← PrevSalon - Tischgespräch Marina Abramović
Next →Konfekt - Perfect Welcome Mimi Thorisson

Artenreicher Großstadtdschungel

Art & Culture / Interior Design / Travel

Präkolumbianisches und koloniales Erbe, Art nouveau und Art déco, Modernismus und Brutalismus neben Zeitgenössischem – in der 21-Millionen-Metropole Mexiko-Stadt prallen architektonische Gegensätze aufeinander und entfachen jenes aufregende Lebensgefühl, das eine junge internationale Crowd anzieht. Die Designerin Perla Valtierra führt uns durch Stadtteile, die wie botanische Gärten wirken, und eine Kunst-, Design- und Gastroszene, die zu den reichsten der Welt gehört.

Das Haus von Perla Valtierra liegt in San Jerónimo Lídice, einem wohlhabenden Stadtteil im Südwesten von Mexiko-Stadt. In der Architekturwelt hat das Gebäude einen Namen: Casa Möbius, nach dem deutschen Mathematiker August Ferdinand Möbius, der 1858 die geometrische Figur der Endlosschleife entdeckte, das Möbiusband. Die mexikanische Designerin lebt hier seit sechs Jahren. „Ein befreundeter Bildhauer, Pedro Reyes, gab mir den Tipp, dass das Haus zum Verkauf steht“, sagt Valtierra beim Empfang im Schatten des imposanten, freischwebenden Betonerkers, der die Vorderansicht des brutalistischen Gebäudes dominiert.

„Der Architekt Ernesto Gómez Gallardo hat die Casa 1978 als Residenz und Atelier für sich selbst entworfen und wohnte hier Zeit seines Lebens“, erklärt die heutige Hüterin des architektonischen Schatzes. „Er war, wie man sieht, fasziniert von Geometrie.“ Schon an der Schwelle fällt der Blick auf die Deckenkonstruktion, die ein rasterartiges Muster aus Dreiecken zeigt. „Dieses Raster zieht sich wie eine architektonische Signatur durch das gesamte Haus“, fährt Valtierra fort und kommt auch gleich auf die andere, die namensgebende geometrische Besonderheit des Gebäudes zu sprechen. „Das Möbiusband beschreibt ja eine Acht. Es ist das strukturelle Element des Hauses und in die Konstruktion eingebettet, zeigt sich jedoch nicht als dekorative Referenz. Wenn ich mich jedoch auf den vielen Treppen und Zwischenebenen durch das Haus bewege, habe ich oft das Gefühl, dieser Form zu folgen.“ Auch die Dachkonstruktion des 500 Quadratmeter großen Hauses sei der Endlosschleife nachempfunden, doch das werde nicht von innen, sondern erst aus der Vogelperspektive deutlich.

Wie schon Gallardo verbindet auch Valtierra in dem Haus das Persönliche mit dem Professionellen: Es ist ihr Rückzugsort, dabei ein Ort der konzentrierten Ruhe und ein idealer Arbeitsplatz. Im Wohnzimmer führt neben dem Betonkamin eine Wendeltreppe aus dem gleichen Material hinab ins Souterrain, das durch die Hanglage des Anwesens auch einen eigenen, ebenerdigen Zugang hat. Hier befindet sich das Studio der Designerin. Eine riesige Glasfront gibt den Blick in den Garten frei. Davor auf den Arbeitstischen: Glasurproben, Artefakte aus Terrakotta, schwere Glasobjekte und einige Nachschlagewerke. Auf dem Boden entlang der Vulkansteinwände die größeren ihrer ikonischen Keramikarbeiten, leicht zu erkennen an den seitlich herablaufenden, barock geschwungenen Bändern, die die Vasen, Amphoren und Kerzenleuchter schmücken. „Ich habe Industriedesign hier in der Stadt studiert, an der Universidad Nacional Autónoma de México, kurz UNAM. Schon während des Studiums faszinierte mich Keramik besonders“, erklärt die Gestalterin. Nach ihrem Abschluss verbrachte Valtierra 2014 im Rahmen eines Stipendiums ein Jahr in Kyoto. „Dort wurde mir klar, welche Bedeutung hochwertig gefertigte Gegenstände für Alltagsrituale haben – wie eine besondere Teetasse beispielsweise die Achtsamkeit erhöht.“ Das prägt ihre Einstellung zu Tafelgeschirr bis heute.

Zurück in Mexiko-Stadt eröffnete sie einen Pop-up-Store, um ihre in Japan gefertigten Terrakottawaren zu präsentieren. „Dort traf ich Elena Reygadas“, erinnert sich Valtierra lächelnd. Reygadas, Inhaberin des hochdekorierten Restaurants Rosetta und eine der berühmtesten Köchinnen der Welt, gefiel Valtierras Stil auf Anhieb und sie kaufte den Löwenanteil dessen, was die Keramikerin in Japan produziert hatte. „Das Pop-up war also schnell beendet“, lacht Valtierra. Heute sind sie und Reygadas befreundet, zusammengeschweißt durch eine langjährige enge Zusammenarbeit.
Perla Valtierra drängt zum Aufbruch, sie möchte uns ihre Lieblingsorte zeigen mit ihren architektonischen Highlights und bestellt ein Uber, die schnellste und auch sicherste Methode, um in Mexiko-Stadt, das auf über 2000 Metern Höhe liegt, von A nach B zu kommen.

Es sind nur 16 Kilometer von San Jerónimo Lídice ins Zentrum, doch der Verkehr in der Stadt ist zäh und unter 35 Minuten ist man selten in einem der zentralen Stadtteile. Mexiko-Stadt erstreckt sich auf 1500 Quadratkilometern. Wegen der seismischen Aktivität in der Gegend ragen – gemessen an anderen Städten dieser Größenordnung – nur wenige Hochhäuser in den Himmel. Während der Fahrt durch die Millionenmetropole wird deutlich: In gewisser Hinsicht ist Mexiko-Stadt ein Dorf. Das Netz der Kreativen, die international erfolgreich sind, ist eng geknüpft. „Auch Frida Escobedo ist eine Freundin“, erklärt Valtierra über ihre Schulter hinweg, als die Sprache auf die mexikanische Architektin kommt. Escobedo ist aktuell nicht nur damit befasst, einen Flügel für die moderne und zeitgenössische Sammlung des New Yorker Metropolitan Museum of Art zu bauen, gemeinsam mit Nicolas Moreau und Hiroko Kusunoki verantwortet sie auch den Umbau des Centre Georges Pompidou in Paris. „Sie ist jetzt gefragt wie nie“, sagt Perla Valtierra, als der Wagen in einer kleinen, einspurigen Calle im Stadtteil San Miguel Chapultepec hält, die friedlich in der Sonne liegt. Hier arbeitet ein weiterer Freund der Designerin: Brian Thoreen.

Das Studio des aus Südkalifornien stammenden Künstlers liegt versteckt im Hinterhof, das Glasdach wird von einem großen Lorbeerfeigenbaum überschattet. Thoreen ist 2018 nach Mexiko-Stadt gezogen. „Es war nicht nur die Aussicht, hier ein Studio in der Größe betreiben zu können, wie ich es für meine skulpturalen Arbeiten brauche“, erklärt der Kreative. „Ich war zuvor zwischen New York und Los Angeles gependelt, Mexiko-Stadt fühlte sich einfach besser an. Man spürt hier einen Zusammenhalt zwischen den Kunstschaffenden und Kreativen – und weit weniger Konkurrenzdenken.“ In seinem Studio formieren sich vier sesselförmige Skulpturen zu einer Sitzgruppe. Der multidisziplinär arbeitende Thoreen hat sie aus unzähligen Schichten Manilapapier und Tapetenkleister angefertigt. Die quadratische Sitzfläche wird vom Kleister gebändigt, an zwei angrenzenden Rändern entfaltet das Papier seinen Willen frei und die Schichten wölben sich zu einer Lehne auf.

Brian Thoreen wurde bekannt für seine organisch geformten Möbel aus Industriegummi und Neopren und seine mannshohen Wachskerzen. Seit über zehn Jahren bewegt er sich an der Schnittstelle zwischen Kunst und Collectible Design. „Dafür gab es in Mexiko-Stadt noch keinen Ort“, sagt Thoreen. Deshalb gründete er gemeinsam mit Age Salajõe und Héctor Esrawe 2018 die Galerie MASA, die genau diese Nische abbildet. „Lasst uns hingehen, es sind nur fünf Minuten zu Fuß“, schlägt er vor.

Die Galerie, die seit drei Jahren in der Beletage eines herrschaftlichen kolonialen Gebäudes von 1846 residiert, ist heute wegen der anstehenden Ausstellungen für die Öffentlichkeit geschlossen. Thoreen führt uns in den größten Saal, dessen Boden und eingebaute Bänke mit karmesinroten Kacheln gefliest sind. „Dieser Saal wurde in den 1930er-Jahren eingerichtet und war Schauplatz legendärer Partys, wie viele historische Fotos beweisen. André Breton und Salvador Dalí haben hier – mit anderen berühmten Persönlichkeiten – gefeiert“, erzählt er. MASA führt an diesem geschichtsträchtigen Ort die Tradition des kulturellen Treffpunkts fort. Im April findet hier eine große Soloausstellung mit Thoreens Arbeiten statt. Ein Teekessel aus gehämmertem Kupfer, der aus blasenartig miteinander verbundenen Kugelformen besteht, hat bereits einen Platz auf der gefliesten Anrichte gefunden. Doch vor der Eröffnung wartet noch viel Arbeit auf den Künstler. Er rät: „Geht auch bei Kurimanzutto vorbei“, bevor er sich auf den Weg zurück zu seinem Studio macht.

Nur acht Gehminuten und zwei Straßenecken von MASA entfernt, für Mexiko-Stadt also geradezu lächerlich nah, befindet sich die Galerie für zeitgenössische Kunst von José Kuri und Mónica Manzutto, ein Must-see in der internationalen Kunstszene. „Ende der 1990er-Jahre war die Galerie Kurimanzutto nomadisch“, erklärt Perla Valtierra. „Die Ausstellungen fanden mal auf einem Autoscooterplatz, mal auf dem Parkplatz eines Supermarkts, in der Wohnung von Mónica und José oder im Container eines Sattelzugs statt.“ 2008 endete diese Phase. Das Paar beauftragte den renommierten Architekten Alberto Kalach, ein altes Holzlager und eine industrielle Bäckerei in der Calle Gobernador Rafael Rebollar umzubauen. „Kalach verwandelte das Gebäude im Hinterhof in einen Ausstellungsraum, bewahrte aber dabei die Dachträger“, sagt Valtierra und betritt den ersten der zwei Innenhöfe.

Üppiges Grün von Hängepflanzen wuchert durch die freigelegten hölzernen Balken des Satteldachs. Vor einer rohen Betonwand erstreckt sich auf ganzer Länge eine Sitzbank. Auch sie besteht aus Beton und ist in die Wand eingelassen. Darüber wölbt sich der blaue Mittagshimmel. Im zweiten Hof, der sich an die Ausstellungshalle anschließt, laden breite Ledersofas vor geweißtem Backstein zum Verweilen ein. Von hier fällt der Blick auf üppige Dschungelvegetation. „Ich bewundere die Art, wie Kalach minimalistische Architektur mit Natur verschmelzen lässt. Als ich zum ersten Mal die Biblioteca José Vasconcelos im Stadtteil Buenavista betrat, die er 2006 zusammen mit seinem Architekturbüro TAX gebaut hat, war ich verzaubert“, gesteht Valtierra. „Die Bücherregale mit 470 000 Werken schweben geradezu in dem Raum, der die Höhe einer Kathedrale hat. Mittendrin das Skelett eines Wals, der durch die Bücherfluten zu tauchen scheint.“

Neben Alberto Kalach schätzt Perla Valtierra den Modernisten und Pritzker-Preisträger Luis Barragán, dessen Bauwerke Casa Estudio Luis Barragán, Casa Ortega, Casa Gilardi und Cuadra San Cristóbal mit ihren geometrischen Formen, gesättigten Farben sowie mit Licht- und Wasser-spielen die Aura von Refugien verströmen – und die zu Pilgerstätten internationaler ArchitekturliebhaberInnen geworden sind. Auch das Werk von Juan O’Gorman sei sehr beeindruckend. „Er war ein Zeitgenosse von Diego Rivera und Frida Kahlo“, sagt Valtierra. O’Gorman baute das Museo Casa Estudio Diego Rivera y Frida Kahlo im Stadtteil San Ángel, ein funktionalistisches Gebäudeensemble, das von einem ikonischen Kakteenzaun umgrenzt ist. „Fridas Haus ist kobaltblau und Diegos rostrot. Diese sogenannten Zwillingshäuser sind mit einer kleinen Brücke verbunden“, erläutert die Künstlerin, als sich das Uber durch den Nachmittagsverkehr in Richtung Süden bewegt. „Mir gefallen dort besonders die Räume, die sich über zwei Stockwerke erstrecken.“ Heute aber lotst sie uns zu einem Bauwerk von Juan O’Gorman, das in ihren Augen noch bedeutender sei: die Zentralbibliothek der Universidad Nacional Autónoma de México.

Die Architektur der Hochschule, geplant und ausgeführt von Mario Pani Darqui und Enrique del Moral, ist ein Paradebeispiel für den mexikanischen Modernismus, bei dem die Fakultäten und Institute von unterschiedlichen Architekten gestaltet wurden. „Die Einrichtung hatte große politische Bedeutung, da Mexiko damit sein erstarktes Selbstbewusstsein demonstrierte“, erklärt die ehemalige Studentin Valtierra, als wir auf dem Parkplatz der Bibliothek ankommen. „Dem Credo folgend, entwarf O’Gorman 1956 einen gigantischen Kubus. Er war nicht nur Architekt, sondern auch Maler und Muralist, und verband diese Talente in der Gestaltung der Außenfassade“, sagt Valtierra und beginnt, das Gebäude zu umrunden. Alle vier Seiten des Kubus, zusammengenommen rund 4000 Quadratmeter, sind mit Mosaiken verkleidet. Sie zeigen Szenen aus Epochen, die Mexiko geprägt haben, und verweisen auf die Geschichte der Universität: kosmologische Symbole und prähispanische Figuren, Darstellungen gewaltsamer Eroberungen bis hin zu einem Atom als Sinnbild der Moderne.

Hundert Meter weiter haben Studierende einen kleinen Flohmarkt aufgebaut. „Ich habe es geliebt, hier zu studieren“, sagt Perla Valtierra. „Noch immer ist die UNAM die größte Universität Lateinamerikas. Und für mich auch die schönste.“ Der Nachmittag ist fortgeschritten, morgen fliegt Valtierra mit Elena Reygadas nach Katar, wo sie die Köchin bei einem gastronomischen Projekt unterstützt. Was genau ansteht, ist noch geheim. Dass es großartig wird, daran gibt es keinen Zweifel.

Architektur & Wohnen,
März 2026