Ihr Freidenkertum hat Alice Moireau von ihren Eltern geerbt. Im Herbst 2021 kündigte die Französin ihren Job beim renommierten Le Fooding, um sich fortan eigenen Projekten zu widmen. Moireaus Mutter war Malerin und erschuf vor allem große Stillleben. Zudem gestaltete sie als Textildesignerin Geschirr und Tischwäsche, darunter ein Dutzend Steingut-Kollektionen für den renommierten Porzellanhersteller Gien. Bei ihrem Vater, einem Aquarellmaler, der Reisebücher illustrierte, schaute sich Moireau das Kochen ab. „Als Kind wollte ich unbedingt ein Restaurant eröffnen. Ich war sechs, als ich bei meinem Vater am Herd stand, um jeden seiner Handgriffe zu beobachten. Bald begann ich, alles zu dokumentieren.“ Mit 13 unternahm Alice Moireau dann die ersten kulinarischen Gehversuche: „Jeden Sonntag bereitete ich bei uns zu Hause eine Nachspeise zu. Ich habe über Monate nur Macarons gebacken, dann wieder monatelang Tarte aux Fraises, Pfannkuchen oder Marmorkuchen. Jede Woche variierte ich das Rezept ein bisschen, schrieb die Änderungen auf, bis ich es als perfekt empfand.“
Heute lebt Moireau die meiste Zeit des Jahres im Haus ihrer Kindheit im ländlichen Olivet, eine Autostunde südwestlich von Paris. Das frühere Küchenhaus eines Ausflugslokals aus den 1920er Jahren hatten ihre Eltern 1996 erworben und anschließend umgebaut. In der offenen Küche im Erdgeschoss herrscht das ganze Jahr über ein angenehmes Klima, im Sommer ist der Wohnraum kühl durch die unmittelbare Nähe des Flusses, im Winter wohlig warm durch den Kamin. Hier kann man seinen Koch-Tätigkeiten nachgehen und dennoch mit den anderen Familienmitgliedern kommunizieren. „Kommunikation ist für mich essenziell. Alle meine Studien kreisen um Essen und Kommunikation“, sagt Alice Moireau. „Ich reise viel, am liebsten in den Nahen Osten, in den Libanon, die Türkei und Tunesien, und spreche dort Leute an, lasse mir Rezepte verraten und lokale Zutaten erklären. Diese Inspiration und die Rezepte meines Vaters vermischen sich in meiner Küche.“
Die schönste Zeit des Tages in ihrem Landhaus sind der Morgen und die Abendstunden, findet Alice Moireau. Morgens kann man auch im Herbst noch in der Sonne auf der Terrasse frühstücken, am Abend verwandelt sie sich in einen anheimelnden Ort mit Blick auf die träge dahinfließende Loiret. Die Zutaten für ihre Gerichte kauft Moireau zumeist am Freitagnachmittag, dann ist Markt in Olivet. Zwei Träume hat sie: Sie möchte Menschen unterschiedlicher Herkunft und Disziplinen durch gemeinsames Kochen und Essen zusammenbringen. Und sie möchte das Schweizer Chalet von 1862 renovieren, das 1889 auf der Weltausstellung in Paris zu sehen war, von einem reichen Mann gekauft und in Olivet wieder aufgebaut wurde. Die frühere Hermès-Designerin Claude Brouet hatte eine Postkarte des Chalets auf dem Flohmarkt gefunden und den Moirets zum Spaß mit der Bemerkung zugeschickt, was es Schönes in und um Olivet zu entdecken gäbe. Alice’s Mutter fand heraus, dass das alte Gebäude zum Kauf stand und erwarb es kurzerhand, nun gehört es Moireau und ihrem jüngeren Bruder Emile.
Ein dritter Traum ist schon in Erfüllung gegangen: Im vergangenen Frühjahr hat Alice Moireau ihr erstes Kochbuch veröffentlicht: ‚Au Pays D’Alice‘ heißt es und in ihm stellt sie ihre einfache und rustikale Landküche vor. Ihre Ausbildung – ein Masterstudium Medien, Kommunikation und Kreativwirtschaft an der Sciences Po, zwei Jahre an der École Estienne, wo sie Design und Kommunikationsstrategien studierte, und zu guter Letzt vier Semester Business und Management an der renommierten Kaderschmiede IUT de Paris – führte sie immer wieder zum Thema Essen. „Ich lernte, wie man ein Restaurant führt, wie man es gestaltet, beschäftigte mich mit Ethnologie und Soziologie – immer landete ich beim Thema Essen. Beim Culinary Report schließlich, wo ich für Events zuständig war, ließ sich alles verbinden. Doch die geregelten Arbeitszeiten und der Tag im Büro raubten mir meine Kreativität. Ich fühlte mich zu stark eingebunden und zu weit weg von der Natur.“
Jetzt hat die Natur sie wieder, und Alice Moireau schmiedet neue Pläne. Gemeinsam mit Caroline Perdrix, einer Designerin aus Marseille, hat sie gerade eine Heimtextilkollektion entworfen. ‚Table‘ heißt die Linie schlicht. Den Anfang machten in Ghana von einer Frauenkooperative geflochtene Sets aus Elefantenstroh und in den Vogesen gewebte Schürzen und Servietten. À table, s’il vous plaît.
Konfekt,
Herbst 2022