Mercedes-Kombi die gewundene Straße zur Villanderer Alm hinauf. Er ist in Villanders und Gröden, zwei sich gegenüberliegenden Ortschaften des Eisacktals, aufgewachsen, kennt hier jeden Stock und jeden Stein – und auch jede Kurve. Auf dem Parkplatz angelangt steigen wir um auf eine dreisitzige Schneekatze und die rasante Fahrt setzt sich auf einer präparierten Piste fort. Verschneite Zirbeln fliegen vorbei, über uns spannt sich der Sternenhimmel. Unser Ziel ist die Rinderplatzhütte, ein Gasthaus und Refugium auf der Alm. Dort angekommen wartet schon ein dampfender Topf mit Rote-Beete-Risotto auf uns.
„Felder Alpin ist aus meiner eigenen Leidenschaft heraus entstanden“, sagt Erlacher, als die junge Wirtin nach dem Hauptgericht zwei Pfannen mit Kaiserschmarren, einer Südtiroler Eierspeise, auf den Tisch stellt und dazu Blaubeereis, Apfelmus und Vanillesoße serviert. „Mit Matthias, meinem besten Freund seit Kindertagen, bereise ich immer wieder Orte, die nicht leicht zu erschließen sind: zum Beispiel den Jemen, Jordanien, den Iran oder Tadschikistan. Dort bist du darauf angewiesen, jemanden zu kennen, der dir Tipps gibt und Transfers organisiert, der dir hilft, dich in der Umgebung zurechtzufinden, und der dir die besten Plätze zeigt.“ Erlacher, der im Hauptberuf in Barbian, einem Dorf der Provinz Bozen, ein Unternehmen für Innenausbau führt, piekst mit der Gabel in ein Stück Schmarren. „Eine ähnliche Erfahrung wollte ich unseren Gästen bieten. Wenn auch unter etwas luxuriöseren Vorzeichen.“

Luxus im Felder Alpin bedeutet: ein uriges Haus mit allen modernen Annehmlichkeiten und dazu jeder erdenkliche Support, um die Zeit an dem alpinen Rückzugsort maximal zu genießen. Nicht nur Bergführer Matthias Hofer leistet hierzu seinen auf die Gäste individuell zugeschnittenen Beitrag. Claudia Rier, Tourismus-Expertin und ausgebildete Sommelière, unterstützt ihn und Erlacher seit 2022. „Die Gäste können sich entscheiden. Möchten sie unter sich bleiben und sich selbst verpflegen, oder möchten sie Südtirol durch unsere Augen kennenlernen“, erklärt diese. „Letzteres schließt beispielsweise eine private Köchin mit ein, die das Frühstück und das Abendessen zubereitet. Wir organisieren dann aber auch jeden Transport, alle Ausflüge und Aktivitäten. Sei es die Skitour auf der Villanderer Alm, eine privat geführte Wander- oder Klettertour mit Matthias in die Dolomiten oder ein Besuch bei einem Weinbauern zu einer typischen Törggelen, dem lokalen Vesper mit Traubenmost, jungem Wein, gerösteten Kastanien, Speck und Kaminwurzen, den hiesigen kaltgeräucherten Würsten“, fährt Rier fort, die selbst begeisterte Ski- und Radsportlerin ist. „Und tatsächlich – die allermeisten Gäste wünschen sich genau das von uns.“ Nach dem Essen steigen wir wieder auf die Schneekatze und in Erlachers Kombi und fahren durch die dunkle Nacht zum Chalet.

Am nächsten Morgen, als die Sonne die zerklüfteten Schneegipfel der Dolomiten jenseits des Tals zum Glitzern bringt, zeigt sich das Panorama in seiner ganzen Schönheit. Kilometerweit schweift der Blick ins Eisacktal, vom dem aus sich die Straße in Dutzenden Steilkehren zum Hof hinaufwindet. Zwischen Rebhängen lose hingewürfelt: die Höfe des Dorfes Villandro. Das Felder Alpin ist ein ehemaliger Paarhof aus dem 11. Jahrhundert, dessen Wohn- und Wirtschaftsgebäude Seite an Seite stehen. Aus der Scheune, die im Winter auch als Stall für eine Handvoll Ziegen und Schafe dient, dringt vor dem Frühstück gedämpftes Meckern und Blöken. Vor dem Stall plätschert aus einem Rohr frisches Wasser in einen Holztrog, dahinter fließt ein murmelnder Bach gen Tal. Das denkmalgeschützte dreistöckige Wohnhaus schmiegt an den Hang, eine mit großen Gneisbrocken gepflasterte Stiege zwischen den Gebäuden führt zum Eingang.

Tom Erlacher wohnte zehn Jahre selbst in dem Haupthaus, bevor ihn Pavol Mikolajcak, ein befreundeter Architekt, einen privaten Anbau entwarf, der sich – von der Vorderseite nicht sichtbar – an das Gehöft anschließt. „Als ich mich während der Pandemie an den Umbau des alten Hauses machte, schwebte mir zunächst eine sehr einfache Unterkunft für Gäste und Freunde vor“, erklärt Erlacher am Frühstückstisch bei Schüttelbrot, Ziegenkäse und Bergkräutertee. Die sogenannte Stube, in der wir an einer traditionellen Eckbank zusammensitzen, ist nahezu im Originalzustand. „Das Holz der Böden und Decke hier ist Jahrhunderte alt und immer noch in einwandfreiem Zustand. Warum sollte ich hier etwas verändern?“ Auch habe er die Struktur des Hauses erhalten wollen. „Die Proportionen sind einfach perfekt“, sagt Erlacher und nippt an seinem Tee.

Dennoch packte ihn die Lust, den Hof innenarchitektonisch behutsam auf ein anderes Level zu heben. Berufskrankheit: Mit seinem Unternehmen baut er im Auftrag seiner Kunden internationale Luxushotels aus. Spuren seines Schaffens finden sich unter anderem im Mandarin Oriental in Paris und im Rosewood in München. Zugang zu erlesenen Materialien hat Erlacher, der Holzeinbauten auf höchstem Niveau realisiert, also von Berufs wegen und während der Coronajahre fand er auch die Muße, ein eigenes Projekt zur Vollendung zu bringen.

Dass im Felder Alpin die historische Substanz mit moderner Technik verschmilzt, offenbart ein Blick in den Nachbarraum: Mit ihrem Gaskoch- und Gasgrillfeld, einem Holzofen und einer Teppanyaki-Grillplatte lässt die kobaltblaue Einbauküche von DeManincor keine Wünsche offen. Elena Vian, die junge Köchin, ist kürzlich nach Jahren im Ausland in die Region zurückgekehrt. Eben hat sie damit begonnen, eine Linsensuppe und selbstgemachte Gnocchi mit Pesto vorzubereiten. Am Nachmittag wird es eine Linzer Torte geben und für den darauffolgenden Morgen ist ein Apfelstrudel nach einem Rezept ihrer Großmutter vorgesehen.

Wir steigen gemeinsam mit Erlacher und Rier die Holztreppe hinauf, die ins Obergeschoss führt. Hier sind zwei großzügige Schlafzimmer entstanden mit bis in den Giebel reichenden Fenstern und Holzpanelwänden aus geräucherter Eiche, ein elegantes Bad mit Fliesen aus der Collezione Flauti für Ceramica Vogue und eine orientalische Kissenlandschaft. „Die Stoffe habe ich aus Marokko und der Türkei mitgebracht und damit hier die Rosshaarsitzkissen beziehen lassen“, sagt Erlacher. Im giebelhohen Regal über dem einladenden Matratzenlager erzählen Souvenirs von seinen Reisen, die ihn meist gen Osten, in den Orient oder nach Fernost geführt haben: eine Buddha-Statue aus Indonesien, eine Schaffellmütze aus Georgien und ein handgewebter Teppich aus dem Jemen. Wir streifen die Schuhe ab, rutschen auf die Kissen und blicken durch die lukenartigen Dachfenster auf die schneebedeckte Langkofelgruppe.

„Ich hatte das Haus schon seit meiner Jugend im Auge. Zuletzt war der Hof die Sommerfrische der Witwe eines Beamten der italienischen Staatspolizei. Ich habe mich einmal länger mit ihr unterhalten, als ich zufällig mit dem Mountainbike dort vorbeigekommen bin – damals muss ich etwa 19 gewesen sein. Etwa vier Jahre später rief sie mich an und fragte, ob ich den Hof kaufen wolle. Ich müsse mich jedoch am gleichen Tag entscheiden. Mit Anfang zwanzig und ohne größere Rücklagen war mir der Preis, den sie nannte, zu hoch. Daher wurde nichts daraus. Auf den Tag genau ein Jahr später rief sie mich wieder an und auch da sollte ich innerhalb weniger Minuten zusagen. Dieses Mal schlug ich ein, obwohl die Finanzierung noch nicht stand“, erinnert sich Tom Erlacher mit einem Schmunzeln. „Ich denke, die alte Dame war etwas abergläubisch.“ Dass das Unternehmen, das er später einmal von den Eltern übernehmen sollte, sich bestens entwickeln würde, konnte er damals nicht ahnen.

Aber Erlacher ist kein Typ, der das Risiko scheut. Heute warten in der im Berg versteckten Garage des Felder Alpin ein Land Rover und ein Pinzgauer, ein altes Schweizer Militärfahrzeug, und so können stets bis zu zehn seiner Gäste auch in schwer zugängliche Gegenden gelangen. Daneben parken eine rote Vintage-Moto-Guzzi, mehrere Vespas und ein halbes Dutzend E-Bikes. Mobil ist man hier also allemal. Doch nicht nur abenteuerlustige Gemüter finden im Felder Alpin ihr Glück. Nach einem Tag in der Natur wird die Sauna im unteren Stockwerk angeheizt, zum Abkühlen lockt ein Tauchbecken mit Dolomitenblick.

Als die Köchin Elena Vian am Abend neben der Linsensuppe und den Gnocchi noch eine geräucherte Forelle mit roter Beete und Himbeeren auf den Tisch bringt, die sie von einem Fischer aus der Umgebung bezogen hat, genießt die Runde in Ehrfurcht und man hört man nur noch das leise Klappern des Bestecks. Es scheint, als gebe es für diesen Moment keinen besseren Ort auf der Welt. Oder doch? Erlacher hat noch eine Überraschung parat: Er bittet uns in die Küche und öffnet eine Falltür im Boden. Darunter ein mit rot-weißen Wanderzeichen markierter Fels, aus dem ein Kletterbügel ragt. Etwa drei Meter geht es hinunter. Gemeinsam mit Freunden hat Erlacher dem harten Gneis, auf dem das Gehöft steht, diesen Ort in mehrtägiger Schwerstarbeit abgerungen.

Wir steigen vorsichtig hinab. Unten angelangt führt ein schmaler Durchschlupf in einen winzigen Raum, in dem mit Mühe eine hölzerne Eckbank und ein quadratischer Tisch Platz finden. „Das ist wahrscheinlich der geheimste Ort in Südtirol, um einen Enzian zu trinken“, sagt der Gastgeber und füllt unsere Gläser mit der ikonischen Spirituose. „Wenn wir Glück haben, greift er nachher in der Stube noch nach seiner Ziehharmonika“, flüstert Rier, die uns in den Keller gefolgt ist. Das wäre zu schön. Näher kann man der Seele von Südtirol wohl nicht kommen.

Konfekt,
Winter 2024