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Feathering the best

Art & Culture / Fashion

Janaïna Milheiro führt die traditionsreiche französische Federkunst in die Zukunft. Sie experimentiert mit den unterschiedlichsten Textiltechniken, um für ihre internationalen Luxuskunden filigrane zwei- und dreidimensionale Werke zu erschaffen.

Es war ein kleiner Umweg, auf dem Janaïna Milheiro zu ihrer jetzigen Berufung fand. „Ursprünglich hatte ich den Wunsch, so zauberhafte Kleider zu entwerfen, wie ich sie in meinen Lieblingsfilmen sah. Ich begann, Modedesign zu studieren, bis mir bewusst wurde, dass das nicht mein Weg war. Bei einem Tag der offenen Tür an der Duperré Schule für angewandten Künste verliebte ich mich Hals über Kopf in die Stickerei – und wechselte vom Mode- zum Textildesign.“

Inzwischen liegen ihr Studium an der Pariser ENSCI-Designschule und ein nachfolgender zweijähriger Kurs an der École Duperré elf Jahre zurück und Janaïna Milheiro betreibt ein eigenes Studio für Federkunst in einer  umgebauten ehemaligen Polizeistation im Pariser Marais. In den lichten, hohen Räumen an der Rue Saint-Gilles im 3. Arrondissement, die sie vor zehn Monaten mit ihrer Mutter und ihren beiden Angestellten bezogen hat,  herrscht kontemplative Ruhe. Maïlys Charpentier, 26, arbeitet an einer Weste für ein Haute-Couture-Event. Um senkrecht in einen festen Schaumstoff fixierte Stecknadeln spannt sie ein Netz aus einer schmalen schwarzen  Borte. Dort, wo sich zwei der Bänder kreuzen, werden sie mit winzigen Klick-Perlen verbunden. Der Musterbogen unter der Hilfskonstruktion, die die Nadeln bilden, verrät ihr, wie sie in den nächsten rund zehn Tagen die mit einem Loch im Kiel versehenen Federn zu Rauten schneiden und an die Borte sticken soll. Der Prototyp, ein Bolero, der ein grafisches Federmuster zeigt, liegt vor ihr auf dem Tisch.

Janaïnas Mutter Ana, die seit sieben Jahren im Unternehmen mitarbeitet, behandelt unterdessen große, kobaltblaue Straußenfedern über einem offenen, sprudelnden Wasserkocher mit Dampf, um ihre Federäste in Reih und Glied zu bringen. „Sie sind ungezogen, haben ihren eignen Willen“, lacht sie und glättet die leicht angefeuchteten Federn zusätzlich mit einem schmalen Naturborstenpinsel.

„Wir finden bei der Arbeit mit den Federn immer neue Methoden und Techniken, das Experimentieren ist unser Markenzeichen geworden.“ Janaïna Milheiro trägt eine hochgeschnittene Jeans mit breitem Ledergürtel und  einen eng anliegenden caramelfarbenen Kaschmirpullover. Auf ihrem Arbeitstisch liegen Muster verschiedener Federarbeiten, an den Wänden zeigt ein Patchwork von Bildern, welch atemberaubende Kreationen die gebürtige Brasilianerin, die in Rio geboren und in Paris aufgewachsen ist, bereits verwirklicht hat. „Zur Arbeit mit den Federn bin ich während eines Praktikums in Brasilien gekommen. Mein Tutor nahm mich in ein Geschäft mit, in dem Federn für Karnevalskostüme verkauft wurden. Ich erwarb dort einige schöne Exemplare und nahm sie mit nach Frankreich“, kehrt Milheiro gedanklich zu ihren Anfängen zurück. Auch ihre Wahlheimat Paris hat eine lange Tradition der Federkunst. „Bis 1976 die Washingtoner Konvention in Kraft trat, die die Verarbeitung exotischer Federn verbot, gab es hunderte Ateliers. Dort wurden die ausgefallensten Hutkreationen für die Pariser Damenwelt angefertigt.“

Milheiro setzt heute ausschließlich Federn von Gänsen und Straußen ein, die bei der Lebensmittelproduktion anfallen und die sie bereits gefärbt von ihrem Händler bezieht. Die Federn, die sie als Studentin aus Brasilien mitbrachte, verarbeitete sie für ihre Abschlussarbeit. „Ich hatte die Idee, aus Federn gleichzeitig eine Struktur und eine Oberfläche zu entwickeln. So verspann ich die Daunen zu einem Garn, und webte die Federn in einen Seidenstoff ein“, erklärt Milheiro und fährt mit dem Finger sachte über die weiche Oberfläche des Musterstücks, das sie aus ihrem Archivschrank hervorzaubert. Noch heute ist das schachbrettgemusterte Werkstück von damals in ihrer Kollektion. Die US-Designerin Proenza Schouler begeisterte sich für das Material und setzte es in sechs Teilen ihrer Kollektion ein, wie ein auf dem Laufsteg aufgenommenes Bild über dem Werktisch beweist.

Besuche von Designern der großen Modehäuser sind keine Seltenheit bei Janaïna Milheiro, seit sie 2011 nach ihrem Abschluss von der städtischen Einrichtung Les Ateliers de Paris eine Förderung und einen Arbeitsraum gestellt bekam und an der Pariser Stoffmesse Première Vision teilnehmen konnte. „Das war der Kick-off. Alles geschah innerhalb weniger Monate. Ich verwandelte mich von einer Absolventin in eine Unternehmerin“, erzählt Milheiro. Sie hat sich nun zu Maïlys gesetzt und schneidet mit ruhiger Hand Federn in Form. An den hohen weißen Wänden zeugen großformatige grafische Kunstwerke mit Federn davon, dass Milheiro auch in Galerien ausstellt. Ihre dreidimensionalen Objekte, bei denen neben Vogelfedern auch oft Edelmetalle wie Messing und Kupfer oder Strass zum Einsatz kommen, schmücken wiederum die Schaufenster exklusiver Kunden wie Hermès, Cartier und Guerlain.

Rund 50 Prozent ihrer Arbeit fließen in die Mode. „Oft verwenden wir die Federn wie Perlen und besticken die Stoffe, so wie bei unserer bislang anspruchsvollsten Auftragsarbeit für Dior Homme geschehen. Für sie haben wir ein weißes Tüllhemd mit einer Federstickerei überzogen, die einer ikonischen Spitze, dem Toile-de-Jouy, nachempfunden ist. 2000 Stunden stecken in diesem Hemd. Jede einzelne Feder wurde in Form geschnitten. Das war eine verrückt aufwändige Arbeit“, gesteht Milheiro. Die Spitzenstoffe und Stickereien, die sie schon während ihres Studiums begeisterten, sind noch heute ihre größte Inspirationsquelle. „Federn haben eine Magie für mich, eine Schönheit, der ich mich nicht entziehen kann“, erklärt sie ihre Leidenschaft für das Material, das sie täglich umgibt.

Der Auftrag von Dior Homme blieb nicht die einzige Herausforderung. Eine weitere bildete die Zusammenarbeit mit dem deutschen Designerduo Talbot Runhof, das sie bat, gemeinsam mit der Mayer’schen Hofkunstanstalt, einer Münchner Mosaikwerksatt, eine Stickerei zu realisieren. So verarbeitete Milheiro zum ersten Mal auch Murano-Glas in einem Haute-Couture-Top. Und ihre jüngsten Experimente drehen sich ebenfalls um Glas. „Ich arbeite daran, Arrangements aus Federn in Scheiben, genauer in Fenster, Türen und Raumtrenner zu integrieren“, erklärt sie.

Die Pariser Morgensonne fällt durch einige der Arbeitsproben, die auf dem halbhohen Archiv-Regal stehen. Filigran durchscheinende Muster werfen ornamentale Schatten auf den Boden. „Es gibt so viele Möglichkeiten, die sich dadurch erschließen“, schwärmt Janaïna Milheiro. „In der Modewelt mag man meinen Namen kennen, aber die Architektur ist ein unbestelltes Feld für mich.“ Dieses zu bearbeiten und auch hier moderne Technologien mit dem alten Handwerk zu verheiraten, das ist der Weg, den Milheiro einschlägt und der wohl bald in weiteren, atemberaubend filigranen Arbeiten gipfeln wird.