Der Wandel ist in Tokio eine Konstante. Gebäude haben nach zehn oder zwanzig Jahren bereits ihr Verfallsdatum überschritten, werden abgerissen und durch neue Bauten mit glitzernden Fassaden ersetzt. Stets prägt ein Dickicht von Baukränen die Skyline der Stadt. Wie begegnen ArchitektInnen und Interior DesignerInnen diesem Tempo? Wie finden sie angesichts einer solch rasanten Stadtentwicklung zu einer gestalterischen Identität? Vier Kreative zeigen ihren Weg, in der japanischen Metropole ihren Prinzipien treu zu bleiben.
Ich wollte einen Zen-Ort schaffen, eine Oase der Ruhe in der Hektik der Stadt“, sagt Keiji Ashizawa. Der Architekt und Designer steht an der bodentiefen Fensterfront in der 47. Etage des Tokyu Kabukicho Tower, in dessen obere acht Stockwerke das exklusive Bellustar-Hotel eingezogen ist, und blickt auf das Häusermeer, das sich gen Osten bis zum Horizont erstreckt.
Zweihundert Meter tiefer wetteifern die Vergnügungsetablissements von Shinjuku lebhaft blinkend um ihre Kundschaft, in den Penthouses herrscht friedliche Stille.
„Sieht Tokio von hier oben nicht aus wie ein kolossaler Steingarten?!“ Ashizawa wendet sich um und lässt seinen Blick über das Interieur der Suite schweifen. „Sora“ wurde sie benannt, das bedeutet Himmel. Tatsächlich hat die 277 Quadratmeter große Raumflucht etwas von einem Tempel. Die Wände sind in Handarbeit mit der japanischen Shikkui-Kalkputz-Technik bearbeitet. Die beiden Sofas und die zwei Polsterstühle, die sich um den ausladenden quadratischen Tisch gruppieren, haben handschmeichelnde, abgerundete Ecken, sind aus japanischer Eiche und mit grau-braun-meliertem Stoff von Kvadrat bezogen. Ein hüfthohes, halb offenes Regal teilt den Raum in Wohn- und Essbereich. Dahinter sechs gepolsterte Stühle mit Armlehnen an einem langen Tisch.
„Ich habe die Einrichtung gemeinsam mit Norm Architects aus Kopenhagen entworfen. Umgesetzt wurden unsere Designs von der japanischen Möbelmanufaktur Karimoku.“ Die Arbeit mit den Kopenhagener KollegInnen empfindet der Architekt, der japanische Ästhetik und Handwerkskunst gerne mit westlichen Einflüssen verschmelzen lässt, als sehr inspirierend. „Mal setzt sich ein Entwurf von Norm Architects durch, mal fügen sich meine Designs besser ins Gesamtbild. Der Prozess ist demokratisch“, sagt der 51-Jährige. Er tritt an den Esstisch und rückt einen von ihm entworfenen Stuhl vom Tisch ab, um auf die handwerklichen Details hinzuweisen. Seit 2018 arbeitet er regelmäßig mit dem ikonischen Möbelbauer Karimoku aus der Präfektur Aichi zusammen. Die Möbel für das Bellustar Tokyo, nahezu ausschließlich Maßanfertigungen, sind Teil der sogenannten Karimoku Cases. „Fünf Penthouse-Suiten, drei Restaurants und einen Spa haben wir eingerichtet. Eine besondere Herausforderung dieses Auftrags bestand darin, der Exklusivität der Unterkünfte gerecht zu werden und dennoch unseren Gestaltungsprinzipien der Simplizität treu zu bleiben. In einem sehr hohen Preissegment ist es gar nicht so einfach, dem Kunden zu vermitteln, dass wir nicht mit Messing und Gold arbeiten und dass weniger mehr ist.“ Nicht leicht auch, Räume dieser Dimension behaglich und intim zu gestalten. Auch dieser Spagat gelang in Zusammenarbeit mit den dänischen Kollegen.
Kennengelernt hatte Keiji Ashizawa Norm Architects 2017 in einem Workshop des Möbelherstellers Ariake Collection. Eine Woche lang arbeiteten sie Seite an Seite und stellten dabei fest, dass sich ihre gestalterischen Vorstellungen vielfach deckten. Beim Einsatz von Materialien beispielsweise. Und auch ihre Vorliebe für neutrale, naturnahe Farben verband sie von Anfang an. „Ich habe Norm Architects dann der Möbelmanufaktur Karimoku vorgestellt. Karimoku verfügt über ein Repertoire wunderbarer Techniken in der Holzverarbeitung, hatte bis dato aber noch nicht mit nordeuropäischen Designern gearbeitet“, erinnert sich Ashizawa. Auf diese Weise entstand der harmonische Dreiklang, in dem jeder vom anderen lernt.„Im öffentlichen Diskurs ist Nachhaltigkeit ein wichtiges Thema. Ich glaube, wenn wir Möbel entwerfen, die zeitlos sind, die im besten Fall von Generation zu Generation weitergegeben werden, sind wir freier in der Wahl unserer Materialien“ sagt Ashizawa. Seine Philosophie nennt er „ehrliches Design“. „Ich bleibe meinen Prinzipien treu“, betont der Gestalter, der neben Architektur und Inneneinrichtung auch Landschaftsarchitektur anbietet. Dreißig unterschiedliche Projekte hat er momentan in Arbeit. Sein Lieblingsprojekt? „Das Trunk-Hotel am Yoyogi-Park in Shibuya. Ich habe es nicht nur eingerichtet, sondern durfte auch das Gebäude entwerfen“, sagt Ashizawa mit einem feinen bescheidenen Lächeln.
Die Feuerleiter verläuft im Zickzack entlang der Fassade des neunstöckigen Stahlbetongebäudes. Sie verbindet sämtliche Etagen und damit die Terrassen, die mit großzügigen Glastüren aus gestattet sind. Satoko Shinohara und Taichi Kuma erklimmen die schmalen Metallstufen bis zum Dach. Von hier aus lassen sie, die Architektin, und ihr Sohn, auch er Architekt, den Blick über die umliegenden Häuser schweifen. Obwohl auch diese zumeist viele Geschosse zählen, wirken sie mit ihren kleinen Fenstern und schmalen Loggien eher konventionell.
„Das Hauptprinzip dieses Hauses, das wir SHAREtenjincho genannt haben, ist das Teilen. Es ist ein Gemeinschaftshaus zum Wohnen und Arbeiten – eine exotisch anmutende, ungewöhnliche Wohnform in Japan, doch eine wirksame Waffe gegen die soziale Isolation in winzigen Apartments, für die zum Teil horrende Mieten verlangt werden“, erklärt Shinohara. Ebenerdig ist das Restaurant Crazy Pizza eingezogen. „Direkt darüber befinden sich Co-Working-Büros und über die restlichen Etagen verteilen sich neun private Zimmer, außerdem ein Wohnraum mit offener Küche und ein Badezimmer mit Sauna – Räume, die von allen BewohnerInnen gemeinschaftlich genutzt werden. Genauso wie diese Dachterrasse.“ Bereits seit 2010 beschäftigt sich Satoko Shinohara mit dem Thema Shared Architecture. „Schon damals lebte die Hälfte aller Japaner in Single-Haushalten“, erläutert die Architektin, als sie mit ihrem Sohn wieder eine Etage hinabsteigt, wo sich der gemeinschaftliche Wohn- und Ess-raum befindet. Der Raum mit den zum Teil sechs Meter hohen Decken wirkt durch die funktionaen honigfarbenen Lärchenholzmöbel freundlich und aufgeräumt. Vor einer Wand wurden offene Regale platziert, an einem Esstisch mit Hockern finden rund zehn Personen Platz. „Die Inneneinrichtung hat Taichi entwickelt“, sagt Shinohara zur innerfamiliären Arbeitsteilung. Auftraggeber dieses 2022 fertiggestellten Objekts war ihr Mann Kengo Kuma, der als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Architekten Japans gilt. Taichi Kuma, der gemeinsame Sohn, ist mit seinem Vater auch beruflich verbunden. „Meine Mutter arbeitet bevorzugt in der Planung. Mir macht es Spaß, die Fassade und die Möbel zu gestalten“, sagt dieser. „Da mein Vater das Projekt finanziert, müssen wir uns in einigen Fragen mit ihm abstimmen.“ Der Junior grinst. „Er mag keinen Sichtbeton – wir schon!“ Das SHAREtenjincho besteht in seiner Grundstruktur aus fünf ineinander verschachtelten Betonrahmen. „Ich wollte, dass diese Struktur noch erkennbar ist“, erklärt Satoko Shinohara. Der Kompromiss: Nur die Betonfassade wurde weiß gestrichen.
Wer nutzt das Angebot, in eine so großzügige und luxuriöse Wohngemeinschaft einzuziehen? „Ausschließlich Singles“, sagt Kuma junior und fordert den Lift an. „Die Hälfte der Leute sind ArchitektInnen in ihren späten Zwanzigern oder frühen Dreißigern. Aber wir haben auch einige architekturaffine IT-ExpertInnen.“ Umgerechnet 1100 US-Dollar zahlen die Mieterinnen und Mieter, die privaten Schlafzimmer sind zwischen 12 und 18 Quadratmeter groß. Eines jedoch müsse klar sein: Zum gemeinschaftlichen Wohnen gehöre auch Gemeinsinn. Aufräumen und putzen würden die Residents selbst in die Hand nehmen. Dafür kommen sie aber auch in den Genuss einiger Annehmlichkeiten, die in Tokio rar sind. Eine eigene Sauna zum Beispiel.
Der Lift hält auf der 4. Etage. Hier befindet sich das Bad, das ebenfalls sechs Meter Deckenhöhe hat. Waschmaschinen und Trockner sind praktisch übereinandergestapelt, Licht flutet durch Fenster auf beiden Seiten in den Raum, der Boden besteht aus einer Neun-Millimeter-Schicht Fließzement. Taichi Kuma, selbst großer Fan der nordeuropäischen Badekultur, freut sich, dass aktuell eine Bewohnerin professionelle Saunameisterin ist. „Es ist schon seltsam: Manche Nachbarn regen sich auf, wenn unsere Leute in T-Shirts und Shorts auf den Terrassen sitzen. Wegen der Sauna hat sich aber noch niemand beschwert“, sagt Kuma mit einem Augenzwinkern. „Wir haben aber auch ein paar Bäume zusätzlich auf der Terrasse vor dem Bad gepflanzt. Mehr, als wir ursprünglich geplant hatten.“
„Das Handwerk in Japan ist heutzutage mit Schwierigkeiten konfrontiert. Um ihre Preise zu halten, sind die HandwerkerInnen gezwungen, Abstriche bei den Materialien zu machen, mit denen sie früher traditionell gearbeitet haben. Ich habe mir vorgenommen, Aufträge zu vergeben, bei denen sie ihr ganzes Können unter Beweis stellen dürfen.“ Hiromi Hosoya steht im Showroom von Time & Style auf der dritten Etage des Tokyo Midtown Towers. Auf der Verkaufsfläche ist die hochwertige Kollektion des japanischen Möbelunternehmens in gedämpftes Licht getaucht: helle Hölzer, abgerundete Kanten, Polster in zurückhaltenden Naturfarben. Neben den eigenen Entwürfen hat Time & Style auch einige der ikonischen geometrischen Sitzmöbel des Architekten Kengo Kuma im Programm. Daneben Sofas, Stühle und Tische von minimalistischer Eleganz aus der Feder von Peter Zumthor. All seine Möbelentwürfe, die in den letzten 50 Jahren als Teil seiner architektonischen Projekte entstanden sind, lässt der Schweizer bei Time & Style realisieren und in Japan anfertigen. Vor dem Fenster streckt sich das lange Sichtbetontrapez des 21_21 Design Sight Museums von Tadao Ando in die saftig grüne Wiese.
Architektin Hosoya, die ihren Master bei Rem Koolhaas in Harvard gemacht hat, ist mit Masato Izumisawa verabredet, Projektplaner bei Time & Style. Er ist ihre Ansprechperson und ihr Sparringspartner in einer besonderen Mission gewesen. Für eine Kundin, deren Genfer Haus sie gerade renoviert, hat Hosoya einen Make-up-Tisch entworfen. „Die Kundin wünschte einen gemeinsamen Schminktisch für sich und ihre Tochter. Ich habe einen Tisch entworfen, bei dem sich Walnussholz mit Kupfer verbindet“, erklärt Hosoya. Ihr Leben spielt sich ab zwischen Tokio und Zürich, zwei Monate lebt sie hier, zwei Monate dort. In Japan lehrt sie Architektur und Design mit interdisziplinärem Ansatz für angehende PolitikerInnen an der an gesehenen Keiö-Universität, in Zürich unterhält sie mit zwei Partnern das Architekturstudio Hosoya Schaefer. Ist sie in Japan, nutzt die Architektin die Zeit neben der Lehre auch dafür, die Produzenten zu besuchen, die sie mit Aufträgen versorgt. Hiromi Hosoya und Masato Izumisawa machen sich gemeinsam auf den Weg. Ihr Ziel: die MetalldrückereiTakahashi Shibori Kogyo. Ihr Inhaber, der in der dritten Generation mit der sogenannten Shibori-Technik arbeitet, war für die Kupferteile des Schminktisches verantwortlich – die Rückseiten der Spiegel und gebogenen Metallblenden an den Aufbewahrungselementen des kommodenartigen Schminktisches. Die Holzarbeiten wurden in Asahikawa auf der Insel Hokkaido im Norden des Landes gemacht, einer Gegend, die für ihre Holzwerkstätten berühmt ist.
Das Studio von Masayuki Takahashi liegt in Edogawa, Tokios östlichstem Bezirk, etwa 45 Metro Minuten von Midtown entfernt. In zwei benachbarten Häusern arbeitet eine Handvoll Metalldrücker an den sich drehenden Blechen. „Metalldrücken ist eine manuelle Metallverarbeitungstechnik, bei der ein Handwerker eine hohle Schale aus einem einzigen massiven, flachen Metallblech formt, das mithilfe einer Formstange eng an eine Form gedrückt wird, während das Blech rotiert“, erklärt Izumisawa den Arbeitsprozess über die Schulter hinweg, als er die Treppe zum winzigen Büro des Chefs emporsteigt. Takahashi strahlt, als der Besuch in der Tür steht. Er arbeitet schon seit Jahren für Time & Style, Izumisawa ist sein Ansprechpartner für die Produktionsprozesse. Heute werden neue Kooperationsmöglichkeiten ausgelotet, aber Hosoya möchte dem Metalldreher auch ihre Hochachtung aussprechen: „Ich bin ja ein Kontrollfreak, bei mir muss alles auf den Millimeter genau stimmen. Als der Schminktisch in Genf ausgeliefert wurde, war ich überglücklich. Das Endprodukt übertraf all meine Erwartungen. Die Handwerker hatten so viel Können in das Möbelstück gesteckt! Es hatte eine richtige Aura, war noch schöner, als ich es mir vorgestellt hatte.“
Takahashis Gesicht leuchtet vor Freude. Drei ganze Jahre hat die Entwicklung gedauert, aber am Ende hat es sich ausgezahlt. „Kupfer ist ein schwieriger Werkstoff, besonders, was die Farbigkeit betrifft. Oftmals gehen ein Dutzend Proben zwischen der Werkstatt und mir hin und her, bis die richtige Farbe gefunden ist. Im Fall von Takahashi: ein Muster. Fertig“, lobt Hiromi Hosoya weiter. Dass ihre Auftraggeberin bereit war, so lange auf das Möbelstück zu warten, spricht für ihr Vertrauen in die Arbeit der Gestalterin. Nun möchte Hosoya mehr solcher Projekte in ihrer Heimat umsetzen: „Ich habe zwei Schweizer Kundinnen, die aufgeschlossen sind für Anfertigungen dieser Art. Sie investieren nicht nur in Kunst, sondern eben auch in Kunsthandwerk und sehen darin einen ebenso großen Wert.“ Berufe der japanischen Meisterhandwerker zu erhalten, ist der Architektin ein persönliches Anliegen geworden. Und dafür tut sie, was in ihrer Macht steht.
Architektur & Wohnen,
Januar 2025