Die Metropole der Machbarkeit. Vergleichsweise niedrige Mieten für Wohn- und Atelierräume in prachtvollen Altbauten und verlassenen Fabrikgebäuden waren in den letzten Jahren die Magneten, die Künstler und Kreative nach Leipzig zogen und ungeahnte Entfaltungsmöglichkeiten boten. Dementsprechend reich ist die Kunst- und Kulturszene in der sächsischen Stadt, zugleich herrscht ein erfrischend unaufgeregter Geist. Den Maler Neo Rauch trifft man in seinem Atelier in der Alten Baumwollspinnerei an, die Schauspielerin Sandra Hüller bisweilen in der Pizzeria.
Meisterzimmer
The Artist Is Present
„Das Meisterzimmer Nummer 1 war ursprünglich mein Atelier“, sagt Manfred Mülhaupt. Nach einem Kunststudium kam er 1994 nach Leipzig und fand das lichtdurchflutete Eckstudio auf dem Gelände der Alten Baumwollspinnerei – damals Off-Location, heute Epizentrum der Leipziger Kunstszene. Als es ihn der Liebe wegen nach Jena verschlug, baute Mülhaupt den Raum mit den meterhohen Decken und riesigen Fenstern zu einem Gästezimmer um. Das Konzept war erfolgreich, Zimmer 2 bis 4 folgten. „Die Einrichtung der Zimmer stammt zum Teil noch aus dem Fundus der alten Spinnerei“, sagt Mülhaupt. Anderes fand er auf Flohmärkten oder baute es kurzerhand selbst. An den Wänden des großzügig geschnittenen Meisterzimmers Nummer 1: Fotografien von Falk Haberkorn und Timm Rautert. Im Zimmer Nummer 3 sind auch Zeichnungen und eine Skulptur von Mülhaupts Lebensgefährtin Jana Gunstheimer zu bewundern, die am Bauhaus in Weimar eine Professur für Experimentelle Malerei innehat. In unmittelbarer Nachbarschaft auf dem Gelände befinden sich die Galerien Eigen + Art, ASPN, Kleindienst, Reiter und Jochen Hempel, ein Kino und ein unabhängiges Theater.
Bouquet Leipzig
Slow Flowers
„Ich habe Herrn Süß, den Gärtner des Parkfriedhofs Plagwitz, einfach angesprochen, ob ich auf dem Gelände zwei Blumenbeete einrichten kann. Und er hat Ja gesagt!“, erzählt Inga Kerber von Bouquet Leipzig. Wo in anderen Städten erst bürokratische Hürden genommen werden müssen, gelingt in Leipzig so manches auf dem kurzen Dienstweg. Heute kann die Künstlerin vom Fenster ihres Studios in der Alten Baumwollspinnerei aus beobachten, wie ihre Christrosen und Prachtkerzen, die japanischen Anemonen und die koreanische Minze wachsen und gedeihen, bevor sie zu Sträußen, Gestecken und anderen Kompositionen zusammengefügt werden. 2018 hat Kerber sich ihr zweites Standbein als Flowerfarmerin aufgebaut und Bouquet Leipzig ins Leben gerufen, seit 2021 ist außerdem ihr Partner Stephan Schürer an Bord, Kardiologe und Mitbetreiber der Gärtnerei Belgershain. Beide sind Teil der Slowflower-Bewegung, die sich für einen nachhaltigen Anbau einsetzt. Im Frühling bringt dieser wilde Mirabellenzweige, Helleboren, Lenzrosen, wilde Pflaume und Efeubeeren hervor, im Frühsommer spielen Pfingstrosen, Flieder und Labkraut im Herbst Dahlien und Astern die Hauptrollen. Die Blumenarrangements mit dem natürlichen Look stehen bei Privatleuten, Gastronomen und in Clubs hoch im Kurs. Gerne stattet Bouquet Leipzig aber auch Hochzeiten und große Feste aus.
Pekar
Back to the Roots
Vom Acker auf den Teller. Der Kultur- und Medienpädagoge Jakob Ottilinger hatte gerade das Urban-Gardening-Projekt Annalinde mit hochgezogen, als ihm der Pizzaofen in den Sinn kam, den er als ehemaliger Waldorfschüler einmal gebaut hatte. Die erste Pizza, belegt mit dem Gemüse aus dem Gemeinschaftsgarten, gelang auf Anhieb. Es folgten ein mobiler Street-Food-Ofen und 2016 der Entschluss, gemeinsam mit Partner Manuel Rademacher, einem Musikwissenschaftler, hauptberuflich in die Pizzabäckerei einzusteigen. Offenbar die richtige Entscheidung. An allen sieben Wochentagen sind die Tische im Pekar mehrfach belegt. Wer also in den Genuss der veganen Pizza ‚Bosco‘ mit Schwarzkohl oder der Variante ‚Zucca e Salvia‘ mit Kürbiscreme und Austernseitlingen kommen möchte, tut gut daran, zu reservieren. „Gemüse, Salate und frische Kräuter stammen noch immer aus der Annalinde-Gärtnerei“, sagt Rademacher. Beten, Fenchel, Gurke, Tomate und Blumenkohl macht das Pekar in den Sommermonaten ein. Das Biomehl wird im Erzgebirge gemahlen, einige der Low-Intervention-Weine kommen von jungen Weingütern in Österreich.
OODD
Zeitgenössische Spitze
Sachsen hat eine lange Spitzenwarentradition – in ihrem 2021 ins Leben gerufenen Studio OODD überführen Susanne Ostwald und Magdalena Sophie Orland das delikate Material in die Gegenwart. Textildesignerin Orland und Modedesignerin Ostwald, die sich an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle kennenlernten, entwickeln mit 3D-Drucker und Transferpresse neue Verfahren für textile Oberflächen. Besonders schön sind ihre Spitzenkrägen aus Organza, die sie zusammen mit Chemisettes anbieten und auf Wunsch auch anfertigen. Doch das ist erst der Anfang der jungen Kollaboration zwischen Orland und ihrer früheren Professorin Ostwald, die Orlands Masterarbeit im Fach Conceptual Textile Design mitbetreute und bei dem Thema „Zeitgenössische Spitze“ Feuer fing. „Wir denken in alle möglichen Richtungen“, sagt Orland, „und verbinden in unseren experimentellen Entwürfen Hochtechnologie mit Handwerk.“ Neben den Accessoires und einigen aufwändigen Blusen, Röcken und Kleidern haben sie jüngst eine Vasenkollektion aus Seidenorganza von Barth & Könenkamp entworfen. Im letzten Jahr gewann das Duo den Sächsischen Staatspreis für Design.
Eyal
Familienangelegenheiten
Ehud Roffe hat sein Restaurant Eyal nach seinem kleinen Bruder benannt. „Ich habe schon zu Hause viel gekocht. Meine Mutter hat marokkanisch-türkisch-spanische Wurzeln, da vermischten sich die Einflüsse an unserem Herd.“ Tatsächlich ist es die levantinische Küche, die bei Roffe auf die Eichentische kommt. Das 2023 eröffnete Lokal, das sich in einer Querstraße der belebten Karl-Heine-Straße in Plagwitz befindet, wurde von der Innenarchitektin Sara Schlenk aus Berlin gestaltet. Sisalböden, Barhocker von Thorup Copenhagen und die Stühle ‚Rey‘ von Hay treffen auf eine weiß gekachelte Bar, die einst in der Gourmetabteilung des legendären KaDeWe stand. Roffe ergänzte das Interieur mit handbemaltem Geschirr von Maki Pottery aus Leipzig und selbst entworfenen Servietten. An den Wänden: Kunst von Or Kantor, einem seiner ältesten Freunde. Die Karte ist mit zehn Positionen überschaubar, alle zwei Monate werden sieben davon ausgetauscht. Die gemüsebasierten Gerichte sind üppig und köstlich: Harissa-Blumenkohl mit Pinienkern-Salsa, Auberginen mit Granatapfel, Tahina und Sumak-Zwiebeln und das Hummus. Letztes ist fester Bestandteil der Karte – das Rezept stammt von Roffes Mutter. „Für das Hummus verwende ich Olivenöl aus Nordsyrien. Es ist ungefiltert und gibt dem Gericht einen besonderen Geschmack.“
Hotel in der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig
Nachts im Museum
„Die Unterkünfte ‚Hotel Volksboutique‘ und ‚Paris Syndrom‘ sind grundverschieden“, erklärt Franciska Zólyom, die Direktorin der Galerie für Zeitgenössische Kunst. Seit 2011 empfängt das 1998 eröffnete Museum an der Karl-Tauchnitz-Straße nun schon Übernachtungsgäste – nicht irgendwo, sondern in zwei begehbaren Kunstwerken. „Das Apartment ‚Volksboutique‘ wurde von Christine Hill gestaltet, die eine große Begeisterung für Baumärkte hegt. Jedes Stück, vom Parkett in unterschiedlichster Maserung, den verschieden gemusterten Tapetenbahnen an den Wänden, den bunten Fliesen im Bad, der Nachttischlampe und den Möbeln in Playmobil-Farben bis hin zur ausgelegten Zeitschrift, ist mit einem Plastiktag versehen, das über Herkunft und Beschaffenheit des Produkts Auskunft gibt.“ Nebenan im ‚Paris Syndrom‘ ein ganz anderes Szenario. „Der Begriff ‚Paris Syndrom‘ beschreibt die Enttäuschung chinesischer Touristen, wenn die besuchten Sehenswürdigkeiten in der Realität hinter ihren Erwartungen zurückbleiben“, erklärt Zólyom. Der chinesische Künstler Jun Yang hat das Phänomen aufgegriffen und ein Apartment mit Fake-Louis-Vuitton-Möbeln und unechtem Murano-Lüster eingerichtet. Rezeption und Frühstücksraum sucht man in dieser besonderen Bleibe zwar vergebens. Dafür warten Croissants in der Kult-Bäckerei Backstein, die ein kleines Backhaus auf dem parkähnlichen Museumsgelände betreibt.
Studio Papaya
Rauhe Schalen
„Unsere Entwürfe fallen aus dem Rahmen. Übergroße Henkel an den Tassen und rohe, unbehandelt wirkende Oberflächen durchbrechen die Sehgewohnheiten“, sagt Johanna Lotz, Mitbegründerin des Studios Papaya, die durch Zufall zu ihrer Bestimmung fand. Die ehemalige Psychologiestudentin und ihre Partnerin Verena Deist lernten sich in einem benachbarten Café kennen und entdeckten ihre gemeinsame Vorliebe für Keramik. Als 2020 am Roßplatz ein ehemaliges Keramikstudio aus DDR-Zeiten seine Türen schloss und ihnen das Ladenlokal günstig angeboten wurde, zögerten sie nicht lange. Lotz und Deist sind Autodidakten, was ihrem Erfolg jedoch keineswegs im Wege steht. „Wir haben gemacht, wonach uns der Sinn stand, und gehofft, dass unser Stil ankommt.“ Was offensichtlich der Fall ist. „Kürzlich hat Vitra für eine neue Kantine und das Besucherrestaurant in Weil am Rhein Geschirr bei uns bestellt“, erzählt Lotz. „Jetzt müssen wir nachproduzieren, weil die Tassen und Teller sich großer Beliebtheit erfreuen und nicht immer ordnungsgemäß in die Küche zurückgehen.“ Ebenso beliefert das Duo das Leipziger Sterne-Restaurant Kuultivo mit Teetassen, Tellern und Buttertellern. Im Studio am Roßplatz finden neben Lesungen, Konzerten und anderen kulturellen Veranstaltungen auch Workshops statt, in denen Lotz und Deist ihr Wissen teilen.
Howitzweissbach
Lokalpatrioten
„Wir lassen unsere Kollektionen in einer eigenen Produktionsstätte in Jahnsdorf, einem kleinen Dorf im Erzgebirge fertigen“, sagt Eva Howitz. „Unsere Schuhe stammen aus Weißenfels, einer der ältesten deutschen Schuhzentren.“ Sie und Partner Frieder Weissbach lernten sich beim Modedesignstudium an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein bei Halle kennen. Nachdem Eva Howitz Stationen bei Viktor & Rolf in Amsterdam und Walter Van Beirendonck in Antwerpen durchlaufen hatte, beschlossen die Freunde 2008, ihre eigene Linie zu gründen. Seither hat das Duo sieben Kollektionen mit experimentellem Ansatz lanciert. „Die reiche Textilindustrie der ostdeutschen Bundesländer am Leben zu erhalten, ist uns ein Anliegen“, sagt Howitz. Ebendieses Ziel verfolgt sie auch mit der Initiative Lokaltextil. Gemeinsam mit Lena Seik berät Howitz hier unter anderem Modeunternehmen zu Produktentwicklung und nachhaltiger Produktion.
Hinrichsinndreißig
Mobilien mit Stil
„Gutes Design, gleich aus welcher Epoche, lässt sich immer kombinieren“, sagt Manuel Overwien. Bereits als 14-Jähriger verkaufte er Vintage-Objekte, damals noch auf dem Flohmarkt am Schaumainkai in Frankfurt am Main. In seinem Leipziger Geschäft im Innenhof des Fregehauses, eines herrschaftlichen Kaufmannshauses aus dem 16. Jahrhundert, bietet er gemeinsam mit seiner Partnerin Carola Staat vorwiegend Lampen, Vasen und Malerei an. Dass dabei auch Stücke mit Bauhaus-Vergangenheit wie die große Vase von Otto Lindig, die Keramik von Hildegard Delius oder die Wagenfeld-Gläser im Portfolio sind, ist nicht zuletzt der Nähe zu Weimar und Dessau geschuldet. Dennoch ist das Programm international. „Eines unserer wertvollsten Stücke ist der hellgraue Sessel ‚Du 55‘ von Gastone Rinaldi“, erklärt Overwien. Ebenfalls Seltenheitswert hat die 70er-Jahre-Stilnovo-Lampe von Vittorio Introini. Flankiert werden die Einrichtungsschätze von Kunst und Keramik aus DDR-Zeiten. „Heiner-Hans und Gerda Körting, Karl Jüttner, Albert Kiessling und Erhard Goschala sind einige der bekanntesten Vertreter “, klärt Overwien auf.
Dankbar
Hehre Gefühle
„Jeden Moment des Tages haben wir die Möglichkeit, für etwas dankbar zu sein. Es gibt wahrlich genug Gründe.“ Für Toni Krätzer, Inhaber der Dankbar, dürfte die Beliebtheit seiner gastronomischen Unternehmungen einer davon sein. 2018 bezog Krätzer das Ladenlokal auf der Jahnallee. In der ehemaligen Fleischerei gibt es heute veganen Kuchen und Pancakes mit Spekulatiuscreme. Die spektakuläre Art-déco-Decke mit Hinterglasmalerei von 1904 und die Villeroy-&-Boch-Wandfliesen von 1865 waren schon bei seinem Einzug vorhanden. Krätzer und sein Team ergänzten die Szenerie mit quadratischen Metalltischen und langen Holzbänken, die an nostalgische Bahnhöfe erinnern. Eggs Benedict und Shakshuka stehen in unterschiedlichen Varianten regelmäßig auf der Frühstückskarte, mittags gibt es zwei Lunchoptionen und hausgemachte Limonaden, nachmittags Kuchen und Kaffee, letzteren von den Röstereien Epitome aus Erfurt und Hoppenworth & Ploch aus Frankfurt am Main. „Ich möchte Orte der Begegnung schaffen“, erklärt Krätzer seine Motivation. Neben der Dankbar betreibt er die Grato Espressobar an der Münzgasse und übernimmt mit Kreativdirektor Felix Kastl und Koch Max Heyne in diesem Frühjahr außerdem die Gastronomie der Galerie für Zeitgenössische Kunst, wobei dort die Namensgebung und Gestaltung der Räumlichkeiten in die Hände einer Künstlerin gegeben wird. Eröffnung ist im März.
Pilot
Theaterfreunde
In einer ehemaligen Nebenspielstätte des Schauspiels Leipzig hat der stadtbekannte Gastronom Dietrich Enk 2009 das Pilot eröffnet. „Wir haben die Einrichtung des Restaurants an die Zeit des Wiederaufbaus angelehnt. Aufgearbeitete 1950er Thonet-Stühle und eine an DDR-Design erinnernde Ästhetik erzählen von der Nachkriegsära. Die Kunst an den Wänden stammt von Leipziger Künstlern wie dem Duo Uwe-Karsten Günter und Clemens Meyer oder von Paule Hammer.“ Enk, selbst Koch, setzt auf regionale Zutaten, die Rezepte sind mediterran-orientalisch inspiriert. Auf der Weinkarte stehen Manufakturweine, die er mit Namensvetter Steffen Enk auf dessen Weingut an der Nahe entwickelt. Der ‚Enkelkind‘-Riesling, der ‚Gotthard‘-Grauburgunder, der Rosé ‚Kewin‘ und der Schaumwein ‚Maria‘ bilden die Basis einer Auswahl, deren Fokus auf deutschen Weinen liegt. Die Fine-Dining-Adresse Max Enk, unter den Top-Five-Restaurants in Leipzig, ist ein weiteres Lokal des umtriebigen Gastronomen.
Konfekt,
Frühjahr 2024